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Stadtgeflüster: Er steht aufs neue Frankfurt

Julius Reinsberg in der Siedlung Ernst Mays in Bornheim. Für seine Doktorarbeit über den berühmten Architekten und seine Mitstreiter hat der 1987 geborene Historiker den Bethmann-Studienpreis erhalten. Foto: Holger Menzel Julius Reinsberg in der Siedlung Ernst Mays in Bornheim. Für seine Doktorarbeit über den berühmten Architekten und seine Mitstreiter hat der 1987 geborene Historiker den Bethmann-Studienpreis erhalten.

Mit der Stahlstadt von Magnitogorsk im bitterkalten Sibirien hatten die Stadtplaner Ernst May und Margarete Schütte-Lihotzky 1930 eine schwere Bewährungsprobe zu bestehen. Die Pläne von schnörkellosen Standardhäusern und freien Platzflächen für maximale Lichtausnutzung stießen im Kampf gegen raue Steppenwinde und die repräsentative Sowjetarchitektur auch auf Hindernisse. Doch ein Luftbild lässt in abgewandelter Form durchaus jene großzügigen Wohnblocks, Blickachsen und Freiflächen erkennen, die man auch am Bornheimer Ernst-May-Platz findet.

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„Der Titel meiner Doktorarbeit steht weniger für den Architektur-, sondern den Arbeitsstil der elitären Arbeitsgruppe um Ernst May, Konzepte für internationalen Städtebau zielgerichtet in überschaubarer Zeit umzusetzen“, stellt Historiker Julius Reinsberg zu seiner Arbeit „Der Internationale Stil des Neuen Frankfurt“ klar.

Reinsberg ist Träger des Johann- Philipp-von-Bethmann-Studienpreises. In seiner mit summa cum laude abgeschlossenen Doktorarbeit beschreibt er aus der Perspektive des Historikers den internationalen Erfolg, den die Expertengruppe von May, Martin Elsaesser , Ferdinand Kramer und Margarete Schütte-Lihotzky, trotz einiger Hürden verbuchen kann.

Für den 30-Jährigen, der sich ohne übertriebene Erwartungen beworben hatte, kommt die Ehrung etwas überraschend: Dabei durften dieses Jahr anders als bisher sogar erstmals abgeschlossene Arbeiten eingereicht werden, um die Zahl der Bewerber zu steigern. „Für mich ist der Preis ein Ansporn, das Erbe Mays in Frankfurt als wegweisenden Meilenstein noch besser herauszustellen“, sagt Reinsberg, inzwischen auch Geschäftsführer der Ernst-May-Gesellschaft. Auch wenn die Anerkennung zum Unesco-Weltkulturerbe wegen späterer An- und Umbauten einiger Ernst-May-Häuser nur schwer zu schaffen sei.

Seinen Bezug zum „Neuen Frankfurt“ fand Reinsberg, der als gebürtiger Frankfurter zunächst in Bonn und Gießen studierte, über seinen Studienschwerpunkt Osteuropa und den dortigen Einsatzorten des Ernst-May-Teams. Hinzu kam auch das familiäre Erbe: Reinsberg ist Sohn des 2015 verstorbenen Architekturkritikers Dieter Bartetzko. Seine Mutter, die Archäologin Carola Reinsberg , dozierte früher am Frankfurter Philosophicum, einem Bau von Ferdinand Kramer.

Seine Arbeit gliederte Reinsberg in drei Abschnitte: Zunächst beschäftigt er sich in den Biografien von May, Kramer, Elsaesser und Schütte-Lihotzky mit der Frankfurter Zeit dieser Expertengruppe und arbeitete heraus, dass die Pläne für die Siedlungen mit 12 000 Wohnungen in rund zehn Stadtteilen nur durch die weitreichenden Befugnisse des Baudezernats May umzusetzen waren. Der Einsatz ging über das reine Bauen hinaus, zum Erscheinungsbild des neuen Frankfurts gehörten die gleichnamige Zeitschrift, die neue Schriftart Futura und der von Walter Leistikow geschaffene Stadtadler.

Weiter geht es mit dem internationalen Einsatz des Teams: May und Schütte-Lihotzky bauten die sowjetischen Arbeiterstädte Magnitogorsk und Novokusnezk, May wirkte während der Naziherrschaft im afrikanischen Exil. Kramer errichtete die Trabantenstadt Westchester County in New York, Elsaesser realisierte von München aus Projekte für die Türkei. „Mays und Kramers Siedlungsentwürfe wurden ebenso zum Standard wie Schütte-Lihotzkys Design für die Frankfurter Küche“, sagt Reinsberg.

Ein weiterer Abschnitt widmet sich der Nachkriegszeit: Ernst May wurde als Leiter der Planungsgesellschaft Neue Heimat eingesetzt, zeichnete für Siedlungen und autogerechten Städtebau in Hamburg, Bremen und Mainz verantwortlich. Kramer wurde Baudirektor der Frankfurter Universität, zu seinen erhaltenen Bauten gehören das Philosophicum und die Universitätsbibliothek. Elsaesser lehrte an der Technischen Hochschule in München, während Schütte-Lihotzky aufgrund ihrer kommunistischen Gesinnung in ihrem Heimatland Österreich kaum Aufträge erhielt und daher als Beraterin für die Volksrepublik China, Bulgarien und die DDR tätig war.

„Das Baudezernat um Ernst May war ein politisches Gestaltungs- und Kontrollorgan, das mit einer städtischen Bauelite weit über seine städtischen Planungskompetenzen hinaus agierte und tiefgreifende Eingriffe in den Lebensalltag der Frankfurter vornahm“, resümiert Reinsberg. Das Hochbauamt erhob mit seiner Lösung architektonischer und gestalterischer Probleme universelle Gültigkeit und wurde oft fälschlicherweise auf eine Spielart des Bauhauses reduziert. „Daher muss Frankfurt das Erbe der May-Siedlungen bewahren und mit den Wohnansprüchen des 21. Jahrhunderts vereinbaren.“

(got)

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