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200. Montagsdemo: „Wir sind nicht gegen den Flughafen“

Im Jahr 2011 eröffnete die Landebahn Nordwest. Seitdem demonstrieren Woche für Woche hunderte Fluglärmgegner im Terminal 1 des Flughafens dagegen. Verantwortlich für die Demonstrationen ist das Bündnis der Bürgerinitiativen. Deren Sprecherin Ina Hauck und Wolfgang Heubner von der BI Sachsenhausen haben FNP-Mitarbeiter Thomas Schmidt erklärt, was der Sinn dieser Demos ist.
Wolfgang Heubner (l.) und Ina Hauck stellen klar, dass die Bürgerinitiativen den Flughafen nicht komplett ablehnen. Sie kritisieren, dass er zum Umsteigeflughafen mit mehr Flugbewegungen ausgebaut werden soll. Eine Mehrbelastung der Region hätte vermieden werden können, wenn Fraport Hahn behalten und Billigflieger von dort aus hätte starten lassen. Foto: Salome Roessler Wolfgang Heubner (l.) und Ina Hauck stellen klar, dass die Bürgerinitiativen den Flughafen nicht komplett ablehnen. Sie kritisieren, dass er zum Umsteigeflughafen mit mehr Flugbewegungen ausgebaut werden soll. Eine Mehrbelastung der Region hätte vermieden werden können, wenn Fraport Hahn behalten und Billigflieger von dort aus hätte starten lassen.

Die 200. Demo am kommenden Montag steht unter dem Motto „Gemeinsam zum Erfolg“. Was wäre denn ein Erfolg für Sie?
 

Zur Person: Für Zahlen und Daten da

Ina Hauck (47) ist vor 15 Jahren nach Frankfurt gezogen. Sie wohnt in Sachsenhausen und engagiert sich seit der Eröffnung der Landebahn Nordwest gegen den Fluglärm.

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INA HAUCK: Ein Erfolg wäre, wenn wir unsere Ziele, wie wir sie im Bündnis definiert haben, erreichen. Das sind die Schließung der Landebahn, die Begrenzung der Flugbewegungen auf 380 000 und schließlich ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr.

Bei wie vielen Montagsdemonstrationen im Terminal 1 des Flughafens waren Sie dabei?

HAUCK: Fast bei 200.

Oberbürgermeister Peter Feldmann hat bei der 150. Demonstration angekündigt, zur 200. Demo zu kommen. Hat er sich schon gemeldet?

HAUCK: In der Tat. Er will kommen, aber auch die Oberbürgermeister von Offenbach und Mainz. Es sind auch noch weitere Politiker angekündigt.

<span></span> Bild-Zoom Foto: Salome Roessler

WOLFGANG HEUBNER: Sie haben auch angekündigt, dass sie ein Statement mitbringen, also mehr als ein Grußwort.

Wann sind Sie denn zum letzten Mal geflogen?

HAUCK: Letzte Woche.

Sie lehnen also Flugverkehr nicht ganz und gar ab?

HAUCK: Nein, ein Flughafen muss durchaus die Reise- und Geschäftsbedürfnisse der Region abdecken. Aber es kann nicht sein, dass Frankfurt, wie Fraport es vorhat, zu einem reinen Umsteigeflughafen wird, um mit Flughäfen zu konkurrieren, die irgendwo in der Wüste liegen. Aber, noch einmal, in den Bürgerinitiativen sind wir nicht gegen den Flugverkehr, wenn er den Menschen in der Region dient.

Aber Frankfurt steht in Konkurrenz zu Dubai, zu London, und als Regionalflughafen wird hier auch kein internationaler Flugverkehr mehr stattfinden?

HAUCK: Es wird sofort das Schreckensbild vom Provinzflughafen gemalt. Man muss doch sehen: Die Flugbewegungen nehmen in Frankfurt nicht zu. Der Planfeststellungsbeschluss wurde genehmigt, weil diese Zunahme angekündigt war. Man versprach wirtschaftliche Vorteile, gegen die die Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung als geringwertiger beurteilt wurde. Die Flugbewegungen nehmen aber nicht zu, die wirtschaftlichen Vorteile bleiben aus. Die Nachteile und Gesundheitsgefahren sind inzwischen nachgewiesen.

