Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen

Ruhe vor dem Turm

40 Jahre lang wurde in ihm deutsche Geistesgeschichte geschrieben. Nun sind die Tage des Uni-Turms gezählt. 10 000 Studenten sowie hunderte Professoren und Mitarbeiter ziehen bis Ende März auf den Campus Westend um.
116 Meter grau in grau. Aber die Aussicht von oben auf die Stadt war stets schön – vor allem während der Seminare.	Fotos: Chris Christes 116 Meter grau in grau. Aber die Aussicht von oben auf die Stadt war stets schön – vor allem während der Seminare. Fotos: Chris Christes
Frankfurt. 

Die graue Fassade des 116 Meter hohen Gebäudes wirkt so trist, als ob es seinen zukünftigen Abriss erahnen würde. Bald ist der Uni-Turm, offiziell heißt er AfE-Turm, verwaist. Die Belegschaft in der Robert-Mayer-Straße 5 zieht bis Ende März auf den Campus Westend um.

Epigonen der Frankfurter Schule lehrten hier, Studenten der Geisteswissenschaften attackierten von hier aus die große Politik, zahllose Proteste und Streiks nahmen über den Dächern Frankfurts ihren Anfang. 40 Jahre Geistes- und Polit-Geschichte verlieren mit dem Turm ihr sichtbares Symbol.

Der Grund: Das ihn umgrenzende Gebiet wurde 2011 an die ABG Holding verkauft. Nach Abriss des 38-stöckigen Hochhauses ist ein Neubau mit Gewerbe für den Kulturcampus geplant, den die Stadt Frankfurt in Bockenheim bis 2017 errichten möchte (wir berichteten).

Der genaue Abrisstermin steht noch nicht fest: Frank Junker, ABG-Geschäftsführer, hofft, dass im Herbst damit begonnen werden kann: "Bis zum Spätsommer erstellen wir den Abrissantrag. Erst dann können wir einschätzen, welche Kosten dabei entstehen." Schließlich kann nicht einfach gesprengt werden. Der Turm ist aus massivem Stahlbeton in Skelettbauweise gefertigt. Jedes der 38 Stockwerke muss einzeln abgetragen werden.

"Neben dem Turm befindet sich noch das FLAT – das Gebäude der Prüfungskommission. Dieses wird noch das gesamte Sommersemester genutzt. Deshalb kann der Turm nach dem Umzug nicht direkt abgerissen werden, sondern wird vorerst leer stehen", erklärt Dr. Olaf Kaltenborn, Leiter für Marketing und Kommunikation an der Goethe-Universität. In dieser Phase wird ein Gutachten über die jetzige Beschaffenheit des Turms erstellt. Weil in den 70er Jahren häufig mit Asbest gebaut wurde, muss nach Schadstoffen untersucht werden.

Miserable Zustände

Seit Dezember 2012 verziert ein riesiges Graffito mit dem Schriftzug "Elfenbein" die Front des Turms. Es ist bereits von der Messe und dem Westend aus zu sehen. Doch mit ihrem Elfenbeinturm ging die Uni eher lieblos um, saniert wurde er nur in Notfällen – wie etwa beim Wasserrohrbruch im August 2012, als der Uni-Betrieb für eine Woche stillgelegt wurde.

"Der Turm befindet sich in einem äußerst schlechten baulichen und technischen Zustand, der es unmöglich macht, ihn weiter zu betreiben", heißt es nun aus dem Uni-Präsidium. Ihn nutzbar zu machen, würde mehrere Millionen Euro kosten. Allein die Fahrstühle müssten für teures Geld auf Vordermann gebracht werden. "Dass zwei der sieben Aufzüge regelmäßig außer Betrieb sind oder stecken bleiben, ist kein Geheimnis. So ein Manöver habe ich selbst schon einmal erlebt. Glücklicherweise hat es nur zwei Minuten gedauert, bis das Sicherheitspersonal kam", sagt Alexandra Kraus (24), Lehramtsstudentin für die Förderschule. Also besser das Treppenhaus benutzen: Dessen labyrinthische Irrwege sind von Graffiti und Schriftzügen übersät, "Sprengt den Turm", steht da geschrieben, politische Parolen wollen noch viel mächtigeren Systemen ans Eingemachte.

Kisten packen

Die Umzugsvorbereitungen sind mittlerweile sichtbar. In den obersten Stockwerken häufen sich ausrangierte Computer, die in einem verrosteten Käfig-Gestell gesammelt werden. Umzugskisten liegen stapelweise in den Gängen. Verstaut werden in den Kartons zu Beginn der Semesterferien nicht nur technische Geräte und die Bücher der 29 Bibliotheksgeschosse.

Mit gemischten Gefühlen werden auch Erinnerungen eingepackt. So blicken Lehrende und Studierende einerseits mit Vorfreude, andererseits mit Nostalgie auf das Universitätsleben im Turm zurück. Kim Krüger (19), Soziologie- und Philosophie-Studentin, bedauert den Umzug: "Der Turm mag zwar miserabel aussehen. Wegen des Umzugs sorge ich mich aber um den Erhalt der studentisch verwalteten Aufenthaltsräume."

Denn mit dem geplanten Rückbau ist auch die Debatte über das Turmcafé (TuCa), den Eltern-Kind-Raum und das Frauencafé entfacht. Prof. Karl Gottfried Brun-Otte (54), Komponist und ehemaliger Universitätsmitarbeiter, ist regelmäßig im 5. Stock beim TuCa zu Gast und setzt sich für Ersatzräume auf dem Campus Westend ein. Ob es die geben wird, hängt von den einzelnen Institutsgruppen ab, erklärt das Präsidium im Uni-Report vom 16. Januar. Sollte ein Fachbereich nicht genügend Platz haben, stehen autonom verwaltete Räume den Studenten nicht zur Verfügung.

Zukünftige Heimat

Zu Beginn des Sommersemesters im April beziehen die Fachbereiche 3 bis 5 das Gebäude für Psychologie, Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften (PEG) auf dem Campus Westend. Das neue PEG bietet 18 Seminarräume für 25 bis 50,und 9 Räume für 50 bis 70 Studierende an. "Sollte es nach dem Umzug zu einer Raumnot kommen, wird ein Seminarpavillon aufgestellt. Dieser soll bis zum Wintersemester 2013/4 auf dem Platz der späteren Universitätsbibliothek stehen", sagt Kaltenborn.

10 000 Studierende und hunderte Uni-Mitarbeiter müssen nun Abschied von ihrem Turm nehmen, der ursprünglich für 2500 Studenten gedacht war. Chronisch überlastet war er, der Turm. So gesehen hat er sich wacker geschlagen. nan

(nan)
Zur Startseite Mehr aus Sprengung des AfE-Turms

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse