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Eva Szepesi und Bärbel Schäfer: Zwei Frauen und ihr offenes Buch

Eva Szepesi (r.) hat Bärbel Schäfer von ihrem Leben und Überleben in Auschwitz erzählt. Herausgekommen ist ein Buch: „Meine Nachmittage mit Eva“. Foto: Enrico Sauda Eva Szepesi (r.) hat Bärbel Schäfer von ihrem Leben und Überleben in Auschwitz erzählt. Herausgekommen ist ein Buch: „Meine Nachmittage mit Eva“.

Das Foto ist im Kasten. Die beiden Damen wollen das Bild sehen. Dank modernster Technik ist das möglich. Ein Blick. Was dann folgt ist eine nicht einstudierte, aber vollkommen synchrone Bewegung: Die Hände schnellen hoch zum Kopf. Und dann erschallt ein – wieder nicht geübt und trotzdem erneut zeitgleich – Ruf: „Meine Haare.“ Es muss noch ein Foto her. Diese kleine, aber vielsagende Szene zeigt, wie sich zwei Frauen, die sich bis vor zwei Jahren nicht wirklich gut kannten, Freundinnen geworden sind. Und zwar über die Arbeit an einem Buch, das sich mit der Hölle auf Erden auseinandersetzt.

Moderatorin und Autorin Bärbel Schäfer , 53, sprach mit der Auschwitz-Überlebenden Eva Szepesi , 85, über ihre Zeit in dem Konzentrationslager. Entstanden ist das Buch „Meine Nachmittage mit Eva – Über Leben nach Auschwitz“. Auf etwas mehr als 200 Seiten erfährt der Leser zwar einiges über Eva Szepesi, aber auch sehr viel über Bärbel Schäfer: von ihrer Wut auf die Kriegs- und die unmittelbare Nachkriegsgeneration in Deutschland. „Wenn man immer wieder gegen Wände rennt, dann macht es einen wütend“, so Schäfer, die ihre Schwierigkeiten damit hatte, von ihrer Familie zu erfahren, was im Krieg geschehen war. „Ich versteh’ nicht, wie man auf diesem Scherbenmeer nach dem Ende des Krieges einfach weiter gemacht hat, dass viele weggeguckt und geschwiegen haben. Da spreche ich die Generation meiner Großeltern an.“ Schon als Teenager war sie wütend, „weil ich keine Antworten bekam, sondern immer nur dieselben zwei Geschichten erzählt wurden und ich nie erfahren habe, warum jemand wo war“. Was sie umtrieb war die Frage: „Wer waren meine Großeltern in dieser Zeit? Und was hat das heute mit mir zu tun?“ Sie ist sicher: „Hätten mehr Menschen nachgefragt, dann wäre der Schoß heute vielleicht nicht mehr so fruchtbar für braunes Gedankengut.“

Das Werk entstand nicht auf die Schnelle, eineinhalb Jahre dauerte es. „Das ging alles langsam“, berichtet Eva Szepesi. Sie lernten sich bei einer Lesung kennen, bei der Eva Szepesi aus ihrem Buch „Ein Mädchen allein auf der Flucht“ vortrug und Bärbel Schäfer moderierte. „Wir waren uns beide sofort sympathisch“, berichtet Bärbel Schäfer von der ersten Begegnung. Ihre Neugier war geweckt. „Trotzdem fällt man natürlich nicht mit der Tür ins Haus. Die Grundlage für unsere Zusammenarbeit war unser gegenseitiges Vertrauen und dass wir beide etwas erzählen wollten“, so Schäfer. „Der ursprüngliche Gedanke war, wissen zu wollen, warum sie im Land der Täter ist, und wie das geht“, schildert Bärbel Schäfer ihre Intention. „Das hat mich dahin geführt, meiner Familie noch mal Fragen zu stellen.“

Was sie bei ihrer Arbeit feststellte war, „dass beide Seiten schwiegen – nicht alle, aber sehr viele“. Die Zusammenarbeit mit Eva Szepesi empfindet Bärbel Schäfer als „großes Geschenk“. Leicht fiel es ihr nicht, niederzuschreiben, wie sie aus erster Quelle erfuhr, dass der Mensch vergessen hat, ein Mensch zu sein.

Vor wenigen Wochen erhielt Eva Szepesi das Bundesverdienstkreuz. Das ist ihr wichtig. „Das zeigt, dass anerkannt wird, dass ich versuche, den nachfolgenden Generationen zu zeigen, wie wichtig Toleranz und Menschlichkeit sind“, so die gebürtige Ungarin, die in ihren Wochen und Monaten im Konzentrationslager die bösesten und schlimmsten Seiten der Menschen erlebte und ihre Familie verlor. „Niemand soll später sagen können: ,Wir haben nie davon gehört.‘“ Viele Jahrzehnte hatte sie geschwiegen. „Aber ich sehe, wie wichtig das jetzt ist und wie dankbar die jungen Menschen sind.“ Auch heute habe sie wieder Angst, denn sie sehe Parallelen zur Weimarer Zeit, ähnliche Anfänge wie damals. „Das muss man verhindern.“

Soweit ihre Kraft dazu reicht, möchte sie auch in Zukunft in Schulen gehen und ihre Geschichte erzählen. Aber nicht nur die Opfer sind gefragt, „wir müssen aber sehr viel emotionaler werden, wenn es um Menschenhass geht in unserem alltäglichen Leben, und dürfen nicht wegschauen und weghören“, mahnt Schäfer. Man könne Aufklärung und Mahnung nicht allein den Auschwitz-Überlebenden und ihren Nachfahren überlassen. Soll die Gesellschaft toleranter werden und bleiben, sei Haltung bei jedem gefragt.

(es)

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