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Hommage an die Generation Grammophon

Von Das Trio Ohrenschmalz gastierte in Garniers Keller und setzte den Künstlerkollegen aus den Goldenen Zwanzigern ein akustisches Denkmal.
Friedrichsdorf. 

Eine Blütezeit von Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft kennzeichnete die so genannten „Goldenen Zwanziger Jahre“ in Deutschland. Wie nachhaltig die kurze Ära zwischen den beiden Weltkriegen das Lebensgefühl der Menschen auch heute noch prägt, zeigte sich bei einem Chansonabend des „Trio Ohrenschmalz“ im Garniers Keller.

Hinter dem Dreier-Gespann mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen verbergen sich Angelika Feckl (geboren 1985, Violine), Julius Hassemer (Jahrgang 1982, Gesang) und Stefan Haberfeld (Piano, Geburtsjahr 1984), die seit 2003 mit Liedern aus dem „Goldenen Zeitalter“ durch die Theater der Republik tingeln. Ihre Begeisterung für die Bühnenkunst der Zwanziger hat also inzwischen mehr als eine Dekade überdauert und ein Ende, so scheint es, ist noch lange nicht in Sicht. Was daran liegen könnte, dass alle drei Künstler waschechte Berliner sind – und damit in der Kulturmetropole der 1920er Jahre schlechthin aufgewachsen sind.

In der ausverkauften Revue im Garniers Keller stimmte das Ambiente. Und auch die Garderobe des Trios knüpfte modisch an die Zwanziger an. So erschien Feckl in einem charmanten, fliederfarbenen Abendkleid, während Julius und Stefan in Frack und Fliege den eleganten Gentleman gaben – mit reichlich Pomade im Haar, wie seinerzeit üblich. Wer nun allerdings eine Show im Stil von Max Raabe oder der „Comedian Harmonists“ erwartet hatte, sah sich schon bald eines Besseren belehrt. Zwar präsentierte das Trio in seinem Programm „Er & Sie & Ich“ eine Reihe von Evergreens, die die Vorliebe der Bevölkerung in den Zwanzigern für Vergnügen und Genuss illustrierten, beispielsweise Otto Reutters Stücke „Blusenkauf“ und „Wie reizend sind die Frau’n“ von 1926 oder auch Friedrich Wilhelm de Rusts „Ein bisschen Leichtsinn kann nicht schaden“. Doch die Berliner beließen es eben nicht bei den Schmachtfetzen aus der „guten alten Zeit“, die seit Menschengedenken wieder und wieder heruntergeleiert werden.

Was „Ohrenschmalz“ von anderen Ensembles unterscheidet ist die Tatsache, dass Eigenkompositionen breiten Raum einnehmen. So auch im „Garniers“, wo selbst geschriebene Stücke aus der Feder von Stefan Haberfeld gut zwei Drittel des Programms ausmachten und das Publikum mit humoristischen wie zeitkritischen Textinhalten bei Laune hielten.

Suchen statt googeln

Zum Beispiel „In den Zwanzigern“, das nicht etwa nur von den absinthberauschten Umtrieben der „Generation Grammophon“ handelte, sondern auch vom Bachelor- und Master-Zeitgeist der heutigen Jugend. Mit den Zeiten ändern sich stets auch die Gewohnheiten der Menschen, lautete folgerichtig die Quintessenz des Schlagers „Immer auf der Suche“. „Das Wort ,suchen‘ existiert inzwischen gar nicht mehr, stattdessen wird gegoogelt, nach dem Sinn des Lebens ebenso wie nach Ostereiern. Und selbst in der Kirche heißt es längst: ,Und führe uns nicht in Vergoogelung‘“, sorgte Julius für Heiterkeit unter den Zuhörern. Einem Abgesang glich die „Ballade vom verlorenen Telefon“, weil in den Apps der Smart Phones längst das gesammelte Wissen des Besitzers stecke – von Kontakten über Busfahrpläne bis hin zu den Öffnungszeiten der Theater und Clubs. Und natürlich blieb auch das Konsumdenken nicht außen vor, das die Auswahl aus Hunderten von Waschpulverfabrikaten ebenso zur Qual werden lasse wie die Wahl der einen aus Hunderten von Frauen, so die Erkenntnis des Liedes „Ich weiß nicht, was ich wollen soll“.

Gespickt mit Evergreens wie „Das machen nur die Beine von Dolores“ (Gerhard Wendland) oder „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ (Marlene Dietrich) bot das „Trio Ohrenschmalz“ Unterhaltung der ganz eigenen Art – und machte bei aller Ausgelassenheit nicht vergessen, was die Zwanziger Jahre auch waren: ein Tanz auf dem Vulkan am Vorabend eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte.

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