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Bernd F. Lunkewitz, Flughafen-Ausbaugegner: „Verlegen Sie doch den Flughafen“

Bernd F. Lunkewitz war schon immer ein Mann mit vielen Gesichtern. Jetzt hat er eine neue Rolle als Flughafen-Ausbaugegner. Mit FNP-Mitarbeiter Mirco Overländer sprach er über Fluglärm, die Stadtpolitik, sein Engagement bei der SPD und seine Privat-Bibliothek.
»Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Das gilt jedoch nicht für Volker Bouffier«: Bernd F. Lunkewitz spricht gerne Klartext, auch im FNP-Interview. Foto: Chris Christes Bilder > »Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Das gilt jedoch nicht für Volker Bouffier«: Bernd F. Lunkewitz spricht gerne Klartext, auch im FNP-Interview. Foto: Chris Christes
Frankfurt. 

Herr Lunkewitz, beschäftigen Sie sich lieber mit Büchern oder mit Immobilien?

BERND F. LUNKEWITZ: Derzeit und wie schon mein ganzes Leben lang beschäftige ich mich lieber mit Büchern als mit unternehmerischen Fragen. Ich räume gerade meine Bibliothek um und miste einige der rund 5000 Titel aus, etwa meine uralte Taschenbuch-Ausgabe von Brecht, die ich seit den 60ern mit mir herumschleppe. Ich habe nämlich die zu meiner Zeit von Aufbau und Suhrkamp gemeinsam gemachte schönste Hardcover-Ausgabe von Brecht. Ich werde demnächst viele Bücher verschenken.

Wie würden Sie Ihr Leseverhalten beschreiben?

LUNKEWITZ: Ich lese gern, was mich emotional packt oder ich lese aus Neugier. Dann beschäftigt mich ein bestimmtes Thema. Die Biografie von Joseph Beuys aus dem Aufbau-Verlag finde ich gerade sehr interessant. Beim Stöbern in der Bibliothek stieß ich auch wieder auf „Der Krieg am Ende der Welt“ von Mario Vargas Llosa, ein Buch, das man, wenn man es aufschlägt, nicht mehr weglegen kann, genauso wie den „Graf von Monte Christo“ von Alexandre Dumas.

Ihre Meinung zum Suhrkamp-Rechtsstreit: War der Gang in die Insolvenz ein cleverer Zug von Ulla Berkéwicz, um den Mitgesellschafter Hans Barlach zu entmachten?

LUNKEWITZ: Wenn man in einen solchen Rechtsstreit gerät, kann dieser die Existenz des gesamten Verlages gefährden. Bei Aufbau war das auch nicht anders, auch wenn sich der Konflikt hier aus den Gesellschafter-Verhältnissen ergibt. Als es möglich gewesen wäre, hat Siegfried Unseld die Gesellschaftsanteile nicht vereint. Was Ulla Berkéwicz nun versucht, ist ein hochriskantes Manöver. Das Ganze erinnert mich an das Problem der Magd Grusche aus dem „Kaukasischen Kreidekreis“: Auch ich habe mein Kind namens Aufbau-Verlag geliebt und deshalb losgelassen. Berkéwicz und Barlach ziehen nun beide gleichermaßen heftig an dem Kind. Ich hoffe, dass sie es dabei nicht zerreißen. Hier wird übrigens die Figur des Verlegers unendlich überhöht. Es ist ja nicht so, als würden Verleger mit dem Segen Gottes durch die Gegend laufen. Ein Verleger ist ein Dienstleister, der die Bücher seiner Autoren möglichst weit verbreitet und möglichst viel Geld für sie heranschafft. Der Verlag, das sind die Autoren.

Als Verleger des Aufbau-Verlags kämpften Sie gegen die Treuhand, nun gegen Fluglärm. Warum?

LUNKEWITZ: Sie hören es ja selbst. In den 80ern hatte ich mir ein Haus auf dem Lerchesberg gekauft. Bis in die 90er ist es dort immer lauter geworden. Ich bin in die Mörfelder Landstraße umgezogen, weil ich auf die Aussagen der Politiker vertraut habe, dass es keinen weiteren Flughafen-Ausbau geben wird. Ausgerechnet ich, der Politik schon immer für ein Geschäft mit Lügen hielt, glaubte an dieses Versprechen. Das Haus war 1994 fertig, fünf Jahre später begannen die Planungen für den Flughafen-Ausbau. Franz Josef Strauß, dem ich nicht sonderlich nahestehe, hat einmal gesagt, es sei schon möglich, dass eine Stadt in Richtung Flughafen wächst, nicht aber, dass ein Flughafen in Richtung Stadt wächst. Da muss ich ihm beipflichten.

Was stört Sie am erfolgten Flughafen-Ausbau?

LUNKEWITZ: Wenn sich einer wie CDU-Staatsminister Michael Boddenberg als Direktkandidat für den Frankfurter Süden hinstellt und sagt, der Ausbau war kein Irrtum und den Lärm mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen rechtfertigt, dann ärgert mich das. Wir wissen alle, dass der Flughafen vornehmlich schlecht bezahlte Arbeitsplätze bietet. Die Leute, die täglich die Koffer auf dem Rollfeld verladen, werden in doppelter Hinsicht betrogen: Man argumentiert, dass hier im Frankfurter Süden nur reiche Menschen leben und man droht den Beschäftigten am Flughafen mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes. Dabei sind die Bürger, die etwa in der Fritz-Kissel-Siedlung leben, genauso vom Lärm betroffen. Nur können sie es sich oft nicht leisten, wegzuziehen. Das Problem ist, dass die aktuelle Gesetzgebung auf die Durchsetzung nur ökonomischer Interessen ausgelegt ist. Die Airlines wollen die kürzeste Strecke in der kürzesten Zeit zurücklegen. Da bleiben die Interessen der Anwohner, ihre Rechte auf Gesundheit und Erholung, auf der Strecke.

Als Kapitalist und Alt-Linker: Ist es nicht legitim, dass Fraport um jeden Preis expandieren will?

LUNKEWITZ: Natürlich ist das in dieser kapitalistischen Welt nicht legitim, sondern nur legal, also nicht ausdrücklich gesetzwidrig. Aber Gier frisst bekanntlich Hirn. Und wenn Politiker mit solchen Projekten betraut sind, wird es besonders schlimm, wie sich jetzt auch in Berlin-Brandenburg zeigt. Ich bewerte Leben und Gesundheit der Menschen eben höher als die Profit- oder Profilierungsinteressen weniger Aktionäre und Politiker. Daher ist es legitim und legal, dass sich die Opfer dieser Politik gegen Lärm und Gestank wehren. Das tun wir auch ganz persönlich.

Warum fallen die Proteste so heftig aus?

LUNKEWITZ: Dieser Flughafen wurde 1936 in Betrieb genommen und ist seitdem langsam gewachsen und war von allen akzeptiert, bis die Startbahn West kam. Doch selbst danach hatten viele ihren Frieden mit dem Flughafen gemacht. Aber die Politik hat die Menschen mit einer geheuchelten Mediation belogen und betrogen. Statt die neue Landebahn zu bauen, hätte man einfach nur das Parallelbahn-System um 170 Meter auseinanderlegen müssen. Das hätte zwar eine vorübergehende Betriebseinschränkung zur Folge gehabt. Aber dafür hätten wir danach die gleiche Kapazität wie jetzt und keine Proteste. Mit diesem Ausbau hat sich Fraport ihr eigenes Grab geschaufelt. Das Nachtflugverbot bekommen die nicht mehr weg, die Landebahn aber wird fallen. Die prognostizierte Kapazitätssteigerung wird es in zehn Jahren noch nicht geben. Ergo braucht man die neue Bahn auch nicht.

Einige Prominente haben den Frankfurter Süden inzwischen verlassen. Haben auch Sie über einen Wegzug nachgedacht?

LUNKEWITZ: Ich gebe zu, dass ich anfangs auch darüber nachgedacht habe. Dann dachte ich mir aber: Warum soll ich wegziehen? Sollen die doch den Flughafen verlegen.

Wie bewerten Sie als langjähriges SPD-Mitglied die Debatte um die Aufnahme von 20 Flughafen-Ausbaugegnern in die Sachsenhäuser SPD?

