Auf der Überholspur der Hilfe

Gerade mal seit fünf Jahren gibt es die Königsteiner Stiftung "Childaid Network". Eine vergleichsweise kurze Zeit, in der die von Dr. Martin Kasper und seiner Frau Dr. Brigitta Cladders ins Leben gerufene Hilfsorganisation schon überaus viel erreicht hat. Mit der TZ sprach Kasper über das bisher Erreichte, die Kür zur Stiftung des Jahres 2011 und Kinder, deren Not hierzulande bislang nur wenigen bekannt ist.
versenden drucken
Königstein. 

DR. MARTIN KASPER: Überrascht – das kann ich nicht sagen, weiß ich doch, wie viel Arbeit unser Team in den vergangenen fünf Jahren in das Projekt gesteckt hat. Froh und glücklich aber bin ich auf jeden Fall. Schließlich ist es keine Selbstverständlichkeit, dass das, was wir uns vorgenommen haben, sich bislang so gut umsetzen ließ.

"Vorgenommen" – lässt sich so ein Erfolg denn planen?

KASPER: Ich möchte es anders formulieren. Man muss schon einen sehr genauen Plan haben, wenn man in diesem komplexen Umfeld dauerhaften Erfolg haben will. Für meine Frau und mich war von Anfang an klar, dass wir mit unserem Engagement für Kinder etwas strukturell verbessern wollten. Unser Ziel war und ist es, katalytische Prozesse anzustoßen und nicht "nur" Geld zu geben. Dazu aber bedarf es klarer Vorgaben und voller Konzentration. So, wie wir uns das vorgestellt haben, ließ sich das nicht nach Feierabend machen. Deshalb habe ich mich 2006 – mit Gründung der Stiftung – aus dem operativen Geschäft bei Accenture verabschiedet, um mich ganz "Childaid" widmen zu können. Ich bin jetzt quasi Sozialunternehmer.

Also haben Sie einen Fulltime-Job mit einem anderen getauscht – allerdings mit dem gravierenden Unterschied, dass Sie jetzt kein Geld bekommen, sondern noch welches mitbringen müssen. Klingt ungewöhnlich.

KASPER: Für mich ganz und gar nicht, was sicherlich mit meiner eigenen Herkunft zu begründen ist. Ich bin mit fünf jüngeren Geschwistern aufgewachsen, habe schon früh gelernt, was es heißt, Verantwortung für andere zu übernehmen und zu teilen. Hinzukommt, dass ich in meinem Leben sehr viel Glück hatte. Da waren Förderer, die auf mich gebaut, die mir eine gute Ausbildung ermöglicht und mir die Chance gegeben haben, schon in jungen Jahren beruflich erfolgreich zu sein. Daher sehe ich auch als meine Aufgabe an, etwas von dem, was mir bislang an Gutem widerfahren ist, weiterzugeben – nicht erst seit der Gründung von "Childaid".

Inwiefern?

KASPER: Ich bin in der glücklichen Lage, sagen zu können, dass ich in meinem Leben stets mehr Geld verdient habe, als ich und meine Familie zum Leben brauchen. Deshalb auch haben meine Frau und ich schon immer einen Teil an jene abgegeben, die nicht so gute Startchancen hatten. Das geschah allerdings nie im Licht der Öffentlichkeit. Das kam mir eigentlich auch entgegen.

Wieso?

KASPER (lacht): Ich habe schon in meiner Zeit als Firmenvorstand die Welt der Medien lieber gemieden. Das ist in meiner aktuellen Funktion nicht mehr möglich. Deshalb sitze ich jetzt mit Ihnen auch hier. Und ich tue es gerne, denn ich weiß, dass es unabdingbar ist, die Öffentlichkeit über das zu informieren, was wir tun. Nur so können wir um Unterstützung werben und unser Netzwerk vergrößern.

Apropos Netzwerk. Sie haben den Begriff bewusst im Namen Ihrer Stiftung verankert. Welche Bedeutung kommt dem "Vernetzen" zu?

KASPER: Die größte. "Childaid" ist keine One-Man-Show. Ich bin Wirtschaftsingenieur, kein Entwicklungshelfer. Allein wäre ich gar nicht imstande gewesen, das Projekt dorthin zu führen, wo wir jetzt sind und wo wir noch hinwollen. Deshalb habe ich schon früh Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen angesprochen, um sie für unser Projekt zu gewinnen, sie mit unserer Idee "anzustecken".

Wie viele Unterstützer haben sich denn bereits mit der Idee der Hilfe "infiziert"?

KASPER: Nehmen wir nur den harten Kern, so sprechen wir mittlerweile von einem gut 100-köpfigen ehrenamtlichen Team, in dem jeder nach seinen Möglichkeiten am gemeinsamen Erfolg mitarbeitet. Das beginnt beim ehemaligen Bankdirektor und reicht über erfahrene Entwicklungshelfer bis zum Studenten oder Schüler des Taunusgymnasiums. Jeder hat seine Aufgabe, bringt seine Kontakte, seine Zeit und seine Erfahrung ein. Und der Zuspruch wächst.

