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„Keine Flüchtlings-, sondern eine Weltkrise“

Er sieht erst den Anfang einer Bewegung: Prof. em. Dr. Klaus J. Bade. Er sieht erst den Anfang einer Bewegung: Prof. em. Dr. Klaus J. Bade.

Herr Prof. Bade, Bilder hilfsbereiter Frankfurter gingen diese Woche um die Welt. Ist damit schon genug für die Flüchtlinge getan?

PROF. KLAUS J. BADE: Jein. Zunächst sind die Willkommensgrüße für Flüchtlinge ein exzellentes Zeichen, das den negativen Beigeschmack des hässlichen Deutschen im Ausland ins Gegenteil verkehrt. Es wäre aber übereilt, deswegen schon von einer erfolgreichen Willkommenskultur zu sprechen.

Er sieht erst den Anfang einer Bewegung: Prof. em. Dr. Klaus J. Bade.
„Keine Flüchtlings-, sondern eine Weltkrise“

Herr Prof. Bade, Bilder hilfsbereiter Frankfurter gingen diese Woche um die Welt. Ist damit schon genug für die Flüchtlinge getan?

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Warum?

BADE: Bei Willkommenskultur geht es nicht nur um die freundliche Begrüßung neuer Gäste am Hauseingang, sondern um die ebenso freundliche Behandlung von seit Generationen im Haus lebenden Einwanderern. Das ist aber nur bedingt der Fall. Und für die Flüchtlinge tun wir bislang Einiges, aber noch zu wenig. Wenn man bedenkt, dass innerhalb kürzester Zeit 400 Milliarden Euro zur Rettung von Banken in selbst verschuldeter Schieflage zur Verfügung gestellt worden sind, dann ist die Investition von gerade mal drei Milliarden für die Kommunen fast erbärmlich zu nennen.

Wie lautete Ihre Forderung?

BADE: Eine zweistellige Zahl müsste es sein – jährlich. Und es muss auf Dauer vor allem die Sprach- und Berufsförderung intensiviert werden. Denn das sind die beiden Einstiegsschienen in die Integration. Klappt das nicht, geht es schief und die Begrenzung der Folgen kostet dann noch mehr Geld.

Wird der Flüchtlingsstrom ihrer Meinung nach anhalten?

BADE: Die Zahlen sind natürlich unklar. Eines ist aber klar: Der Migrationsdruck wird aus nahe liegenden Gründen anhalten. In Syrien etwa wird die Lage nicht besser werden. Man wird sich also darauf einrichten müssen, dass ein großer Teil der Menschen hierbleiben wird, weil sie angesichts der politischen Situation nicht einfach in ihre Heimat zurückgeschickt werden können. Ich gehe davon aus, dass mindestens in den nächsten zwei bis drei Jahren weiterhin mit hohen Zuwanderungen zu rechnen ist. Und das ist erst der Anfang. Denn wir denken noch viel zu sehr an Flüchtlinge aus Kriegs- und Bürgerkriegsgebieten und viel zu wenig an Klimaflüchtlinge, für die es noch gar kein rechtliches Konzept gibt in der Bundesrepublik. Indirekte Klimaflüchtlinge sind zum Teil auch schon unter den Flüchtlingen, die jetzt schon aus Syrien zu uns kommen. Dort breitet sich nämlich die Wüste aus, was viele in die Städte getrieben hat. Wir stehen also erst am Anfang von großen weltweiten Wanderungen.

Was bedeutet das für uns und Europa?

BADE: Die westliche Welt ist der größte Klimasünder weltweit und müsste bereit sein, die Last der Folgen mitzutragen. Dazu gehören auch die Klimaflüchtlinge. Wir müssen beim Helfen lernen, dass Teilen mehr ist als Spenden. Wenn Europa die sogenannte Flüchtlingskrise nicht bewältigen kann, steht die EU in Frage.

Wie kann man gegensteuern?

BADE: Will Europa dieses Problem bewältigen, braucht es ein komplett neues europäisches Asylrecht mit Quoten für die Aufnahme von Flüchtlingen und Asylsuchenden, am besten zugleich mit supranationalen Agenturen – mit einer Asylagentur und einer Arbeitsagentur, die vermittelnde Funktionen haben. Und den in Sachen Flüchtlingsaufnahme sperrigen jungen europäischen Staaten wie Polen oder Tschechien muss vermittelt werden, dass es in der EU nicht nur um eine Zugewinngemeinschaft geht, sondern eben auch darum, in gemeinsame Probleme zu investieren.

Sollte man auf Bürgerkriegsstaaten Einfluss nehmen?

BADE: Europa alleine wird wenig tun können. Es wird immer irrtümlich geredet von einer Flüchtlingskrise, in Wirklichkeit ist es aber eine Weltkrise, die Flüchtlinge ausstößt. Deswegen brauchen wir eine UN-Weltkonferenz zu Flüchtlingsfragen, wie zum Beispiel bei den Klimafragen – am besten verbunden mit einer Flüchtlingsdekade, in der man sich zehn Jahre lang weltweit um die Ursachen der Fluchtbewegungen kümmert. Dann kann man ein Stück weit vorankommen.

(bit)
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