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Anstöße zum Nachdenken

Von Die Kurstadt spaziert gut gelaunt durch’s Jubiläumsjahr. Wenn einige Königsteiner ihre Mitbürger auf diesem Weg ins Stolpern bringen wollen, dann nicht, um die Freude am Feiern grundsätzlich zu trüben. Die „Initiative Stolpersteine“ will auf ein trauriges Stück Stadtgeschichte aufmerksam machen, dass nicht in Vergessenheit geraten darf.
Die Initiative „Stolpersteine“ (hier am Modell der Synagoge) hat es sich zum Ziel gesetzt, den Königsteiner Opfern des NS-Terrors wieder ihre Namen zu zurück zu geben und die Erinnerung an ihr grausames Schicksal wachzuhalten.	Foto: sj Die Initiative „Stolpersteine“ (hier am Modell der Synagoge) hat es sich zum Ziel gesetzt, den Königsteiner Opfern des NS-Terrors wieder ihre Namen zu zurück zu geben und die Erinnerung an ihr grausames Schicksal wachzuhalten. Foto: sj
Königstein. 

1901 in der Kurstadt geboren, später die Schulbank bei den Ursulinen gedrückt und danach als Kontoristin bei der Stadtkasse ihres Heimatortes beschäftigt - Rosa Cahn war das, was man damals wie heute wohl als echte Königsteinerin bezeichnen würde. Und vermutlich hat sie sich selbst auch als solche gefühlt. Doch dieses Gefühl der Zugehörigkeit war von einem Tag auf den anderen nichts mehr wert - ebenso wie ihr Leben. Und das nur, weil Rosa Cahn Jüdin war.

Am 22. November 1942 wurde die Königsteinerin gemeinsam mit ihrer Mutter Lina in das litauische Vernichtungslager Kowno deportiert, wo sie drei Tage nach ihrer Ankunft erschossen wurde.

Es sind Schicksale wie das von Rosa Cahn, die eine Gruppe von 20 Königsteinern zusammengeführt hat. Ihnen allen gemein ist der Wunsch, das Gedenken an jene jüdischen Bürger der Kurstadt wachzuhalten, die in der Zeit des Nazi-Terrors den Tod gefunden haben. Ein Ziel, das Petra Geis und ihre Mitstreiter über die Beteiligung an der Stolpersteine-Aktion des Künstlers Gunter Demnig (siehe „INFO“) erreichen wollen.

Gerade vor dem Hintergrund der 700-Jahr-Feier in der Stadt, sagte Petra Geis gestern bei einem Pressetermin im Kurpark, wolle man dieses Zeichen setzen, um an die Opfer aus der Mitte der Kurstadt zu erinnern.

 

Namen zurückgeben

 

Kommentar: Aus der Mitte gerissen

Sie waren Ärzte, Hoteliers, Handwerker; sie waren Mitbürger, Kollegen, Nachbarn - sie waren Königsteiner. Gerade in einem Jahr, in dem die Kurstadt mit Stolz ihre Annalen durchblättert,

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„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitierte Barbara Kramer aus den Reihen der Königsteiner „Initiative Stolpersteine das aus dem Talmud entliehene Credo von Initiator Demnig. In den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert und des Menschseins beraubt, so Kramer, sollen nun den Opfern die Namen zurückgegeben werden.

Um die erforderlichen Informationen zu finden, die Lebensläufe und Schicksale nachzeichnen zu können, hat die Initiative in den vergangenen Wochen und Monaten einiges an Recherche-Arbeit zu leisten gehabt. Von zentraler Bedeutung dabei: die Dokumentation „Juden in Königstein“ des früheren Stadtarchivars Heinz Sturm-Godramstein.

Name, Geburts- und Todesjahr, Todesort - was an Lebensdaten und Hinweisen aus Archiven zutage gefördert werden konnte, steht heute noch auf Karteikarten und soll in Zukunft auf kleinen Messingplatten verewigt und über die Stolpersteine im Gedächtnis der Stadt verankert werden.

 

Einverständnis einholen

 

Info: Stolpersteine

Mehr als 40 000 „Stolpersteine“ verteilt auf über 1000 Orte in Deutschland und neun weiteren europäischen Ländern sprechen für sich - die Anfang der 1990er-Jahre von Künstler Gunter Demnig

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Die kubischen Betonsteine mit einer Kantenlänge von 10 Zentimetern sollen in den Bürgersteigen vor den Häusern in der Kurstadt eingebracht werden, die als letzte selbstgewählte Wohnorte der Opfer gelten. Um das tun zu können, bedarf es nicht nur der Genehmigung der Stadt, die der Aktion wohlwollend gegenübersteht, sondern auch der aktuellen Hausbesitzer.

Deren Einverständnis einzuholen, gestalte sich manchmal doch sehr zeitaufwändig, wohnen doch die Eigentümer in einigen Fällen gar nicht mehr in der Kurstadt. „Wir wenden uns dann schriftlich an die Hausbesitzer, bitten um ihr Einverständnis und werben auch für die Aktion“, erklärte Katja Metz von der Initiative.

In drei Fällen habe die Königsteiner Initiative das Einverständnis mittlerweile erhalten, so Petra Geis. Es gäbe sogar Hauseigentümer, die schon signalisiert hätten, die 120 Euro für die Patenschaft übernehmen zu wollen.

Der erste Stein soll voraussichtlich im November dieses Jahres gesetzt werden, ergänzt um eine Ausstellung zur einst lebendigen Gemeinde der Königsteiner Juden und deren Ende in der Zeit der Nazi-Diktatur. Rund 100 Juden, das schätzen die Verantwortlichen der überparteilichen Initiative, lebten um 1930 in der Kurstadt. In Anbetracht einer Gesamteinwohnerzahl von etwa 3500 sei das doch eine recht große Gemeinde gewesen, meint Königsteins Parlamentschef Robert Rohr (ALK).

Wie viele durch Flucht dem Tod in einem Vernichtungslager noch gerade rechtzeitig entgehen konnten, und wie viele ihr Leben ließen - darauf erhofft sich die Initiative über die Teilnahme an der Aktion „Stolpersteine“ weiteren Aufschluss. Dr. Ilja-Kristin Seewald: „Wir sind für Informationen, die uns auf die Spur bislang vergessener jüdischer Bürger der Kurstadt führen, sehr dankbar.“

 

Die „Initiative Stolpersteine“ trifft sich wieder am Mittwoch, 21. August, 19.30 Uhr, im Adelheidstift im Burgweg. Wer sich der Gruppe anschließen oder eine Patenschaft für einen Stolperstein in Höhe von 120 Euro übernehmen möchte, ist eingeladen, an diesem Abend vorbeizuschauen.

 

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