Obwohl Sie um Hilfe für Menschen in einem Zipfel der Welt bitten, der hierzulande bislang kaum Beachtung findet. Warum Nordost-Indien?

KASPER: Weil genau im fehlenden Wissen über die Lage in Assam und den anderen Bundesstaaten Nordost-Indiens eines der größten Probleme zu sehen ist. Kaum jemand nimmt von der großen Not gerade der Kinder in diesem Landstrich im Schatten des Himalaya Notiz.

Wie sind Sie auf Assam aufmerksam geworden?

KASPER: Ich kannte die schwierige Situation dort schon von meinen vorherigen Reisen nach Indien – gerade auch fernab der bekannten touristischen Routen. Wir hatten aber auch noch andere Länder wie Ägypten oder Afghanistan für den Start von "Childaid" in den Blick genommen. Doch die Voraussetzungen, die wir dort bei unseren Besuchen vorfanden, erschienen uns nicht geeignet.

Was sprach gegen diese Regionen und letztlich für Nordost-Indien?

KASPER: Die große Not der Kinder hätte sicher gerechtfertigt, sich in all diesen Ländern zu engagieren. Afghanistan war damals jedoch so kaputt und korrupt, dass wir für uns keine Chance sahen, erfolgreich etwas anzustoßen. Die möglichen Partner in Ägypten wurden zu stark von Ideologien bestimmt, was unserem klaren Prinzip widersprochen hätte, unsere Hilfe unabhängig von Religionszugehörigkeit oder Ethnie zu leisten. In Assam wiederum fanden wir seitens der Regierung die notwendige Unterstützung und in den Salesianern von Don Bosco einen zuverlässigen Partner, mit dem wir unsere Arbeit am Ort voranbringen konnten.

Widerspricht denn die Zusammenarbeit mit einem katholischen Orden nicht dem Anspruch auf Unabhängigkeit?

KASPER: Nein. Dazu muss man wissen, dass die "Social Development Offices" der Salesianer, mit denen wir zusammenarbeiten, sich allein auf die karitative Arbeit, den Einsatz von Sozialarbeitern und Psychologen, konzentrieren.

Indien gilt als erwachender Riese, als Tigerstaat– wie passt das mit dem Bild von Hunger und Not zusammen?

KASPER: Das Land ist aufstrebende Wirtschaftsmacht und Armenhaus zugleich. Metropolen wie Mumbai und Bangalore prosperieren. In den ländlichen Regionen jedoch – gerade im Nordosten – ist von Fortschritt nichts zu spüren.

Wie stellt sich die Situation in Assam aus Ihrer Sicht dar?

KASPER: Schon ob ihrer geografischen Lage ist die Region im Osten Bangladeschs und im Süden Bhutans vom Rest Indiens isoliert. Einzig eine schmale Landbrücke stellt die Verbindung her. Es ist eine sensible Grenzregion mit sehr unterschiedlichen Ethnien, die lange von der Regierung in Delhi abgeschottet wurde, um die dort lebenden Stämme vor Einflüssen von außen zu schützen. Der Schutz schlug jedoch ins Gegenteil um.

Inwiefern?

KASPER: Die indigenen Stämme sind heute die Hauptleidtragenden der Rückständigkeit. Sie haben nie etwas anderes gelernt, als in der Landwirtschaft zu arbeiten, hier aber finden sie kein ausreichendes Auskommen mehr. Allein 7 Millionen Adivasis – unter diesem Oberbegriff werden die Stämme zusammengefasst – verdingen sich für Hungerlöhne auf den Teeplantagen. Viele zieht es nach Guwahati, die Hauptstadt Assams. Sie hoffen, dort ein besseres Leben zu finden, und landen in den Slums. Verstärkt wird diese Landflucht durch einen wachsenden Bevölkerungsdruck durch Zuwanderung von außen.

Wie kommt der zustande?

KASPER: Bengalis aus dem Süden und Flüchtlinge aus Nepal kommen über die grüne Grenze ins Land, dringen in die Stammesgebiete ein, drängen die indigene Bevölkerung zusammen. Die Folge sind zum Teil blutige Auseinandersetzungen, die bereits mehrere Hundert Menschen das Leben gekostet haben – gerade der Stamm der Santhals im westlichen Assam, mit dem wir eng zusammenarbeiten, hat unter den Auseinandersetzungen stark gelitten. Zigtausende wurden aus ihren Dörfern vertrieben, leben in Flüchtlingslagern. Hier sehen wir uns besonders gefordert.

Was können Sie tun?

KASPER: Wir müssen die Lebensumstände der Menschen grundsätzlich verbessern und damit letztlich auch die Landflucht stoppen. Nur so haben diese faszinierenden Stammeskulturen eine Zukunft.

