Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen

Gebäude-Sprengungen: Gnadenschuss mit Dynamit

1972 wurde der Frankfurter AfE-Turm seiner Bestimmung übergeben. Im selben Jahr versanken 33 Wohnblöcke in St. Louis in einer Staub- und Rauchwolke. Eine Sprengung, die auch die Baupolitik am Main stark beeinflusste.
Die Sprengung des Pruitt-Igoe-Wohngebiets in St. Louis wurde sogar im Fernsehen übertragen.	Foto: Wikipedia Die Sprengung des Pruitt-Igoe-Wohngebiets in St. Louis wurde sogar im Fernsehen übertragen. Foto: Wikipedia

„Boom, boom, boom.“ Nach Jahren des Niedergangs ein Gnadenschuss mit Dynamit. So beschreibt Charles Jencks in „Die Sprache der postmodernen Architektur“ die Sprengung der Pruitt-Igoe-Blöcke in St. Louis. In der Niederlegung der 33 je 11 Geschosse hohen Häuserblocks, gebaut im Norden der Stadt für die sozial benachteiligte schwarze Bevölkerung und besser gestellte Weiße, sah der amerikanische Architekturtheoretiker den „Tod der modernen Architektur“.

Keine der Hoffnungen, die mit dem Bau dieser Siedlung verbunden waren, hatten sich erfüllt. Pruitt-Igoe wurde zum Symbol für Vandalismus, Gewalt, Verfall. Obwohl die Ursachen für dieses Scheitern komplex waren, gab Jencks, dessen Buch in Dutzende von Sprachen übersetzt wurde, der funktionalistischen Architektur die Alleinschuld. Und nicht nur das: All die utopischen Visionen, die seit den 20er Jahren mit der Moderne verbunden waren, seien mit dem Knall von St. Louis in die Luft gesprengt und unter einer Staub- und Rauchwolke begraben worden. Die Szenen des spektakulären Abrisses wurden im Fernsehen übertragen und, von dramatischer Musik untermalt, weltweit in dem zivilisationskritischen Kultfilm „Koyaanisqatsi“ verbreitet.

 

Keine Schöngeister

 

Die Implosion der zwischen 1951 und 1954 fertiggestellten Wohnblöcke in St. Louis geschah in drei Folgen 1972 – dem Jahr, in dem der Frankfurter AfE-Turm fertig wurde, der am kommenden Sonntag abgebrochen wird. Zwar liegen zwischen beiden Städten mehr als 7300 Kilometer Luftlinie und der große Teich, doch haben beide Sprengungen mehr miteinander zu tun, als es der zeitliche und örtliche Abstand vermuten lässt.

Der Frankfurter Uni-Turm fällt an diesem Sonntag.	Foto: dpa Bild-Zoom
Der Frankfurter Uni-Turm fällt an diesem Sonntag. Foto: dpa

Das damals neue Hochhaus für die Erziehungs- und Geisteswissenschaften am Main und die Wohnblöcke in der Stadt am Mississippi sprachen die Sprache des Funktionalismus. Anders als Pruitt-Igoe, das für in Beton gegossene – verfehlte – Sozial- und Rassenpolitik stand, war der AfE-Turm Symbol der deutschen Bildungsexpansion. Nach dem Sputnik-Schock nahm man in der alten Bundesrepublik viel Geld in die Hand, um möglichst schnell die Zahl der Akademiker zu steigern. Dutzende von Universitäten wurden in den 60ern und 70ern neu gegründet – Bielefeld, Passau oder Regensburg zum Beispiel – oder erweitert. Wo man herausragende Architekten für diese Projekte gewinnen konnte, sind diese Bauten – etwa die Ruhr-Uni in Bochum – aus heutiger Sicht noch ganz interessant. Wo nicht, da nicht – das Frankfurter Universitätsbauamt, das für die Pläne des AfE-Turms verantwortlich zeichnete, war eine Versammlung von hemdsärmeligen Pragmatikern. Schöngeister waren keine darunter.

Dass das Gebäude von Anfang an nie funktionierte, dass etwa viel zu wenige Aufzüge vorhanden waren, die auch nicht in jedem Stockwerk hielten, könnte man für eine Ironie der Geschichte halten. Doch es spricht für den unseligen Geist, mit dem diese Häuser gebaut wurden. Auch in Pruitt-Igoe gab es zu wenig Lifts. Und sie hielten darüber hinaus auch nur in vier Stockwerken. Minoru Yamasaki, Architekt der Blöcke, der auch den Entwurf der 2001 eingestürzten Twin Towers am World Trade Center anfertigte, sprach von „vertikaler Nachbarschaft“. Er wollte zwanglosen Kontakt zwischen Bewohnern, damit Nachbarschaft entstehe. Auch wenn das bedeutete, dass sie zwangsweise durch schlecht belichtete und schlecht belüftete Treppenhäuser laufen mussten.
 

Bilderstrecke Die letzten Tage des AfE-Turms
Der 116 Meter hohe AfE-Turm der Frankfurter Universität soll am 2. Februar gesprengt werden. Nie zuvor ist bislang in Europa ein derart hohes Haus gesprengt worden. Wir blicken noch einmal zurück, als das Gebäude ausgeräumt wurde. Fotos: ChristesDer gesprühte Drache über den Hausplan zeigt, dass hier ein gewisses Maß an Freigeist herrschte.Das ist auch kein Wunder: Rund 40 Jahre lang beherbergte der 1972 errichtete Bau die gesellschaftswissenschaftlichen Fakultäten der Universität. Die Bezeichnung AfE hatte sich als Abkürzung für Abteilung für Erziehungswissenschaft eingebürgert. Die altertümlichen Bildschirme in dem Container haben wohl auch langes Leben hinter sich.

