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Die Nacht, in der die Angst einzog

Wenn Gunter Demnig am 18. November in der Kurstadt die ersten „Stolpersteine“ verlegt (wir berichteten), wird ihn sein Weg auch in die Neugasse führen. Hier will der Künstler mit seinen steinernen Erinnerungsstücken das Schicksal der jüdischen Familie Steinberg ins Gedächtnis rufen. Ihr Leben und Sterben steht beispielhaft für das unaussprechliche Leid, das Menschen in der Zeit der Nazi-Diktatur zugefügt wurde.
Das Haus Neugasse 1, in dem die jüdischen Familien Steinberg und Cahn einst lebten, steht nicht mehr. Die Erinnerung an die früheren Bewohner, die unter den Nazis litten und auch starben, soll aber über Stolpersteine wachgehalten werden.	Foto: jp Das Haus Neugasse 1, in dem die jüdischen Familien Steinberg und Cahn einst lebten, steht nicht mehr. Die Erinnerung an die früheren Bewohner, die unter den Nazis litten und auch starben, soll aber über Stolpersteine wachgehalten werden. Foto: jp
Königstein. 

Hugo Steinberg hat den 10. November 1938 zeitlebens nicht vergessen. Es war die Nacht, in der Terror und Angst in sein Haus in der Königsteiner Neugasse einzogen und nicht mehr gehen wollten. Es war die Nacht, die den Anfang vom Ende seines bisherigen Lebens markierte. Vor allem aber war es die Nacht, deren grausames Dunkel sich über Jahre hinzuziehen schien und Steinberg sogar seiner Frau und seiner drei kleinen Jungs beraubte.

Es ist Angelika Rieber zu verdanken, dass das Schicksal der jüdischen Familie Steinberg überliefert ist. Die Oberurselerin hat das Leben der Steinbergs erforscht und ihre Ergebnisse nun auch der Königsteiner Initiative „Stolpersteine“ zur Verfügung gestellt. Hätte es noch einer Begründung dafür bedurft, in der Kurstadt mit Stolpersteinen auf das Schicksal von Nazi-Opfern aufmerksam zu machen - Angelika Rieber hat sie geliefert.

Eindrucksvoll wie beklemmend zeichnet die Historikerin nach, wie die Steinbergs und mit ihnen ungezählte andere Deutsche jüdischen Glaubens Schritt für Schritt aus der Mitte der Gesellschaft an deren Rand gedrängt und so zu schutzlosen Opfern von Willkür, Brutalität und Mordlust wurden.

 

Brutale Übergriffe

 

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Es sei nicht zuletzt Viehhändler Moritz Steinberg, der Bruder und Geschäftspartner von Hugo gewesen, so schreibt es Rieber, der deutlich die sich verschärfende antisemitische Stimmung seit Beginn der NS-Zeit gespürt habe. 1963 schilderte er einen Vorfall auf dem Viehmarkt in Wächtersbach aus dem Sommer 1935: „Auf dem Markt wurde das Vieh von SS und SA-Leuten abgeschnitten und auseinander gejagt. Ich wurde blutig zu Boden geschlagen und habe heute noch Merkmale am Körper. Ich konnte nicht mehr nach meinem Vieh sehen und verlor alle Tiere.“

Es sollte der letzte von jüdischen Viehhändlern besuchte Viehmarkt gewesen sein, wie ein Bericht des Wächtersbacher Magistrats aus dem Jahr 1963 nachzeichnet. Darin heißt es außerdem: „Es ist - soweit bekannt - zutreffend, dass der Viehmarkt von Nationalsozialisten gesprengt, die Händler verfolgt wurden und das Vieh zeitweise herrenlos herumlief. Wo das frei umherlaufende Vieh zuletzt verblieb und was damit geschehen ist, kann heute nicht mehr ermittelt werden.“

Moritz Steinberg ahnte wohl, dass dies kein einmaliger „Ausrutscher“ der Nazi-Schergen war. Dahinter steckte System, und Schutz war vom Staat nicht zu erwarten. Im Gegenteil. Nachdem ihm 1936 auch noch die Gewerbeerlaubnis entzogen worden war, bereitete Moritz Steinberg für sich und seine Frau die Auswanderung vor.

Obwohl wie sein Bruder Hugo in Steinfischbach geboren und seit 1920 in Königstein lebend, war Deutschland keine Heimat mehr für ihn. Ob Hugo Steinberg, der mit seiner Frau Fanny und den Söhnen Mayer Hellmuth, Moses Heinz und Heymann Herbert Günter in der Neugasse wohnte, das zu diesem Zeitpunkt schon ähnlich empfand? Spätestens in der Nacht des 10. November 1938 - der Reichspogromnacht - sollte er es spüren.

Angetrunkene Horden, so Chronistin Angelika Rieber, seien grölend und randalierend durch Königstein gezogen und hätten die Häuser der jüdischen Bewohner heimgesucht. Darunter auch die Wohnungen von Moritz und Hugo Steinberg. Ein Zeuge berichtete: „…bei Familie Steinberg … schrien dessen Kinder wie wahnsinnig vor Angst.“ Frau Steinberg habe kniend gebeten, doch aufzuhören und gefragt, was man ihm (dem Täter) denn getan hätte. Der in diesem Fall einzige Eindringling habe sich jedoch nicht stören lassen und weiter gewütet.

Zahlreiche jüdische Männer wurden verhaftet und nach Buchenwald deportiert, so auch Hugo und Moritz Steinberg. „Bei der Ankunft im Bahnhof Weimar mussten wir alle in Reih und Glied antreten. Leider stand ich in der ersten Reihe. Dann rief ein SS-Mann: ,Kopf hoch’, und schlug im selben Augenblick mit einem Gummiknüppel auf mich ein. Dabei wurde mir das Nasenbein gebrochen und die Vorderzähne ausgeschlagen“, erinnerte sich Hugo Steinberg später.

Freigelassen wurden die Männer, wenn sie sich bereit erklärten, Deutschland binnen einer gesetzten Frist zu verlassen. Bei Vorlage des Eisernen Kreuzes konnte die Entlassung unter Umständen beschleunigt werden. Moritz Steinberg gelang es, mit seiner Frau in die USA zu fliehen, wo er sich Morris nannte. Er starb dort 1972.

Hugo Steinberg war in der Hoffnung, die Familie bald nachholen zu können, nach England geflüchtet. Statt dringend erhoffter Hilfe und Aufnahme erwartete den Familienvater jenseits des Ärmelkanals jedoch schroffe Zurückweisung.

 

Eine Odyssee

 

1940 wurde er, das belegen die Aufzeichnungen von Angelika Rieber, zusammen mit vielen weiteren jüdischen Flüchtlingen und deutschen Emigranten als „feindlicher Ausländer“ interniert und auf dem Schiff „Dunera“ nach Australien gebracht. Eine Odyssee, die ihn der Chance beraubte, seine Familie nachzuholen. Es war ihr Todesurteil. Ehefrau Fanny Steinberg und die drei Söhne waren noch bis Juli 1941 in Königstein gemeldet. Am 22. November 1941 wurden sie nach Kaunas in Litauen deportiert und brutal ermordet.

Hugo Steinberg wollte nach dem Ende des 2. Weltkrieges nicht wieder in Deutschland leben.

(tz)
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