HEUBNER: Vielleicht ein paar Fakten. Die Zahl der Passagiere, die in Frankfurt ein- oder aussteigen, hat sich in zehn Jahren nicht verändert. Sie sind konstant bei 25 Millionen. Was sich geändert hat, ist die Zahl der Passagiere, die in Frankfurt lediglich umsteigen. Es sind inzwischen rund 35 Millionen, die keinen Nutzen für das Rhein-Main-Gebiet bringen. Sie nutzen nur den Fluggesellschaften und der Fraport. Für das Angebot der Flüge für die Industrie, das Geschäftsleben, die Bevölkerung der Region ist der Flughafen hoffnungslos überdimensioniert.

Das Konzept ist der „Hub“, der zentrale Flughafen, von dem aus interkontinentale Ziele erreicht werden, und aus dem Land werden die Passagiere hierher geflogen. Muss ein solcher Flughafen nicht viele Umsteige-Passagiere haben?

HEUBNER: Ja, aber die Mitte des Flughafens liegt zehn Kilometer vom Römer weg. Ist es richtig, dass wir in diesem dicht besiedelten Gebiet so einen großen Flughafen haben? Fraport hätte Hahn behalten können und die Billigflieger von dort aus starten lassen können.

HAUCK: In der Region ist der Ausbau raumunverträglich, egal wo. Es geht uns nicht darum, Fluglärm zu verschieben.

Wir sind eine Metropolregion, die wirtschaftlich stark ist. Hängt das nicht fundamental mit einem expandierenen Flughafen zusammen, der es für die Welt interessant macht, hierher zu fliegen oder zumindest hier umzusteigen?

HAUCK: Wir sind eine Handelsstadt, eine Messestadt, eine Bankenstadt, eine IT-Stadt. Mobilität ist nötig, aber die Prosperität auf dem Flughafen festzumachen ist übertrieben. Wir wollen den Flughafen nicht schließen, aber der weitere Ausbau war zu viel. Inzwischen behindert der Flughafen das Wachstum der Stadt. Es wird Wohnraum gebraucht und im Süden (zum Teil auch im Osten) darf wegen der Fluglärmbelastung nicht gebaut werden.

Deswegen sind Sie auch gegen das dritte Terminal?

HAUCK: Das dritte Terminal ist ein reines Shopping-Terminal. Der Bedarf ist nicht da. Es wird wieder Wald gerodet, es werden Zufahrtsstraßen gebaut, es ist eine Verkehrsbelastung für die Bevölkerung.

Aber ein Flughafen mit dereinst 701 000 Flugbewegungen im Jahr, braucht der nicht das Terminal?

HAUCK: Ja, aber es gibt sie nicht. Im Moment wird künstlich Bedarf geschaffen, indem man neue Fluglinien an den Flughafen holt. Es gibt einfach Grenzen!

HEUBNER: Die Prognose von 701 000 Flugbewegungen kommt nur zustande, wenn in Frankfurt viele Passagiere umsteigen. Diese Passagiere haben keinen Nutzen für die Region. Nebenbei, Fraport hat mal gesagt, das Terminal 3 kostet 2,5 Milliarden Euro. Diese Zahl wurde korrigiert auf drei Milliarden, und wahrscheinlich wird es noch teurer.

Aber die Kosten sind doch nicht Ihr Problem?

HEUBNER: Doch, denn wenn Fraport mehr ausgibt, erhalten auch das Land und die Stadt weniger Gewinn auf ihre Aktien.

Es gibt derzeit 462 000 Flugbewegungen, weniger als 2011, als die Landebahn eröffnet wurde. Ist es folglich leiser geworden in der Region?

HEUBNER: Nicht unbedingt. Es gibt die Möglichkeit, mit Rückenwind zu starten, wenn er nicht zu stark ist. Damit fliegen mehr Maschinen Richtung Osten. Bei meiner Tochter in Oberrad habe ich um 21.15 Uhr mal 93 Dezibel gemessen, mit dem i-Pad. Diese Belastung ist nicht zumutbar.

