Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen

Aus dem Wald ausgesperrt

Von Ein geplantes neues Gesetz soll die Konflikte zwischen Radfahrer und Fußgängern im hessischen Wald mindern. Womöglich komme es durch das "absurde" Papier zu noch schlimmeren Disputen, meinen Radler und Reiter.
Radfahrer und Reiter, die den Taunuswald nutzen, protestieren gegen geplante Gesetzesnovelle. (Symbolbild) Radfahrer und Reiter, die den Taunuswald nutzen, protestieren gegen geplante Gesetzesnovelle. (Symbolbild)
Hochtaunus. 

Downhillfahren und Geocaching gab es in den 70er-Jahren noch nicht. Aus dieser Zeit stammt das jetzt gültige Forstgesetz, das wegen der neuen Entwicklungen novelliert werden soll, wie Thorsten Neels, Sprecher des hessischen Ministeriums für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (HMUELV), erklärt. Unnötige Überregulierungen habe man gestrichen, dafür ein Augenmerk auf den Klimaschutz geworfen.

Der Entwurf des neuen Waldgesetzes wurden den Interessensverbänden jener Gruppen, die den Wald nutzen, geschickt. Sie sollen eventuelle Bedenken anbringen. Und die gibt es. Denn Radfahrer und Reiter fühlen sich aus dem Wald "ausgesperrt".

"Jeder darf den Wald zum Zwecke der Erholung" betreten, heißt es in Paragraph 15 des neuen Gesetzes. "Betreten" schließt auch das Radfahren und Reiten mit ein. Weiter heißt es im Gesetz: ". . . auf befestigten oder naturfesten Wegen, die von nicht geländegängigen, zweispurigen Kraftfahrzeugen ganzjährig befahren werden können". Dass schmalere Wege fortan tabu bleiben sollen – sie finden im Gesetzestext keine Erwähnung – finden Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC) und Deutsche Initiative Mountainbike (DIMB) einhellig "völlig absurd".

Damit würden die Biker genau auf jene Wege gelenkt, die ohnehin schon stärker frequentiert sind, heißt es beim ADFC. "Je breiter der Weg, desto schneller wird gefahren", weiß ADFC-Geschäftsführer Norbert Sanden (siehe auch NACHGEFRAGT unten).

Auf der nächsten Seite: Behördenwillkür ausgeliefert

Für die DIMB kommt der Gesetzentwurf einem "Bike-Verbot" gleich. Die Initiative hat Anfang Juli übers Internet einen Petitionsaufruf gestartet, den auch der ADFC unterstützt. Mehr als 35 200 Unterstützer hatten bis gestern Nachmittag unterzeichnet, über 15 400 davon wohnen in Hessen.

Auch die Reiter sind nicht begeistert. Bis zu 90 Prozent der bisher legalen Wege seien für sie künftig verboten, sagt der Weilroder Pferdefreund Frank Mechelhoff. Unter www.taunusreiter.de hat er den Gesetzentwurf verlinkt und ebenfalls einen Petitionsaufruf gestartet mit bislang weiteren über 3300 Unterstützern. Statt Erholungssuchende auszusperren, so Mechelhoff, solle sich das Land lieber um naturnahe Bewirtschaftung kümmern.

Eine weitere Absurdität sehen Radfahrer und Reiter in folgender Formulierung: "Betreten mehrere Personen den Wald zur Verfolgung eines gemeinsamen Zweckes, steht ihnen das Betretungsrecht nur zu, wenn nach den örtlichen Gegebenheiten eine Beeinträchtigung des betroffenen Waldgebietes nicht zu erwarten ist." Gemeint sind große organisierte Veranstaltungen wie Waldläufe; sie müssen angemeldet werden. "Heißt das, man darf nicht mehr zu dritt im Wald radeln?", fragt provokant Fahrrad-Aktivist Hans-Friedrich Lange aus Weilrod. "Das ist doch ein Witz." Gruppenwanderungen oder -radtouren dagegen stehe nichts im Wege, heißt es hierzu auf der Internetseite des Ministeriums. Mechelhoff denkt, dass Wandergruppen "der Willkür von Behörden oder Jägern ausgeliefert" seien, "sobald diese eine ,Beeinträchtigung des Waldes oder Wildes‘ befürchten".

Auf der nächsten Seite: "Alles bleibt beim Alten"

Der dritte Punkt, den die Protestierenden für überzogen halten, sind die Bußgelder (Paragraph 28) für jene, die sich nicht an das neue Gesetz halten. Bis zu 100 000 Euro könnten das sein, meint Mechelhoff; außerdem (Paragraph 29) könne das Land sogar Fahrräder oder GPS-Geräte einkassieren. An Waldsheriffs, die sonntags das Verhalten kontrollieren, sei nicht gedacht, sagt Neels. Für die meisten Waldbesucher bleibe ohnehin alles beim Alten.

Für die Radfahrer verbessere sich die Lage sogar, meint der Ministeriumssprecher: Nach derzeitiger Rechtslage sei das Radfahren im Wald nur auf festen Waldwegen, nicht aber auf schmalen Pfaden, sogenannten Trails, gestattet. Anders als vorher könnte das Downhillfahren auf schmalen Wegen erlaubt werden – sofern die Waldbesitzer, also Land, Kommunen oder Privatleute, dazu Ja sagen. "Wir schaffen nur die rechtliche Grundlage", betont Neels. Nun könnten die Kommunen und Tourismusverbände zum Beispiel Pfade aussuchen und diese als legale Downhill-Trails kennzeichnen. "Jetzt ist Hessen-Forst aufgefordert, aktiv Angebote zu machen."

Die DIMB jedoch sieht auch im neuen Gesetzestext viele "bürokratische Hürden für den legalen Bau von Bike-Strecken wie Flowtrails, Freeride- oder Downhillstrecken". "Dazu bedarf es mehr als nur des neuen Landeswaldgesetzes", heißt es auf der Homepage der Initiative.

Bis zum 22. August können die Interessensverbände wie Radler und Reiter dem Ministerium noch ihre Bedenken mitteilen. Im Herbst soll der überarbeitete Gesetzentwurf in den Landtag eingebracht, öffentlich diskutiert und gegebenenfalls beschlossen werden. ADFC-Sprecher Sanden glaubt nicht, dass es dazu kommen wird.

Zur Startseite Mehr aus Hochtaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse