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Bärbel Schäfers Buch: „Ich hatte mich selbst verloren“

Setzte sich mit dem Tod ihres Bruders auseinander und fasste das Unfassbare in bewegende Worte: Radiomoderatorin Bärbel Schäfer. Foto: L.Hamerski Setzte sich mit dem Tod ihres Bruders auseinander und fasste das Unfassbare in bewegende Worte: Radiomoderatorin Bärbel Schäfer.
Frankfurt. 

Bärbel Schäfer hat ein bewegendes Buch über den Umgang mit dem plötzlichen Tod ihres jüngeren Bruders Martin Schäfer geschrieben. Ihr Bruder verunglückte auf einer bayerischen Autobahn in seinem Auto. Mit „Ist da oben jemand?“ veröffentlicht Bärbel Schäfer einen Einblick in ihr Herz, ihre Gedanken und vor allem ihre tiefe Trauer. Der Leser vermag sich dem Kaleidoskop ihrer Gefühle nicht zu entziehen. Zu gefühlvoll, zu direkt, zu unbedingt ist die Liebe, die Schäfer auf das Papier getippt hat. Sie möchte den Tod nicht akzeptieren. Detailreich beschreibt sie, wie ihr mitten in der Nacht die Nachricht vom Tode des Bruders durch Frankfurter Polizisten überbracht wird, den Morgen nach der Tragödie, wie sie all ihre Kräfte mobilisiert, um ihren Eltern die schlimmste Nachricht zu überbringen die man Eltern überbringen kann. Kurze Zeit später muss sie auch Abschied von ihrem Vater nehmen.

Als sie für das Interview in ihrem Stammcafé auftaucht, verstummen die Gespräche um sie. Schäfer ist ein Name, eine Marke, es wird ihr hinterher geschaut. Junge Männer machen ihr Platz, alte Damen rücken näher, tuscheln. Freundlich begrüßt sie Bekannte. Sie ist keine Diva, sondern hinreißend sympathisch. Vor allem wenn sie lacht.

Man möchte sich Kekse und einen Tee holen als sie anfängt über den Schreibprozess zu sprechen. So einnehmend redet die hr3-Radiostimme über eines der persönlichsten Ereignisse ihres Lebens. Sie trinkt Espresso und frisch gepressten Orangensaft.

„In meinem Buch geht es um Liebe zu Menschen und darum, was passiert, wenn ein geliebter Mensch stirbt.“ Schäfer wirkt aufgeräumt. Man merkt ihr an, dass sie über den Tod nachgedacht hat, dass sie ihn nicht unter den Tisch gekehrt hat.

„Mein Buch umschreibt das Zeitfenster der Trauer. Demjenigen, der mit dem Tod eines geliebten Menschen konfrontiert wird, wird es sehr kalt, wenn er das Fenster der Trauer öffnet. Ich habe nicht nur meinen Bruder verloren, sondern phasenweise auch mich selbst.“ An einer Stelle des Buches schreibt sie: „Der Tod ist mir unter die Haut gekrochen“.

Dennoch spricht sie nicht leise, nicht ausweichend. Sie hält Blickkontakt, weicht keiner Frage aus, bleibt offen und authentisch. Verwaiste Schwester nennt sie sich. Mit dem Bruder verbindet sie unendlich viele Lebensstränge, beschreibt ihn als ihren Lebenszeugen, Kindheitsfreund, beruflichen Partner, Mitbewohner, Urlaubspartner.

Die Lücke, die das verlorene Familienmitglied in ihrem Leben hinterlässt, ist spürbar groß.

Im wahrsten Sinne „ver-rückt“ sei sie gewesen, eben aus der Spur gefallen. „Für manche ist es wohl besser, das Fenster nach so einem Verlust geschlossen zu halten“, sinniert sie. Schäfer aber musste es öffnen. Musste die Orte, an denen sie Zeit mit Martin verbracht hat, bereisen. Schmerzhaft, allein oder mit ihrer Mutter. Zurück ins Leben helfen ihr ihre große Liebe, ihr Ehemann, und ihre zwei Söhne. Auch anderes trägt dazu bei. Mit dem Hund aufstehen, den Haushalt machen, Geschirr waschen, schreiben, moderieren.

„Der Entschluss, das Buch zu schreiben, entstand zwischen banalen, aber verpflichtenden Erbschaftsangelegenheiten, die es zu erledigen galt, weil meine Eltern zu schwach dafür waren.“ Sie funktionierte. „Doch meine Gefühle hatten keinen Raum in der bürokratischen Welt. So kam mir die Idee mit dem Schreiben.“ Schäfer hilft mit ihrem Text Menschen, zu verstehen, wie es ist, wenn einem der Boden unter dem Boden weggerissen wird. Mehr noch: Sie erlaubt sich als rationale, selbstbewusste und erfolgreiche Frau zu trauern, sich Zeit zu nehmen, nicht dem Trend zu folgen alles rechtzeitig zu schaffen.

Ihre Traurigkeit über den Verlust ist während des Gesprächs spürbar. Nachdenklich schaut sie aus dem Fenster: „Mein Vater liebte den Frühling. Wenn alles blüht denke ich an ihn.“ Ebenso spürbar wie ihre Traurigkeit ist auch ihre Lebendigkeit, ihre ungebrochene Neugier auf Menschen, auf ihre Umwelt. Sie scheint alles um sich herum wahrzunehmen.

Nach dem Unglück versuchen fromme Menschen, der ehemals Fernseh- und heutigen Radiomoderatorin den Trost durch den Glauben nah zu bringen. Sie probiert diese Idee aus, folgt den Gläubigen in ihre Gebetshäuser, auf ihre Feste und versucht zu verstehen, was den Menschen die Zuversicht in den Allmächtigen, in die Religion schenkt. Sie begibt sich auf die Suche nach der Frage „Ist dort oben jemand?“ Alte Wunden reißen auf, da vor Jahren ihr einstiger Lebenspartner auf die gleiche Weise umkam.

Was sie auf ihrer Suche findet, ist die Ähnlichkeit der Religionen in zahlreichen Ritualen und Festen. Sie selbst ist jüdischen Glaubens. Um noch besser nachvollziehen zu können, wie es ihrer gläubigen Freundin Fatma geht, zieht sie sich ein Kopftuch an. Geht damit durch Frankfurt, erlebt die Ablehnung die wohl im Augenblick auch zahlreiche viele Muslime erfahren.

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