Bis 2020 waren 701 000 Flugbewegungen prognostiert, die Hälfte der Zeit von 2011 bis 2020 ist vorbei, die Flugbewegungen sind sogar weniger geworden. Sie könnten doch ganz entspannt sein. Sie könnten sagen, es fliegen nicht mehr Flugzeuge. Sie könnten sagen, es ist gerechter geworden, weil jetzt nicht mehr die Raunheimer den ganzen Krach abkriegen. Bisher war es ja bequem für Frankfurt. Die Stadt hat die Steuer kassiert, den Krach hatten die Raunheimer, die Kelsterbacher, die Mörfeldener. Jetzt haben auch die Frankfurter etwas mehr Lärm. Warum regen Sie sich auf?

HAUCK: Wir stünden ja nicht auf, wenn der Lärm nicht unerträglich ist. Und der Frankfurter Süden war ja auch durch die Centerbahn schon immer belastet, genau wie mit startenden Flugzeugen. Der Lärm ist nicht geringer geworden wegen der geringeren Flugbewegungen. Lärm belastet auch durch die Einzelschallereignisse. Die Region an sich kommt nicht zur Ruhe. Auch Raunheim und Neu-Isenburg steht an unserer Seite. Sollten wir eines Tages bei 701 000 Flugbewegungen sein, wäre Raunheim ebenso belastet wie vor der Eröffnung der Bahn. Der Flughafen ist für die Region raumunverträglich, egal welche Bahn man betrachtet.

Aber es gibt doch jetzt das Nachtflugverbot, das es ohne die Nordwestbahn nicht gäbe.

HAUCK: Das Verbot war dringend notwendig, weil die Flugzeuge über dicht besiedeltem Gebiet fliegen. Die Nora-Studie hat nachgewiesen, dass die Flüge in der Nacht besonders gesundheitsschädlich sind. Insofern war das Verbot notwendig ganz unabhängig von der Nordwestbahn.

HEUBNER: Die Flieger dürfen alle bis 23 Uhr landen. Aber die Flugzeuge starten schon verspätet, landen erst um 23.20 Uhr.

Was haben ihre bisherigen 198 Demos gebracht?

HAUCK: Wir erinnern Montag für Montag daran, dass der Flughafen raumunverträglich ist. Unsere Demonstrationen haben auch zu einer Bewusstseinsänderung in der Stadt geführt. Bislang wurde über Fluglärm in der Stadt geschwiegen, jetzt gibt es eine Stabsstelle Fluglärmschutz. 200 Demos sind fünf Jahre, in denen wir Woche für Woche zum Terminal kommen. Wir stehen auch für die, die nicht jeden Montag kommen können. Im Übrigen planen wir planen auch schon die 250. Demonstration.

HEUBNER: Wir wollen zeigen, dass wir mit dem hemmungslosen Ausbau nicht einverstanden sind. Aber wir sind keine Flughafengegner. Wir sind für den Rückbau, aber nicht gegen den Flughafen. Schon jetzt ist die Gesundheitsbelastung wegen der Ultrafeinstäube und des Lärms zu hoch.

Wie gefährlich sind diese Stäube?

HEUBNER: Ultrafeinstaub verdickt das Blut, führt zu Herzkreislauf-Krankheiten. Durch uns ist das Thema Lärm, was die Krankheitsquelle des 3. Jahrtausends ist, anerkannt als Ursache für Krankheiten – Fluglärm, Autolärm, Zuglärm.

Ja, man kann nicht nur die Flieger bezichtigen. Wenn Sie im Mittelrheintal wohnen und 24 Stunden den Zug am Haus vorbeifahren hören, würden Sie wohl gerne mit den Sachsenhäusern tauschen?

HAUCK: Wir ziehen mit den Bahnlärmgegnern durchaus an einem Strang. Sie haben den Vorteil, dass man mit technischen Lösungen den Lärm der Bahn signifikant verringern kann.

In den Ferien demonstrieren Sie nicht?

Hauck: Es gibt Mahnwachen, die auch in den Ferien daran erinnern, dass Fluglärm schädlich ist.

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