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Ein Bayer will auf die Bühne

kamHaben „Ja“ gesagt: Valentina Möller und  Ugur Albayrak. Bilder > Foto: Bernd Kammerer (Presse- und Wirtschaftsdienst) kamHaben „Ja“ gesagt: Valentina Möller und Ugur Albayrak.
Frankfurt. 

Kappe, auffällige Ohrringe und das Skateboard unter den Arm geklemmt – lässig kommt Schauspielstudent Andreas Gießer ins Szene-Café Plank in der Elbestraße. Der 25-Jährige wohnt nur ein paar Häuser entfernt in einer Wohngemeinschaft.

Das Board, das verrät er gleich, ist für ihn kein Accessoire, sondern ein bequemes Transportmittel, fast jeden Tag sei er damit unterwegs. Gerade kommt der Münchner auf dem Brett vom Unterricht an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, die er seit vergangenem Jahr besucht. Im November bestimmte ihn die „Liesel und Gisela Christ-Stiftung“ zum neuen Jahres-Stipendiaten, dank seines Talents und seiner Begabung für eine Mundart fiel die Wahl auf den gebürtigen Bayern.

Die Stiftung wurde von Gisela Christ von Carben wenige Monate vor deren Tod 2015 gegründet. Für den Studenten, der im Münchner Stadtteil Neuperlach aufwuchs, ist es natürlich der bayerische Dialekt, der ihm am Herzen liegt: „Leider geht die Mundart immer weiter zurück, in der Grundschule wurde ausschließlich das Hochdeutsche gefördert. In der Familie, unter Freunden oder wenn der Dialekt auf der Bühne gefordert ist, spreche ich ihn selbstverständlich“, erzählt der junge Mann.

Während seines Bachelor-Studiums der Theaterwissenschaften in der Isarstadt spürte er, dass sein Platz nicht hinter der Bühne ist, sondern im Rampenlicht. „Schon als Kind stand ich gern im Mittelpunkt. Bei Familienfeiern trug ich Gedichte und Lieder vor, etwa den Theme song der ,Bully Parade‘“. Seine Mutter, eine Erzieherin, förderte und unterstütze ihn darin, das Studium in München schließlich war die Initialzündung für die Schauspielerei.

Gießers Augen leuchten, während er erzählt, wie er vor einigen Tagen auf Anhieb ein Casting beim Schauspiel Frankfurt bestand. Im Mai beginnen dort für ihn die Proben für ein Stück unter der Regie des Niederländers Eric de Vroedt . „Das wird die große Bühne sein, ich bin jetzt schon aufgeregt“, gesteht der Student. Dass er auffällt, aus der Masse hervorsticht und vielleicht das Zeug zum Charakterdarsteller hat, ist ihm bewusst. Doch noch liegt der Weg an der Hochschule vor ihm, „das Entdecken und Ausprobieren, jeden Tag neue Sachen, das ist das Schöne“, schwärmt er.

Zeichen seiner Erdung sind die Motive seiner Tätowierungen: ein großer Unendlichkeitsknoten und der buddhistische „Sonnenschirm“ auf den Unterarmen. Letzterer soll vor schädlichen Einflüssen und Krankheiten schützen. „Bei diesen Tattoos baue ich auf die Kunst der Visagisten, wenn die Zeichnungen für eine Rolle verschwinden müssen.“ Und für die stark geweiteten Ohrlöcher hat Andreas Gießer ebenfalls eine Lösung parat: „Ich setze hautfarbene Plugs ein, diese kann man gut mit Schminke abdecken.“

Er kommt auf das Bahnhofsviertel zu sprechen, dessen Ambivalenz er inzwischen viel abgewinnen kann. „Irgendwie ist es ein magisches Quartier, doch nicht immer positiv. Junkies mit Nadeln im Arm und mehrere Freunde, die hier von Rasern angefahren wurden“, erzählt er von seinen Erlebnissen. Angst mache ihm das dennoch kaum, denn er sei in einem Stadtteil groß geworden, der häufig mit Ghetto und Gewalt in Verbindung gebracht werde.

Nur etwas störe ihn an seiner Wohnung im Bahnhofsviertel ständig, nämlich, dass sein Zuhause im fünften Stock so niedrige Decken habe. Um das Manko zu verdeutlichen, steht er auf: „Arme ausstrecken geht nicht, dann stößt man an die Decke.“ Eins zumindest steht fest: Auf der Bühne wird ihm das nicht passieren.

(fai)
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