LUNKEWITZ: Das hing damit zusammen, dass manche gerne eine vertraute Landtagskandidatin im Frankfurter Süden gehabt hätten, weil es auch in der SPD Kräfte gibt, die dem Arbeitgeber Flughafen sehr nahestehen. Ich würde mir aber wünschen, dass man erkennt, dass ein Arbeitsplatz kein Wert an sich ist. Wir wollen Arbeitsplätze, die sicher und gut bezahlt sind und durch die nicht andere Menschen oder die Umwelt geschädigt werden. Ich kann auch eine eingestürzte indische Textilfabrik oder ein Atomkraftwerk mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen verteidigen. Dann gab es manche, die Ralf Heider wegen seines langjährigen Engagements gegen die neue Landebahn für einen potenziellen Abweichler im Landtag halten, der, wie damals bei der Ypsilanti-Wahl, die Regierungsbildung verhindert, wenn nicht sofort die Landebahn geschlossen wird. Wir haben dieses Problem richtig und demokratisch gelöst. Ich finde, Ralf Heider verdient es, aufgestellt worden zu sein und gewählt zu werden. Ich glaube auch, dass er gewinnt und hoffe, dass seine Wahl zum Regierungswechsel in Wiesbaden beiträgt.

Welches Zeugnis stellen Sie OB Feldmann für dessen bisherige Amtsführung aus?

LUNKEWITZ: Ich finde Peter Feldmanns Vorgehen überraschend geschickt. Er macht seinen Job bisher gut, auch wenn er entweder noch immer oder schon wieder im Wahlkampf-Modus ist. Aber wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Das gilt jedoch nicht für Volker Bouffier, der ja nicht vom Volk gewählt, sondern von seinem Vorgänger, dem brutalstmöglichen Ministerpräsidenten Roland Koch, inthronisiert wurde. Viel wichtiger ist aber, dass auch der Frankfurter Magistrat seinen Job gut macht. Und da ist diese Kleinstadt leidlich aufgestellt, mit Ausnahme der Grünen, die das größte hausgemachte Umweltproblem, nämlich den Flughafenausbau, ausgeklammert haben. Planungspolitisch gibt es niemanden, der eine Vorstellung davon hat, wie diese Stadt in 100 Jahren aussehen soll. Das liegt auch daran, dass Olaf Cunitz’ Planungshorizont bei der nächsten Kommunalwahl endet. Dabei braucht man inzwischen 20 Jahre, nur um eine Straße zu bauen.

Wie kann Frankfurt sein Mietpreis-Problem lösen, ohne die weniger Gutbetuchten aus der Stadt zu vertreiben?

LUNKEWITZ: Wir werden eine zunehmende Gentrifizierung erleben, sonst wird nichts passieren, außer dass Wohnen teurer wird. Auch die aktuelle Knappheit an bezahlbarem Wohnraum ist ein Beleg dafür, dass es keine vernünftige Stadtplanung gibt. Dabei gäbe es eine Lösung: Wenn man die Nordwest-Landebahn schließt, hätte man eine Million Quadratmeter bestens erschlossenes und bereits versiegeltes Bauland mit genug Platz für die fehlenden 30 000 Wohnungen. Am Flughafen selbst ist es ja im Gegensatz zu den Flugschneisen gar nicht so laut. Und wo es doch laut ist, könnte man die Befürworter des immerwährenden Ausbaus des Flughafens wunderbar ansiedeln. Die hätten dann das demokratische Recht, dorthin zu ziehen. Ich wünschte mir einen städtebaulichen Wettbewerb für die Bebauung und Gestaltung der ganzen Flächen zwischen Flughafen und Main. Man sollte Albert Speer fragen, der kann mit solchen Themen umgehen.

Vielleicht bittet Peter Feldmann Sie ja nach der nächsten Wahl, das Planungsdezernat zu übernehmen?

LUNKEWITZ: Ich habe genug damit zu tun, mich um meine Kinder und meine Bücher zu kümmern. Außer in der Sachsenhäuser SPD habe ich keine Neigung, mich in der Politik zu engagieren.

Ihre Prognose für die bevorstehende Landtagswahl?

LUNKEWITZ: Ich wünsche mir, dass es zu einer rot-grünen Koalition reicht. Hier ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Ich halte sehr viel von den hessischen Grünen und glaube an den Wechsel und daran, dass die Flughafen-Debatte das entscheidende i-Tüpfelchen ist. Hier im Frankfurter Süden wird diesmal jeder die SPD wählen. Das gibt Thorsten Schäfer-Gümbel vier Jahre Zeit, das Richtige in der Flughafen-Frage zu unternehmen, nämlich die Landebahn zu schließen. Wenn das nicht geschieht, geht es von vorne los.

 

Bernd Lunkewitz im Gespräch mit Mirco Overländer.
Zur Person: Studium der Philosophie, Verleger und ...

Bernd Lunkewitz wird am 5. Oktober 1947 in Kassel geboren und wächst in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Seine Eltern betreiben in der Kasseler Innenstadt eine Wäscherei.

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