 

1972 war es auch, als ein noch junger deutscher Kunstwissenschaftler zu einer Gastprofessur in den USA weilte – in St. Louis. Ob Heinrich Klotz tatsächlich Augenzeuge der Sprengung war, ist seinen schriftlichen Aufzeichnungen nach eher unwahrscheinlich. Aber wahrgenommen hat er das Ereignis. In seinem drei Jahre später erschienenen Buch „Keine Zukunft für unsere Vergangenheit“ sprach er von Pruitt-Igoe als „Neubauslum“. „Eine moderne hygienisierte Architektur reinen Nutzens“, wie Klotz sie in St. Louis vorfand, „kann nicht ein Altstadtquartier ersetzen.“ Der Buchtitel deutet an, was Klotz, damals ordentlicher Professor in Marburg, beschäftigte: Er wollte die sanierungsbedürftige Altstadt des Universitätsstädtchens mit ebenso sensiblen wie poetischen Neubauten beleben und gewann dafür renommierte Architekten – Oswald M. Ungers an der Spitze. Doch den Marburgern fehlte der Mut. Also zog es Klotz, Visionär und unsteter Wanderer zugleich, nach Frankfurt, wo ihm Walter Wallmann und Hilmar Hoffmann das Amt des Gründungsdirektors des Deutschen Architekturmuseums antrugen.

Frankfurt war der ideale Ort für Klotz. „Krankfurt“ oder „Bankfurt“ genannt, musste in den 70er Jahren dringend umgebaut werden. Und Klotz machte am Main mit dem weiter, mit dem er an der Lahn aufgehört hatte: mit Baupolitik. Mutige Männer fand er neben Wallmann und Hoffmann auch in dem Baudezernenten Hans-Erhard Haverkampf und Roland Burgard, dem nachmaligen Leiter des Hochbauamtes. Zusammen mit ihnen holte er Baukünstler von internationalem Rang nach Frankfurt, die wie Richard Meier oder Hans Hollein wichtige Gebäude des Museumsufers gestalteten. Er schuf ein öffentliches Forum für junge Talente, die heute – Christoph Mäckler zuvörderst – die Architektur der Stadt bestimmen. Und, wie er in seinen Erinnerungen nicht ohne Stolz schreibt, dass den Messeturm der Deutsch-Amerikaner Helmut Jahn, dass die Hessische Landesbank das heimische Duo Jochem Jourdan und Bernhard Müller planten, das sei ihm zu verdanken.
 

Bilderstrecke Sprengungen in Frankfurt
Wenn in Frankfurt beim Abriss mal Sprengstoff zum Einsatz kommt, dann hat es in den vergangenen zwanzig Jahren fast immer am Sonntag heftig geknallt - so auch bei der Sprengung des AfE-Turms. Bevor dieser am 2. Februar in Schutt zerfällt. Eine kleine Auswahl Frankfurts gefallener Riesen:24. April 1994: Bis zu diesem Sonntagmorgen standen in der Friedrich-Ebert-Anlage zwei Bürotürme der Bundesbahn, der kleinere 45, der andere 75 Meter hoch. 100 Kilogramm Sprengstoff brachten sie zum Einsturz, etwa 4000 Neugierige schauten zu. Anstelle der beiden alten Hochhäuser stehen heute die Gebäude namens Castor und Pollux.20. August 1995: 37 Meter ragte der Kirchturm der Philippus-Gemeinde im Riederwald in die Höhe. Weil sich die Gemeinde die Sanierung des Bauwerks aus Stahlbeton, errichtet 1961, nicht leisten konnte, hatte sie den Turm sprengen lassen.

Neue Szene

 

Dass überdies Oswald M. Ungers der Architekt des Torhauses, der Galeria auf der Messe sowie nicht zuletzt des Architekturmuseums selbst werden konnte, auch das sei auf seinen Einfluss zurückzuführen. Am Rande erwähnt: Ungers’ Mitarbeiter, die sich wie Jo. Franzke, Max Dudler oder Jürgen Engel bald selbständig machten, haben die Frankfurter Architektenszene nachhaltig verändert.

Frankfurt wurde die Hauptstadt der Postmoderne in Deutschland. Doch jenseits aller architektonischen Ikonen ging es Klotz immer um Urbanität. Diese Sorge bewegte ihn in St. Louis, diese Sorge bewegte ihn in Frankfurt. Die Stadt, die Alexander Mitscherlich, dem Leiter des Frankfurter Sigmund-Freud-Institutes, als Vorlage für seine „Unwirtlichkeit der Städte“ diente, die Stadt, vor der viele Bürger in den 70ern flohen und in die Vororte zogen, ist nach vielen Rückschlägen und Pannen urbaner geworden. Klotz, der 1989 nach Karlsruhe weiterzog, um ein neues Museum zu gründen, hat einen Anteil daran. Unter dem Stichwort „Renaissance der Städte“ drängen heute viele zurück in die Metropolen. Der ehemalige Campus Bockenheim, auf dem der AfE-Turm noch steht, soll ein urbaner Ort werden und Wohnungen nicht nur für Besser-, sondern auch für Normalverdiener bieten. Von St. Louis führt ein direkter Weg der Selbstheilung zur Sprengung des Frankfurter AfE-Turms.

Zur Startseite Mehr aus Sprengung des AfE-Turms

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse