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Stadtgeflüster: Er lässt die Puppen tanzen

Tyrone ist ein fieser Lästertyp mit spitzen Zähnen und Wuschelhaar. Nicolas Hart lässt die Handpuppe lebendig werden. Foto: BERNDKAMMERER@GMX.NET (Presse- und Wirtschaftsdienst) Tyrone ist ein fieser Lästertyp mit spitzen Zähnen und Wuschelhaar. Nicolas Hart lässt die Handpuppe lebendig werden.

In Werbebeiträgen für Medikamente heißt es immer so schön: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker. Der Besuch des aktuellen Stücks „Hand to God“, das im English Theatre zu sehen ist, ist zwar nicht lebensgefährlich, aber für manche Menschen dennoch riskant. „Wir empfehlen diese schwarze Komödie niemanden, der eine Abneigung gegen Puppen hat“, warnt das English Theatre mit einem Augenzwinkern sein Publikum.

Tatsächlich gibt es nämlich die sogenannte Automatonophobie – so wird die krankhafte Angst vor Puppen genannt. Und die macht bei Betroffenen auch vor einer Socke mit Knopfaugen nicht halt. Tyrone heißt die Handpuppe mit den spitzen Stoffzähnen und dem blauen Wuschelhaar; eine richtig fiese Socke, denn sie flucht, stänkert und flirtet unter der Gürtellinie. Mit zwei Stäben und einer dunklen Stimme wird sie von Schauspieler Nicolas Hart belebt, und das derart raffiniert, dass man meinen könnte, die Puppe hat wahrhaftig den Teufel im Leib.

„Schön, der Frankfurter Dom, von außen jedenfalls“, schmeichelt Tyrone, und man misstraut ihm gleich. „Er mag die Kirche wirklich“, beschwichtigt Nicolas Hart. Der Londoner ruft amüsiert seine Doppelrolle ab, die einen nicht nur stimmlichen Spagat zwischen gutem Benehmen, Unschuld und schockierender Dreistigkeit bewältigen muss. Im Stück entwickelt Klappmaul Tyrone an der Hand eines verklemmten Teenagers ein groteskes Eigenleben, was eine klerikale Theatergruppe in der texanischen Provinz auf den Kopf stellt. Denn die Puppe macht alles, was sich für einen braven Christen nicht gehört, und entlarvt nebenbei jede Scheinheiligkeit.

Tyrone gibt es im Fundus gleich zweimal, denn die Socke muss im autobiografisch inspirierten Stück des Texaners Robert Askins einiges aushalten, auch Hammerschläge steckt sie ein. „Für die Rolle des Teenagers lernte ich den texanischen Akzent. Eine langsame Sprechweise und langgezogene Wörter sind typisch, fast wie ein Spiegelbild der weiten Landschaft dort. Die Puppe dagegen spricht wie ein New Yorker, also schnell“, erklärt Nicolas Hart.

Für den 27-Jährigen, der in der Nähe von Birmingham aufwuchs, ist es nicht das erste Puppenspiel. Nach seinem Abschluss an der Londoner „Royal Central School of Speech and Drama“ war er mehrfach in Tiergestalt zu sehen: „Im Musical ’War Horse’, das während des Ersten Weltkriegs spielt, bewegte ich mit zwei Kollegen ein lebensgroßes mechanisches Pferd. In ’Alice im Wunderland’ bekam die Grinsekatze von mir ihr Lächeln, und die blaue Raupe, die auf einem Pilz lebt, war ich auch.“ Dass er in Frankfurt nun Schauspieler und zugleich Puppenspieler sein kann, begeistert ihn.

Mit vier Jahren stand für ihn fest, die Bühne soll sein Leben werden – ein Wunsch, den die Eltern, ein Ingenieur und eine Lehrerin, unterstützten. Mit seiner Darstellung des garstigen Tyrone empfiehlt sich der Brite durch virtuoses Spiel und Witz. „Manchmal unterbrechen wir, da das Publikum minutenlang lacht“, freut sich der Hauptdarsteller. Typisch schwarzer Humor, wenn zwischen Blut und Puppensex der pure Schabernack regiert.

Aber Moment mal: Ist Tyrone tatsächlich der Teufel in Sockengestalt? „Das sehen immer nur die anderen in ihm, er selbst verneint es“, sagt Atheist Hart. „Er ist ein psychologischer Anteil von uns, rotzfrech, ungehemmt und anarchisch – mit kindlichen Anteilen.“ Für Kinder, die eine lustige Handpuppe basteln möchten, bietet das English Theatre demnächst einen Workshop an. Anmeldungen dazu werden gern noch per E-Mail an education@english-theatre.de entgegengenommen. fai

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