Und dazu setzen Sie bei den Kindern an …

KASPER: Selbstverständlich. Sie sind die Zukunft ihrer Völker, nur über sie lässt sich ein grundlegender Prozess der Veränderung anstoßen. Unser Ziel ist es, den Kindern und Jugendlichen über Schule und Ausbildung die erforderlichen Befähigungen zu vermitteln. Wir müssen sie befähigen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Und auf diesem Weg sind wir schon ein gutes Stück vorangekommen.

Nennen Sie uns ein paar Beispiele.

KASPER: In den Flüchtlingslagern der Santhals besuchen mittlerweile über 4000 Mädchen und Jungen unsere Schulen. Wir finanzieren 75 Lehrer, deren Fortbildung und Unterrichtsmaterialien und verschaffen den Kindern so eine Grundbildung. 15 neue Schulen sind geplant. In einem nächsten Schritt schaffen wir jetzt Werkstätten, in denen die jungen Leute nach der Schulzeit ein Handwerk erlernen können, mit dem sie ihr Auskommen – abseits der Landwirtschaft – verbessern können.

Besteht nicht die Gefahr, dass über das Eingreifen von außen auch ein Teil der indigenen Kultur, die Sie eigentlich schützen wollen, verloren geht?

KASPER: Wir bemühen uns sehr, das zu vermeiden, versuchen sogar, die Identifikation mit den eigenen Stammestraditionen zu stärken. Der Schulunterricht findet bewusst in der Stammessprache statt, zudem arbeiten wir eng und auf Augenhöhe mit den Stammesautoritäten zusammen. Wir stimmen uns ab, reagieren auf Nachfrage, drängen unsere Hilfe nicht auf. Bislang funktioniert das sehr gut.

"Childaid" engagiert sich überdies für die Straßenkinder in Guwahati. Wie stellt sich die Lage dort dar?

KASPER: Man geht heute davon aus, dass hier rund 20000 Kinder auf der Straße leben – ohne Eltern, ohne Angehörige; bis zu 150000 Kinder zwischen 6 und 14 Jahren haben zudem noch keine Schule von innen gesehen. Das lässt sich nicht von einem auf den anderen Tag verändern, deshalb haben wir vor vier Jahren auch mit der Stadtverwaltung und unseren Partnern einen auf 20 Jahre ausgelegten Meilenstein-Plan erarbeitet, der Guwahati kinderfreundlicher machen soll.

Welchen Meilenstein haben sie mittlerweile erreicht?

KASPER: Wir stehen sicher noch am Anfang, können aber doch sagen: Wir sind auch da auf einem guten Weg. Inzwischen gibt es fünf Heime für etwa 200 Waisenkinder. Einige Hundert Kinder aus den Elendsquartieren lernen bereits in unseren Nachbarschaftsschulen, wir bilden zudem Sozialarbeiter aus, versuchen in unseren "Daycare-Centern" die Versorgung der ärmsten Kinder zu verbessern.

Wenn Sie sehen, wo Sie mit Childaid gestartet sind und wo Sie heute stehen, wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

KASPER: Die Zahlen sprechen da für sich. Insgesamt eröffnen sich durch die von uns geförderten Projekte inzwischen für fast 15000 Schüler in über 200 kleinen Schulen neue Lebensperspektiven. Ich denke, darauf können wir als Team schon stolz sein. Wir wissen aber alle, dass es noch sehr viel zu tun gibt. Die große Unterstützung, die wir dabei – gerade auch über die Wahl zur "Stiftung des Jahres" – erfahren haben, ist für uns Ansporn und Verpflichtung zugleich.

Werfen wir den Blick voraus. Wenn in fünf Jahren das nächste Jubiläum von "Childaid" ansteht, was erhoffen Sie sich, bis dahin erreicht zu haben?

KASPER (lächelt): Dass ein anderes Team-Mitglied an meiner statt das Interview gibt. Das nämlich würde dafür sprechen, dass wir im Aufbau unserer Strukturen und vor allem in unserer Arbeit für die Kinder weiter entscheidend vorangekommen sind und ich mich wieder etwas aus der vordersten Reihe zurückziehen kann.

versenden drucken
Jetzt kommentieren

Nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.

Mit * gekennzeichnete Felder, sind Pflichtfelder!

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Wieviel ist 8 + 2: 




Videos

MEHR AUS Hochtaunus

Pfarrerin Astrid Bender verabschiedete Vikar Thorsten Leppek. Er wird künftig unter anderem als Klinikseelsorger am Markuskrankenhaus arbeiten 	Foto: jr
Der Herr Vikar nimmt seinen Talar

Bad Homburg. Thorsten Leppek war in den vergangenen zwei Jahren ein Glücksfall für die Erlöserkirche. Auch er hat sich in der Stadtkirche willkommen ... mehr

clearing
Hier kommen bald die Gärtner

Der Jüdische Friedhof im Gluckensteinweg gibt derzeit ein eher trauriges Bild ab. Auf dem Platz vor der Trauerhalle sprießt das Unkraut. mehr

clearing
clearing

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv Themen Mediadaten Kontakt Impressum Datenschutz AGB

© 2014 Frankfurter Neue Presse