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Ein kleiner Zettel voll von Leid

Wenn Aktionskünstler Gunter Demnig am 18. November daran geht, in Königstein die ersten Stolpersteine zu verlegen, werden auch Steine mit den Namen der Familie Gemmer-Henlein dabei sein. Ihr Schicksal steht exemplarisch für das, was mit der Reichspogromnacht vor 75 Jahren über Menschen hereinbrach, die nicht in die kruden Denkstrukturen der Nazis passten. Der Königsteinerin Elisabeth Kurz ist es zu verdanken, dass das nicht in Vergessenheit gerät.
Sommer 1929 - Ein Bild aus glücklichen Tagen: Wilhelm Gemmer (re.) mit seiner Frau Louise, Tochter Gertrude (li.) und einem Bruder seiner Frau auf der Bank vor dem Haus in der Kirchstraße. Bild-Zoom
Sommer 1929 - Ein Bild aus glücklichen Tagen: Wilhelm Gemmer (re.) mit seiner Frau Louise, Tochter Gertrude (li.) und einem Bruder seiner Frau auf der Bank vor dem Haus in der Kirchstraße.

Ein Klebeetikett - nur wenige Zentimeter groß, feinsäuberlich bedruckt, penibel links unten auf der Innenseite des Buchdeckels angebracht. Vermutlich ein schlichtes „Dieses Buch gehört . . .“, das leicht und achtlos zu überblättern ist.

Doch Moment: Warum hat der Besitzer daneben mit Bleistift ein Datum und seine Initialen gesetzt? Noch dazu in ein Buch, von dem er wusste, dass er es verschenken wollte? Weil es für den Schenkenden etwas überaus Besonderes war, weil er damit ein Zeichen setzen wollte.

„Diese Aufkleber sind die ersten Stolpersteine hier bei uns in Königstein“, sagt Elisabeth Kurz und lenkt damit den Blick zurück auf jenes kleine Stück Papier, das mit wenigen Zeilen eine Geschichte erzählt, die so nachdenklich und so betroffen macht, wie es hunderte Seiten nicht tiefer können.

Es ist die Lebensgeschichte des Königsteiners Philipp Wilhelm Gemmer, die Geschichte seiner Frau Louise, seiner Tochter Gertrude und auch zu einem nicht unbedeutenden Teil die Geschichte von Elisabeth Kurz und ihrer Familie.

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Die heute 82-Jährige war es, die mit Gemmer in dessen letzten Lebensjahren unter einem Dach in der Königsteiner Kirchstraße lebte. Sie war es, die sich seiner annahm, ihm das Haus führte. Und sie war es, die Wilhelm Gemmer zuhörte, wenn er von den schweren Prüfungen erzählte, vor die ihn das Leben gestellt hatte. Prüfungen, die ihm alles nahmen, was er liebte, was er hatte - nur nicht seinen Willen zu leben.

Als Kind schon früh die Mutter verloren, wuchs Gemmer in den 1880er Jahren bei Verwandten auf, machte anschließend eine Ausbildung bei der nassauischen Kleinbahn und wechselte später zum Frankfurt-Königsteiner Pendant, wo er sie kennenlernen sollte.

Sie, das war Louise Henlein. Anfang 30 war sie damals und damit einige Jahre älter als Gemmer, Maklerin im Dienste der Rothschilds, beruflich sehr erfolgreich, wohlhabend - zweifelsohne eine gute Partie, vor allem aber eine Frau, die wusste, was sie wollte.

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Dass Louise Henlein überdies Jüdin war, einer Familie angehörte, die wohl Anfang des 19. Jahrhunderts nach Königstein gekommen war, spielte damals keine Rolle - nicht für ihre Nachbarn in der Kirchstraße, nicht für die Königsteiner, die sie als Mitglied vieler Vereine und der Feuerwehr kennen und schätzen gelernt hatten, und vor allem nicht für Wilhelm Gemmer.

1903 heiratete er Louise, konvertierte hierzu sogar vom Protestantismus zum Judentum. „Das war die Voraussetzung für den Eheschluss“, hat Elisabeth Kurz den späteren Gesprächen mit Gemmer entnommen. Bereits ein Jahr später wird die einzige Tochter Gertrude geboren.

 

Eine starke Frau

 

Natürlich regt sich ob Standes- und Altersunterschied die Frage: Welche Faktoren den Ausschlag für diese Verbindung gaben, ob Liebe überhaupt eine Rolle spielte? Elisabeth Kurz weiß es nicht und will auch nicht spekulieren. Was sie jedoch sagen kann ist, dass Wilhelm Gemmer stets nur voll tiefer Verbundenheit und Achtung von seiner Frau gesprochen hatte.

„Sie muss eine tolle Persönlichkeit gewesen sein, selbstbewusst, stark - heute würde man sie wohl als emanzipierte Frau bezeichnen“, fasst die Königsteinerin das zusammen, was die Menschen, die sie kannten, über Louise Henlein zu erzählen wussten.

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Die einzige Erinnerung, die Elisabeth Kurz mit dieser außergewöhnlichen Frau verbinden kann, verdankt sie einem neugierigen Blick, den sie als Kind in Richtung des Hauses in der Kirchstraße 12 geworfen hatte. Da, hinter einem der Fenster, erkannte sie für einen kurzen Moment das Gesicht von Louise Gemmer-Henlein.

„Sie war damals, Ende der 1930er Jahre, zwar schon eine betagte Dame - aber nach wie vor eindeutig die, die die Richtung in der Familie vorgab“, skizziert Elisabeth Kurz, was sie im Nachhinein erfahren hat.

Umso unverständlicher ist für sie, wie diese kluge Frau den dunklen Schatten des Schreckens verkennen konnte, der sich mit dem 9. November 1938 über das Land gelegt hatte. Blanker Hass schlug den Deutschen jüdischen Glaubens entgegen - auch in Königstein. Da nur einen Tag später.

Braune Rollkommandos aus dem Umland (Kurz: „Das hatte System, die Königsteiner Nazis trieben derweil ihr Unwesen in den Nachbargemeinden.“) suchten am 10. November die Stadt heim, brannten die Synagoge nieder, bedrohten die Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Die Botschaft war brutal und klar: Haut ab, sonst ergeht es Euch schlecht!

 

Als die Nacht hereinbrach

 

Einige hätten die Warnung damals zum Glück ernst genommen, erinnert sich Elisabeth Kurz. Nur mit dem, was sie in ihren Händen tragen konnten, habe eine Familie Hals über Kopf die Stadt verlassen. Der zurückhaltende Junge, mit dem sie manchmal gespielt hatte und der für alle nur „de Juddebub“ war, sei auch mit einem Mal nicht mehr da gewesen. Jahre später hörte sie, dass er als amerikanischer GI noch einmal in seine alte Heimat zurückgekehrt sein soll.

Elisabeth Kurz war damals noch zu jung, um die Dimension von Angst und Bedrohung zu erfassen. Gerade sieben Jahre alt, war sie an diesen Tagen des Terrors, die sich als Reichspogromnacht in die Geschichte Deutschlands eingebrannt haben, nicht in der Stadt. Mit ihren Eltern war sie zu Besuch bei Bekannten in Neu-Anspach. Doch auch bis dahin hatte sich die Nachricht von dem, was sich in Königstein zugetragen hatte, binnen kürzester Zeit herumgesprochen.

Zurück in der Stadt trieb die kindliche Neugier Elisabeth zu den Trümmern der Synagoge: „Dieser beißende Geruch, ich hatte so etwas noch nie gerochen.“ Später sollte der Geruch zurückkehren - als die Brandbomben der Alliierten auf Deutschland fielen.

Was das Mädchen im November 1938 nicht wissen konnte: Etwa zur gleichen Zeit war Wilhelm Gemmer auf dem Weg in das KZ Buchenwald. Zwar war er der eigentlichen Verhaftungswelle vom 11. November entgangen, er stellte sich jedoch einen Tag später der Polizei. Der „Geltungsjude“, so die menschenverachtende Terminologie, der auf Druck der Nazis bereits in den Jahren zuvor seine Anstellung bei der Bank verloren hatte, sollte in Buchenwald unmissverständlich erfahren, dass es besser für ihn wäre, seine Frau zu verlassen.

Wer Wilhelm Gemmers Foto nach seiner Zeit in Buchenwald sieht, bekommt einen Eindruck davon, dass das Regime nichts ausgelassen hatte, ihm „ins Gewissen zu reden“. Zwar blieb Gemmer an der Seite seiner Frau und seiner mittlerweile 35-jährigen Tochter. Dass die Familie nicht mehr in Deutschland bleiben konnte, hatte er jedoch verstanden.

England war damals der sichere Hafen, den viele deutsche Juden ansteuerten. Weit geöffnet waren die Arme dort jedoch nicht, das wussten auch Wilhelm Gemmer und seine Frau. Die deutschen Juden brauchten Bürgen für die Einreise und mussten sich auf die Unterbringung in Lagern gefasst machen. Gerade für die fast 70-jährige Louise Gemmer-Henlein eine Aussicht, mit der sie sich nicht abfinden wollte. Zwar konnte sie für sich und ihre Familie mit den Rothschilds die besten Bürgen vorstellen, die man nur finden konnte. Letztlich entschied sie sich gegen die sofortige Ausreise. Einzig ihrem Mann legte sie mit der gewohnten Bestimmtheit nahe, zu fliehen. Mit Hilfe von Quäkern schaffte es Wilhelm Gemmer am 25. Juni 1939 über Holland nach London, kam in eines der Lager, schlug sich in Brighton als Hotelpage und Schuhputzer durch - aber es war seine Rettung.

