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Der Hass machte keine Ausnahme

Wenn der Kölner Künstler Gunter Demnig am 18. November in der Kurstadt die ersten „Stolpersteine“ verlegt, um an das Schicksal von Königsteiner Opfern des Nazi-Terrors zu erinnern, wird auch ein Stein für Moritz Seligmann dabei sein. Sein Leben zeichnet die Initiative „Stolpersteine“ in einer Mitteilung nach.
Königstein. 

Die Nazi-Schergen kamen am 11. November 1938 in das Haus in der Thewaltstraße 9, um Moritz Seligmann abzuholen. Der Königsteiner jüdischen Glaubens weinte. Er wusste um das, was der rechte Mob in der Nacht zuvor, der Reichspogromnacht, seinen Glaubensbrüdern in Königstein wie überall im Land angetan hatten. Und doch war sich Seligmann sicher, dass er ein Faustpfand in der Tasche hatte, das es seinen Häschern letztlich unmöglich machen würde, ihn zu behelligen.

„Das ist meine Versicherung“, soll Seligmann einem Nachbarn noch im Treppenhaus zugeflüstert und dabei auf sein „Eisernes Kreuz“ gezeigt hatten, das ihm im Ersten Weltkrieg verliehen worden war. Aber nicht einmal der Einsatz für Kaiser, Volk und Vaterland vermochte den blindwütigen Judenhass zu besänftigen.

Aussichtloser Kampf

Wie auch andere jüdische Männer aus Königstein wurde er im November 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald transportiert. Von dort schrieb er im Dezember 1938 auf einer Postkarte an die Polizei-Verwaltung Königstein: „Hierdurch möchte ich Sie höflich bitten, der Kommandantur des Konzentrationslagers Buchenwald-Weimar zu bestätigen, dass ich im Besitz der von Ihnen erhaltenen Ehrenurkunde des verliehenen Frontkämpferkreuzes bin“.

Seligmann wurde aus dem KZ entlassen unter der Bedingung, dass er bis zum 31. März des Folgejahres auswandern würde. Das geht aus einem Schreiben der Geheimen Staatspolizei vom 22. Dezember 1938 an den Landrat in Bad Homburg hervor, das auch in dem mittlerweile vergriffenen Buch „Juden in Königstein“ dokumentiert ist.

Bis zu seiner Ausreise, so die Anordnung der Gestapo, musste sich Seligmann zweimal wöchentlich bei der Polizei melden. Weiter hieß es: „Falls S. bis zu dem festgesetzten Termin nicht zur Auswanderung gekommen ist, bitte ich ihn festzunehmen und in das Polizeigefängnis einzuliefern.“

Kurz vor Ablauf dieser Frist gab es ein weiteres Schreiben der Gestapo. Darin wurde bestätigt, dass der „Aktionsjude“ Moritz Seligmann als Frontkämpfer am Weltkrieg teilgenommen hat und daher „für ihn die Meldepflicht und die Auswanderungspflicht aufgehoben“ wurde.

Verzweifeltes Warten

Die geplante Auswanderung in die USA kam aber nicht zustande. Zwar hatte er eine Bürgschaft für die USA, doch war offenbar unter den vielen Einreiseanträgen seine Registrierungsnummer zu hoch. In einem handschriftlichen Schreiben an den Königsteiner Bürgermeister vom 11. Mai 1940 heißt es: „Ich bin im Besitze einer Bürgschaft für U.S.A. Doch meine höhere Nummer beim amerik. Consulat in Stuttgart konnte noch nicht aufgerufen werden, ich hoffe sobald als möglich an die Reihe zu kommen. Ich war Frontkämpfer, bin im Besitze des Frontkämpferehrenkreuzes. Auch war ich 2 Jahre bis Okt. 19 in Kriegsgefangenschaft. Ich bitte um Verlängerung der Frist.“

Moritz Seligmann musste zu lange warten. Er lebte noch bis 1942 in Königstein. Am 10. Juni wurde er „nach dem Osten abtransportiert“, wie die Königsteiner Meldekartei lapidar vermerkt. Wohin er kam, wann und wie er starb, ist unbekannt.

Dank einer Nachfahrin

Die Initiative Stolpersteine Königstein hat Kontakt zu einer Nachfahrin Seligmanns. Die heute in einem Altenwohnheim in Mainz lebende Frau sei sehr glücklich, dass mit einem Stolperstein an ihren Großonkel erinnert werde, teilte die Initiative mit. Die Verlegung des Steins sei ihr ein echtes Anliegen. Sie denke häufig an die Königsteiner Stolperstein Initiative, sagte sie einem Mitglied der Gruppe bei einem Telefonat.

Am 18. November werden in Königstein ab neun Uhr rund 20 Stolpersteine zur Erinnerung an frühere jüdische Mitbürger verlegt, die unfreiwillig Königstein verlassen mussten. Etliche von ihnen wurden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet.
Am 17. November informiert um 19.30 Uhr der Initiator der Aktion, der Kölner Künstler Gunter Demnig, über die europaweite Verlegung von Stolpersteinen. Die Initiative Stolpersteine ist zu erreichen unter pgeis@stolpersteine-koenigstein.de.

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