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Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum: Weltstar eröffnet Festival mit ernstem Thema

Zeit, Frankfurt zu erkunden, hat Ute Lemper nicht. Foto: BERNDKAMMERER@GMX.NET (Presse- und Wirtschaftsdienst) Zeit, Frankfurt zu erkunden, hat Ute Lemper nicht.

Sie lehnt lässig an der Tür zu einem der Konferenzräume. Ganz in schwarz gekleidet, mit einem kleinen roten Handtäschen und ihren auffällig roten Haaren empfängt Weltstar Ute Lemper ihre Gäste im 21. Stock des Hotels Intercontinental. Bevor sie nach Frankfurt kam, schaute sie noch bei ihren Eltern in Münster vorbei. Davor war sie daheim in New York. Dass sie müde ist, sieht man der 54-Jährigen auch an.

Die Musicaldarstellerin, Chanson-Sängerin und Schauspielerin trat gestern im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum auf. Mit ihrem Programm „Songs for Eternity“ (Lieder für die Ewigkeit) eröffnete sie das W-Festival in Frankfurt, das so richtig aber erst kommende Woche mit einem Auftritt von Anna Depenbusch in der Alten Oper beginnt. Das „W-Festival“ hieß früher „Women of the World“-Festival will die Kreativität und den Reiz von Deutschlands kosmopolitischster Stadt mit der Schönheit der weiblichen Musik verknüpfen. Alle Konzerte werden dabei in einem außergewöhnlichen Rahmen präsentiert, der bei einer normalen Konzerttournee nicht möglich ist.

Bereits im vergangenen Jahr hätte Ute Lemper hier auftreten sollen. Doch Terminschwierigkeiten kamen dazwischen. „Ich war damals sehr traurig, dass der Auftritt abgesagt wurde“, sagt die vierfache Mutter. Zwei ihrer Sprösslinge sind längst erwachsen. Aber sie hat noch ein siebenjähriges und ein zwölfjähriges Kind. „Sie sind noch klein und es tut mir immer sehr weh, tschüss zu sagen und auf Tour zu gehen“, sagt sie. Aber das sei ihr Beruf. Doch es fiel ihr nie leicht, die Balance zu halten. Ständig plagten sie Schuldgefühle, Herzschmerz und Heimweh. Wenn die Kinder mitkamen, sei es immer am schönsten gewesen. „Aber es ist auch sehr stressig. Jetzt, seit ich älter bin, bin ich lieber alleine auf Tour.“

Mit der Mainmetropole verbindet Ute Lemper ein unvergessliches Jahr Ende der 80er. Zeit, sich umzuschauen, habe sie aber nicht. „Die Stadt war eine wichtige Etappe in meiner Geschichte“, berichtet sie. Der Frankfurter Konzertveranstalter Marek Lieberberg „fischte mich sozusagen mit der Angelrute aus Paris“, ulkt sie. „Ich bin dann einfach mal mitgegangen.“ Eine Entscheidung, die sie nie bereute. „Bis dahin war ich immer Schauspielerin. Frankfurt war das erste Mal, dass ich allein auf der Bühne stand. Das war schon eine Herausforderung, der ich nicht sofort gewachsen war“, erinnert sie sich.

Doch zurück zu Ute Lemper und ihrem Programm, in dem sie Lieder und Texte singt und spricht, die während des Zweiten Weltkriegs unter unerträglichen Umständen, etwa in Ghettos und Konzentrationslagern, entstanden sind. „Das ist ein unglaubliches Kapitel an Musik und an Geschichten“, sagt sie. Darin spiegelten sich Hoffnung, Revolte, Trost, Glauben und Menschlichkeit. „Es sind einfach Lieder, die gesungen werden müssen“, sagt Ute Lemper, die im Januar vor drei Jahren damit anfing, sich mit diesem Thema intensiver auseinanderzusetzen: 70 Jahre nach Ende des Krieges bei einer Gedenkveranstaltung anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Premiere war dann im Herbst 2015 in New York. Und die fiel Ute Lemper nicht leicht: „Ich hatte einen Klos im Hals und es war mir fast unmöglich, diese Geschichten zu erzählen“, erinnert sie sich. „Ich zähle nicht. Ich, Ute, bin ein Niemand im Moment, nur ein Medium für eine Geschichte, die erzählt werden muss“, schildert sie ihre Gefühle. Seit ihrer Jugendzeit trage sie „eine tiefe Trauer“ in sich bezüglich der deutschen Geschichte und der „Verantwortung, die wir tragen“. Inzwischen gab sie diesen „Abend“ in vielen verschiedenen Ländern. Nun kommt in ein Deutschland an die Reihe, wo das Thema Antisemitismus derzeit wieder in die Schlagzeilen gekommen ist.

In jedem Land europäischen gäbe es neu entwickelten Rassismus, Populismus und Nationalismus, sagt die 54-Jährige. „Aber wie kann man so sein und so tun, als ob nichts passiert wäre“, mahnt Lemper, die mit ihren „Songs for Eternity“ ein Zeichen setzen möchte. „Dass ich es im jüdischen Gemeindezentrum vorführen darf, das bedeutet mir sehr viel“, betont Lemper. Zurzeit arbeitet sie auch an einem neuen Programm, das, auf einem dreistündigen Telefonat fußt, das sie 1987 mit Film-Diva Marlene Dietrich führte. „Nach 30 Jahren gibt es so viele Parallelen in unseren Leben, die ich unbedingt aufarbeiten möchte.“

(es)

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