„Man kann es vor dem Hintergrund all dessen, was wir heute wissen, nicht nachvollziehen - aber Louise Gemmer-Henlein war sich damals wohl sicher, dass Hitler Frauen und Kindern nichts antun würde“, versucht sich Elisabeth Kurz an einer Begründung. Es war eine fatale Fehlentscheidung. Als am 1. September 1939 der Krieg ausbrach, war es zu spät für Mutter und Tochter.

 

Fatale Entscheidung

 

Auf den Tag genau drei Jahre später wurden Louise und Gertrude Gemmer-Henlein nach Theresienstadt gebracht. Als „Altersghetto“ wurde den beiden Frauen dieser Ort im perfidesten Sinne des Wortes verkauft. Beide mussten sich einkaufen, glaubten an den Umzug in ein jüdisches Seniorenheim und fanden sich in einem Konzentrationslager wieder.

Ein Telegramm des Schweizer Roten Kreuzes brachte Wilhelm Gemmer später im Londoner Exil die traurige Gewissheit darüber, dass er Frau und Kind nie mehr wiedersehen würde. Louise Gemmer-Henlein starb bereits zehn Tage nach der Deportierung nach Theresienstadt - vermutlich eines natürlichen Todes. So weit man in diesen Tagen der Drangsalierung, Erniedrigung und Qual überhaupt noch von „natürlich“ sprechen konnte. Tochter Gertrude wurde am 29. Januar 1943 nach Auschwitz gebracht und ermordet.

Warum Wilhelm Gemmer nicht bei seiner Familie geblieben war? Er wäre wohl nicht der Mann gewesen, vermutet Elisabeth Kurz, der sich dem Willen von Louise widersetzt hätte. Sie wollte, dass er geht, und er ging.

Einiges jedoch deutet darauf hin, dass er Louise und Gertrude später nachholen wollte. So hatte er in den drei Koffern, die er für die Flucht gepackt hatte, nicht nur sein im Ersten Weltkrieg erworbenes Ehrenkreuz und zwei Bilder der Villa Rothschild, sondern auch Sachen der beiden Frauen verstaut.

Warum Gemmer Ende der 1940er Jahre wieder nach Deutschland und noch dazu nach Königstein zurückkehrte? Elisabeth Kurz antwortet mit einer Gegenfrage: „Wo sollte er sonst hin? Er war ein alter Mann - hatte nichts, was ihn im Ausland hielt.“ In der Königsteiner Kirchstraße hatte er zumindest ein Zuhause - in dem allerdings hatte sich ein Mann mit seiner Familie einquartiert, der zuvor zu den führenden Nazis der Kurstadt gezählt hatte.

 

Kein Ehrgefühl

 

Gemmers Glück war, dass eine mutige Nachbarin die Geschäftspapiere und einen Teil des Schmucks von Marie-Louise Gemmer heimlich verwahrt hatte. Mit diesen Unterlagen konnte Wilhelm Gemmer seine Ansprüche auf Haus und Grund untermauern. Vom restlichen Besitz jedoch war nichts mehr da. Das hatten die Nazis eingezogen, versteigert und so dem einen oder anderen Königsteiner zu einem „Schnäppchen“ verholfen, dessen Herkunft auch nach dem Krieg nicht kritisch hinterfragt wurde.

„Wilhelm Gemmer wusste sehr genau, wo die Sachen geblieben waren und es trieb ihn zeitlebens um, dass niemand so viel Ehrgefühl hatte, ihm auch nur einen Kaffeelöffel oder ein Handtuch mit den Initialen seiner Frau zurückzugeben“, erinnert sich Elisabeth Kurz.

Geschimpft oder gar gehasst habe er jedoch nie. Kurz: „Dafür war er nicht der Typ. Er ging einen anderen Weg. Er zeigte, dass er besser war als viele andere.“ Statt mit der Stadt und ihren Menschen zu brechen, richtete er seinen Blick auf deren Zukunft und auf die Königsteiner Kinder.

Ihnen kaufte er Bücher - am liebsten Wilhelm Busch - und versah zur Mahnung und zur Erinnerung jedes Exemplar mit seinem ganz „persönlichen“ Stolperstein: „Zum treuen Gedenken an meine liebe Frau . . . 

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