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„Ü50-Disco“ in der Brotfabrik: Sie bringt die Alten zum Tanzen

Sie bringt die Menschen zum Tanzen: Elvira Weiss. Foto: BERNDKAMMERER@GMX.NET (Presse- und Wirtschaftsdienst) Sie bringt die Menschen zum Tanzen: Elvira Weiss.
Frankfurt. 

Es ist dunkel. Bunte Lichter blinken, tauchen den großen Saal in der Brotfabrik in diffuses Licht. Auf der Bühne sitzen und stehen Leute, auch links vom Eingang gibt es Sitzgelegenheiten. Doch die meisten Stühle bleiben unbenutzt. Fast alle der ungefähr 200 Besucher sind auf den Beinen, und zwar auf der Tanzfläche. Sie bewegen ihre Körper im Rhythmus der Musik. „Der Altersdurchschnitt beträgt gut 60“, sagt Majid Semnar . Er gehört zu der Gruppe von Frauen und Männern, die vor genau zehn Jahren die „Ü50-Disco“ gegründet haben. Star der Veranstaltung ist die legendäre Djane Elvira Weiss .

Sie steht seit Beginn dieser Partyreihe hinter dem Pult und legt die CDs ein. Obwohl modernste Technik es ermöglichen würde, den Aufwand auf ein Minimum zu beschränken, schleppt sie zu jeder Disco Koffer und Kisten voller „Silberlinge“ mit. „Ohne die kann sie nicht“, sagt ihr Mann, der Verleger Rainer Weiss .

„Der Harry wurde 60 und da haben wir im alten Literaturhaus eine Party organisiert“, erzählt Semnar von den Anfängen. Harry, das ist Professor Dr. Reinhard Schmidt , bei dessen Geburtstagsfest Elvira Weiss auflegte. „Das war die Geburtsstunde der Ü50-Disco“, so Semnar. „Wir haben uns nach dem Fest gegenseitig gefragt, wohin wir gehen, wenn wir mal tanzen wollen“, erinnert sich das „Gründungsmitglied“. Die Antwort aller war: Nirgendwo. „Da kam so eine Sehnsucht bei uns allen auf“, erinnert sich Gela Leder , die Ehefrau von Professor Schmidt. „Die Stimmung, die beim Fest herrschte, war so hervorragend“, berichtet Professor Schmidt. Die wollten sie wieder hervorrufen. Und zwar so oft wie möglich.

Das konnte also nicht sein, dass es keinen Ort gab, an dem Menschen, die um die 50 Jahre alt sind und waren, tanzen konnten. Deshalb war klar, dass etwas unternommen werden musste.

Und zwar mit Elvira Weiss. „Sie ist jemand, der schon damals lange im Geschäft war – da haben wir uns gedacht, wir müssen diese Feier institutionalisieren und haben diese Reihe ins Leben gerufen“, erklärt Majid Semnar. „Unser Motto lautete: ,Endlich alt genug‘“, so Semnar, der auch das Plakat entwarf. „Wir haben nicht wirklich viel dafür geworben, aber es hat sich rasch rumgesprochen.“ Die Anzahl der Besucher stieg von Mal zu Mal. Was auch am Termin gelegen haben könnte – immer am letzten Freitag im Monat steigt die Gaudi. Elvira Weiss erinnert sich: „Ich war damals 50. Da bist du eindeutig zu jung zum Tanztee, aber auf die Ü30-Partys bist du auch nicht unbedingt wild“, sagt die Frau, die zwei erwachsene Söhne hat, die mächtig glücklich über ihre Mutter sind. Zurück zu den Anfängen der Reihe: Elvira Weiss fand die Idee von Franz Zlunka , Wirt des ehemaligen Literaturhauses an der Bockenheimer Landstraße, gut, regelmäßig im Foyer des Cafés eine Disco für Leute „Minus 50 Plus“ unter dem Motto „Beat bei Franz und Music by Vira“ zu veranstalten. Sie sagte zu. Inzwischen gibt es das Literaturhaus an der Bockenheim Landstraße nicht mehr und Zlunka führt seinen Laden „Herr Franz“ im Ulmenweg. Die Disco-Reihe aber gibt es wieder.

Doch wer ist Elvira Weiss? Warum lockt die Ankündigung, dass sie auflegt, seit 120 Monaten jedes Mal gut 200 Tanzwütige an? Als DJ Vira hat sie als eine der ersten Frauen in der Bundesrepublik bereits Mitte der 70er Jahre Platten aufgelegt. Entdeckt wurde sie in der Innenstadt, in der legendären Disco „Cooky’s“, wo schon Größen wie Prince auflegten. Dort mochte man ihre Gabe, im richtigen Augenblick die passenden Beats zu spielen. Diese Kunst beherrscht sie perfekt. So gut, dass auch an diesem Abend im kalten Winter 2017 viele Stunden nach Mitternacht niemand nach Hause will, sondern alle tanzen.

(es)
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