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Jede Nacht senkrecht im Bett

Von Etwa 60 Fluglärm-Betroffene hatten sich am Samstag zur Demo in Bad Homburg verabredet. Mit ihrem Protestmarsch wollten sie auf die unerträgliche Lärmbelästigung durch die neue Landebahn aufmerksam machen.
Mit Transparenten und einer selbst gefertigten Landebahn machten sich die Fluglärm-Demonstranten am Samstag auf den Weg zum Haus des Fraport-Chefs Dr. Stefan Schulte in der Ellerhöhe.	Foto: Reichwein Mit Transparenten und einer selbst gefertigten Landebahn machten sich die Fluglärm-Demonstranten am Samstag auf den Weg zum Haus des Fraport-Chefs Dr. Stefan Schulte in der Ellerhöhe. Foto: Reichwein
Bad Homburg. 

Morgens um kurz nach zehn war die Welt am Seedammbad noch in Ordnung – "Schön ruhig hier, eine Insel der Glückseligkeit", wie ein Demonstrant spöttisch bemerkte. Aber dann versammelten sich Vertreter mehrerer Bürgerinitiativen und aus dem Lautsprecher drang der ohrenbetäubende Lärm einer landenden Maschine – in Originallautstärke wie es in Sachsenhausen an der Tagesordnung ist und jedes Gespräch verstummen lässt.

Dass die Demo der Anti-Fluglärm-Bürgerinitiativen Frankfurt-Nord, Vordertaunus und Bad Vilbel ausgerechnet in der Kurstadt stattfand, hatte einen guten Grund: Man wollte Fraport-Chef Dr. Stefan Schulte einen Besuch abstatten und ihn auffordern, die Nordwest-Landebahn zu schließen. Auf dem Weg zur Ellerhöhe ließen die Demonstranten ihrem Unmut freien Lauf und skandierten lautstark: "Die Bahn muss weg!" Zur Bekräftigung ihrer Forderung hatten sie kreative Plakate, Fahnen und Krachmacher-Utensilien sowie eine selbst gebastelte "Landebahn" dabei, auf der ein aufgeblasenes Flugzeug stand. Vor Schultes Wohnhaus wurde diese Landebahn symbolisch geschlossen.

Selbstverständlich war keiner so naiv zu glauben, der Flughafen-Manager würde sich blicken lassen, aber durch dessen kürzlich getroffene Aussage, dass "Fluglärm auch Kopfsache" sei, fühlten sich die Betroffenen nicht ernst genommen, ja sogar verhöhnt", so dass wollten sie nicht auf sich beruhen lassen. "Wir sind nicht gegen den Flughafen, aber irgendwann muss das unerträgliche Streben nach Wachstum und Rendite ein Ende haben", begründete der Physiker Helmut Kumm sein Engagement in einer der Bürgerinitiativen.

Es waren keine "typischen" Demonstranten, die sich da am Samstagmorgen bei Minusgraden auf den Weg machten, sondern Menschen, die man rein äußerlich dem bürgerlich-konservativen Lager zuordnen würde. So wie Hanspeter und Gaby Günster aus Sachsenhausen, die sich seit Jahren gegen den Ausbau des Flughafens engagieren. Akribisch sammeln sie Daten von Flügen, die trotz des Nachtflugverbots zwischen 23 Uhr und 5 Uhr stattfinden. "1222 Flüge in elf Monaten, im Schnitt dreieinhalb verbotene Flüge pro Nacht – jedes Mal stehen wir im Bett."

Günsters Unterlagen ist auch zu entnehmen, dass in den Randstunden, von 22 bis 23 Uhr und von 5 bis 6 Uhr, besonders viel los ist: Mehr als 30 000 Flugbewegungen hat er in diesem Jahr für diese zwei Stunden dokumentiert, die in Deutschland zur gesetzlichen Nachtruhe gehören. "Solange sie nicht selbst betroffen sind, reagieren die Menschen auch nicht", weiß seine Frau, doch "die Gemeinschaft, die Kreativität und die friedfertigen Aktionen geben mir Kraft, weiterzukämpfen." Ob sie ernsthaft die Hoffnung habe, die Nordwest-Landebahn könne wieder geschlossen werden? "Die Hoffnung ist unser Antrieb, sonst könnten wir dort nicht mehr leben", lautete die Antwort mit einer Mischung aus Kampfgeist und Verzweiflung.

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