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Hate Slam: „Liest den Quatsch keiner durch?“

Lesen dem Publikum in der „Käs“ beim zweiten Hate-Slam aus Schmähbriefen und Beschimpfungen vor (von links): Tobias Köpplinger, Kerstin Schellhaas, Robin Göckes und Joachim Braun. Foto: Rainer Rüffer Lesen dem Publikum in der „Käs“ beim zweiten Hate-Slam aus Schmähbriefen und Beschimpfungen vor (von links): Tobias Köpplinger, Kerstin Schellhaas, Robin Göckes und Joachim Braun.

Wem galt der Applaus? Wem das schadenfrohe Lachen? Etwa den acht Redakteuren, die genüsslich und mit gewissem Hang zur Selbsterniedrigung Schmähbriefe vortrugen – und dabei den Beweis erbrachten, dass sie nicht nur schreiben, sondern auch lesen können? Oder deren Absendern, den Lesern, die den Schreiberlingen stellvertretend für die schweigende Mehrheit ihrer Mitleser mal so richtig die Meinung gegeigt haben? Übelste Beschimpfungen und Verunglimpfungen am Rande des juristisch Erlaubten inklusive.

Die Motive der rund 230 Besucher des zweiten Hate-Slams von FNP, Frankfurter Rundschau und FAZ waren wohl durchaus unterschiedlich, doch einig waren sie sich nach zwei höchst unterhaltsamen Stunden in der „Käs“, dass es „Redakteure nicht leicht haben“, wie Moderatorin Woody Feldmann augenzwinkernd mitfühlend anmerkte. Sie ermunterte das Publikum, „mal einen Journalisten in den Arm zu nehmen“.

Die Vorleser wirkten gleichwohl nicht annähernd so betrübt, wie man es angesichts so manchen verbalen Ausrasters (Entschuldigung für diese unangemessene Leser-Beschimpfung!) vermuten könnte. Das FNP-Team mit Chefredakteur Joachim Braun sowie den Redakteuren Kerstin Schellhaas , Robin Göckes und Tobias Köpplinger erbrachte den Beweis, dass die Personalpolitik in ihrem Verlag doch noch nicht von den Lesern gemacht wird. Empfiehlt „robert van b“ ihnen doch, dass sie „beim arbeitsamt in hartz 4“ (so das Original) besser aufgehoben wären – schließlich hätten sie das „hochplateau der unfähigen erreicht“. Da helfe Joachim B. auch keine Designerbrille, „die sie übrigens nicht kleidet“. Immerhin verschont „robert van b“ die Journalisten mit Existenziellem. Da ist ein anonymer Schreiber nicht so zimperlich. Er wünscht einem FNP-Kommentator: „Du sollst Qualen erleiden, die sich kein Mensch vorstellen kann, selbst Christus am Kreuze nicht!!!“ Eine andere Redakteurin wieder wird als „Islamistenschlampe“ diffamiert – und kaum eine Zuschrift kommt ohne das Wort „Lügenpresse“ aus. Ein anderer Leserbriefschreiber fragt angesichts des „ganzes Quatsches“, der in die Druckmaschine geht: „Liest das denn keiner durch?“

Immerhin gibt es etwas Tröstliches: Die drei großen Frankfurter Zeitungen sitzen in einem Boot – wiewohl es sich nach Ansicht so mancher Leser um ein sinkendes oder zumindest auf Grund laufendes handelt: Diese Gemeinsamkeiten wurden in den Beiträgen von FAZ-Herausgeber Werner D’Inka sowie von Arnd Festerling , Katja Thorwarth und Stefan Krieger (FR) deutlich. Sie sind allein schon deshalb nicht zu beneiden, weil sie nicht mehr wissen, wo sie nun politisch stehen. Mal werden sie als „roter Schleim“ beschimpft, mal als „rechter als die FAZ“ einsortiert. Schlimmer noch: Die Redakteure müssen sich vorwerfen lassen, dass sie ihrem Geschäft verbiestert bis verbissen nachgehen. Schließt doch ein FR-Leser seinen Wutausbruch mit der Schlussfolgerung: „Aus einem traurigen Arsch kommt kein fröhlicher Furz!“ Oder aber um es mit den Worten eines seiner Mitstreiter zu sagen: „Das musste einfach mal raus!“

Um beim – zugegebenermaßen unappetitlichen – Thema zu bleiben: Woody Feldmann jedenfalls empfahl den Zuschauern vor der Pause: „Wenn Ihnen die Schlange an der Toilette zu lang ist, schreiben Sie doch einfach mal einen Leserbrief!“ Wenn nur der eine oder andere davon Gebrauch macht, steht der dritten Hate-Slam-Auflage nichts im Wege. Alternativ freuen wir uns auch über Beschwerden über das gute Wetter, das schlechte Wetter, über das Wetter im Allgemeinen. Auch Berichtigungen sind willkommen, wie diese: „Herr Sch. hat lediglich zwei Frauen umgebracht und nicht drei, wie die FNP schreibt.“ Dass Journalisten aber auch immer so maßlos übertreiben müssen . . . jtü

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