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Stadtgeflüster: Hier sollen Herren unter sich bleiben

Die Villa Bonn im Westend ist eine noble Adresse und Sitz der „Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft“. Ein Gericht muss sich damit beschäftigen, ob Frauen Zutritt zu den Räume bekommen oder ob die Türen für sie zubleiben. Foto: Christian Christes (www.chrischristes.de) Die Villa Bonn im Westend ist eine noble Adresse und Sitz der „Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft“. Ein Gericht muss sich damit beschäftigen, ob Frauen Zutritt zu den Räume bekommen oder ob die Türen für sie zubleiben.

Das Ringen um ein Urteil geht weiter: Gestern wurde wieder am Oberlandesgericht verhandelt im Fall Knut Günther gegen die „Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft“. Der Kunsthändler Knut Günther verklagt den Club in zweiter Instanz, weil dieser im November 2015 die Satzung änderte und seitdem auch Frauen aufnimmt. Zuvor war der Club 96 Jahre lang ein reiner Herrenclub gewesen. Günther will, dass das so bleibt: Der Vereinszweck sei das Gespräch „von Mann zu Mann“. Darüber war 2012 schon einmal abgestimmt worden. Damals beschloss der Männerverein noch, dass alles so bleiben soll, wie es ist: Für eine Änderung war eine Dreiviertelmehrheit notwendig, die nicht erreicht wurde.

Als im November 2015 rund 240 Mitglieder erneut abstimmten, kamen etwas mehr als drei Viertel, nämlich 77 Prozent Ja-Stimmen zusammen. Die Abstimmung sei aber nichtig, meint Knut Günther. Denn es wurde nicht in geheimer Wahl, sondern per Handzeichen abgestimmt. Dies sei von vornherein für eine so wichtige Abstimmung die falsche Methode gewesen, argumentierte sein Anwalt. Niemand hätte sich die Blöße geben wollen, mit „nein“ zu stimmen. Zum Schutz der Persönlichkeit hätte geheim gewählt werden müssen. „Der Druck war sehr hoch, weil man als Nein-Sager Gefahr läuft, von der Presse als Frauenfeind tituliert zu werden,“ sagte Günther und betonte: „Ich bin kein Frauenhasser. Ich wehre mich nur gegen die Zerstörung des Herrenclubs.“

Dazu komme, dass die Abstimmung im Gesellschaftshaus im Palmengarten chaotisch verlaufen sei. Über diesen Punkt wurde schon bei den letzten Verhandlungen lange gestritten. Manche hätten mitten in der Auszählung den Raum verlassen, einige hätten beide Arme gehoben oder sowohl „ja“, als auch „nein“ gestimmt und ähnliches.

Dem Vorwurf, dass es bei der Auszählung nicht mit rechten Dingen zuging, widersprach gestern als Zeuge der frühere Oberbürgermeister Andreas von Schoeler . Er war Wahlleiter bei der Abstimmung. „Die Mitglieder wurden für die Zählung in vier Blöcke aufgeteilt“, berichtete er. Die Zähler hätten mehrmals ausgezählt, teilweise auch zu zweit, und bei unstimmigem Ergebnis wurde nochmals gezählt, bis die Zahlen übereinstimmten. „Ich bin vollkommen überzeugt davon, dass alles korrekt gelaufen ist,“ sagte von Schoeler. Es habe zu keiner Zeit Kritik am Zählverfahren gegeben, auch das zeige ihm, dass alles richtig gelaufen sei. Gleichwohl sei bekannt und normal, dass bei solchen Abstimmungen die Teilnehmer „sich meist nicht so diszipliniert verhalten, wie es die Zähler sich wünschen.“

Die „Frankfurter Gesellschaft“ besteht seit jeher aus Anwälten, Wissenschaftlern, Politikern und Kulturschaffenden, „denen die Befassung mit den Angelegenheiten des Gemeinwesens ein besonderes Anliegen ist“, so ihr Leitbild. Der Verein residiert in der ihm eigenen Villa Bonn, einem großbürgerlichen Palais im Westend mit Bibliothek, Restaurant, Kronleuchtern und holzvertäfelten Wänden.

Der Streit dauert nun schon so lange an, dass die „Gesellschaft“ droht, einen Image-Schaden zu erleiden. Präsident Rüdiger von Rosen sagte gestern: „Ich freue mich, wenn die Angelegenheit endlich zum Abschluss kommt.“ Sehr viele Frauen scheinen sich indes nicht für die Mitgliedschaft zu interessieren: Nur 15 sind bisher in den Club eingetreten. Weitere würden aber bald hinzukommen, kündigte von Rosen an.

Eine einzige Frau war schon vor der offiziellen Öffnung für das weibliche Geschlecht Mitglied: die ehemalige Oberbürgermeisterin Petra Roth , qua Amt. Über ihr Beitreten gab es damals schon Diskussionen. Roth ließ daraufhin in ihrer Antrittsrede den legendären Satz fallen: „Ich bin hier das einzige Mitglied ohne Glied.“ Frauen waren durchaus über die Jahre als Gäste geladen, auch Angela Merkel sprach schon zu den Mitgliedern.

Je länger die Diskussion jetzt andauert, desto mehr aus der Zeit gefallen wirkt der Club: Die Führungspersonen einer Gesellschaft sind eben schon lange nicht mehr nur Männer.

(stw)

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