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Mit 95 Jahren noch total jung

Stehende Ovationen für das Geburtstagskind Ernst Gerhardt (Mitte). Links Peter Feldmann und rechts Uwe Becker. Bilder > Foto: Bernd Kammerer Stehende Ovationen für das Geburtstagskind Ernst Gerhardt (Mitte). Links Peter Feldmann und rechts Uwe Becker.
Frankfurt. 

Die Schlage, die sich vor dem Kaisersaal bildet, ist so lang, dass sie bis hinunter zum Eingang des Römers reicht. 450 Gäste sollen es sein, die sich da in das Gästebuch eintragen und dem Geburtstagskind die Hand schütteln wollen. Doch es scheinen viele mehr zu sein. Um den zeitlichen Rahmen nicht zu sprengen, wird beschlossen, das Eintragen und Gratulieren zu verschieben.

Es muss aber auch so sein. Denn wer da sein Wiegenfeste feiert, ist Ernst Gerhardt . Zarte 95 Jährchen wird der Stadtpolitiker alt. Klar, dass da etliche Reden auf dem Programm stehen: Oberbürgermeister Peter Feldmann spricht, die Festansprache hält Dr. Rudolf Steinberg und die Ansprache kommt von Bürgermeister Uwe Becker . Die launigste Rede hält aber der Jubilar selbst. „Ich glaube es selbst nicht, das ich schon 95 Jahre alt bin“, ulkt er mit fester Stimme, aber es schleicht sich dann doch ein Frosch in seinen Hals, als er sagt, dass er dem lieben Gott dankt, „weil er mich gelenkt hat“. Auch dafür ist er dankbar, „dass ich meiner Stadt so lange dienen konnte“. Gerhardt weiß: „Frankfurt ist eine schöne Stadt. Und sie wird immer schöner.“ Das sei ein Ergebnis des Friedens.

Seine Vorredner hatten ihm alle ein langes Leben gewünscht. Den Anfang machte Feldmann, der auf den jüdischen Brauch einging, Geburtstagskindern „bis 120“ zu wünschen. Sprich, dass sie 120 Jahre alt werden. „Ich glaube, das ist bei ihnen ein bisschen zu wenig“, scherzte Feldmann, der Gerhardt als „Ur-Frankfurter reinsten Mainwassers“ bezeichnete. Weil ihm alle noch so viele Lebensjahre wünschten, wagte Gerhardt einen Blick in die Zukunft und mahnte vom Rednerpult aus: „Die Digitalisierung wird die Welt verändern,, deshalb ist das Festhalten an alten Normen nicht immer richtig.“ Und, obwohl er vor mehr als einem Vierteljahrhundert aus seinem Amt ausschied – er war Stadtkämmerer –, ist er immer noch voll im Bilde, was politisch und gesellschaftlich passiert. Nicht nur in Frankfurt, sondern überall. „Von der Energiewende bis zur Flüchtlingspolitik“, wie Bürgermeister Becker sich ausdrückt.

Aus diesem Grund darf er auch im Brustton der Überzeugung sagen: „Wir müssen an der parlamentarischen Demokratie festhalten.“ Warum, das weiß er auch. „Komplizierte Fragen können nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet werden.“ Der Brexit habe gezeigt, wozu diese gut seien.

Logisch, dass er so gut informiert ist, schließlich geht Gerhardt jeden Tag ins Büro und „hat täglich Termine“, weiß Oberbürgermeister Feldmann zu berichten, der darauf aufmerksam macht, dass Gerhardt auf ein erfolgreiches Leben zurückblickt und dass es der Segen eines langen Lebens ist, „dass man im Schatten der Bäume sitzt, die man selbst gepflanzt hat“.

Außerdem lobte SPD-Mann Feldmann den Sinn für Humor des CDU-Mannes Gerhardt und dessen „Bekenntnis zu unaufgeregter Fehlerhaftigkeit“.

Ernst Gerhardt, der keine Geschenke haben wollte, sondern lieber Spenden – unter anderem für das Holzhausenschlösschen – „war und ist ein Pragmatiker“, so Becker, „dessen Leben und Politik auf dem Fundament der christlichen Lehre steht“. Becker sieht Gerhardt als „Konservativen im besten Sinne, der der Zeit stets Geist geben wollte und nie dem Zeitgeist hinterherlief“. Der Jubilar habe „das Gesicht und die Seele der Stadt“ geprägt. Beste Erinnerungen an Ernst Gerhardts aktive Zeit hat Heinz Riesenhuber , ehemaliger Bundesminister für Forschung und Technologie. „Er war für mich ein wichtiger und ständiger Begleiter. Er liebt Frankfurt. Es ist der Kern seines Lebens und er hat dieser Stadt immer gedient“, so Riesenhuber. „Mir imponiert sein Profil“, so die Auschwitzüberlebende und baldige Ehrenbürgerin Trude Simonsohn . In Zeiten, in denen alle zur Hitlerjugend gingen, war er bei den katholischen Pfadfindern. „Dass er Haltung gezeigt hat und kein Nazi war“, das schätzt die wenige Monate Ältere an ihm. „Er ist sehr verlässlich“, lobt auch der ewige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann . „Als wir zusammen im Magistrat saßen, wäre vieles in der Kultur ohne seine Hilfe nicht gelungen.“ Doch dann ist auch irgendwann genug gesagt. Und Ernst Gerhardt lädt alle die, die da sind und auch die, die nicht da sind, zu seinem hundertsten Geburtstag ein und erinnert an die Geschichte seiner Geburt: Seine Mutter soll danach nach einer Fleischwurst und einem Bier verlangt haben. Zu essen gab es nach dem Festakt genug im Römer.

(es)
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