Sie erforschen die Taunus-Luft

Wie setzt sich die Luft über dem Taunus zusammen? Dieser Frage gehen derzeit Wissenschaftler auf dem Kleinen Feldberg nach. Dabei handelt es sich um das größte Forschungsprojekt, das jemals im Taunus-Observatorium durchgeführt wurde.
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Hochtaunus. 

Regelmäßig schwebten jüngst kleine weiße Päckchen, die mit einer Schnur an großen, ebenfalls weißen Ballons befestigt waren, dem Taunus-Himmel entgegen. Fast 150 solcher Ballonstarts waren zu beobachten und sorgten immer wieder für Irritationen bei Wanderern. Die Versuchsballons sind Teil des größten Forschungsprojektes, das jemals auf dem Gelände des Taunus-Observatoriums auf dem Kleinen Feldberg durchgeführt wurde. Auf dem Areal tummeln sich gewöhnlich nur wenige Male im Jahr viele Menschen gleichzeitig zu Forschungszwecken. Doch derzeit geht es dort auf 826 Höhenmetern zu wie im Taubenschlag.

Unter Leitung von Dr. John Crowley vom Max-Planck-Institut für Chemie (Abteilung Luftchemie) in Mainz erforschen bis zu 70 Wissenschaftler und wissenschaftliche Mitarbeiter die Zusammensetzung der Luft in den Höhen des Taunus. Das Forscherteam möchte herausfinden, wie gut die Atmosphäre die in den Ballungsgebieten emittierten Schadstoffe aus eigenen Kräften reinigen kann. Bei dem europaweit angelegten Projekt wurden bereits Daten in einem hoch industrialisierten Gebiet in Spanien und in unberührter Natur in Finnland erhoben, der Taunus liefert die Mittelwerte zwischen diesen beiden Extremen.

Sonden liefern Daten

Mit den Versuchballons werden kleine Radiosonden in bis zu 20 Kilometer Höhe geschickt. Sie messen die Feuchtigkeit, die Temperatur und vor allem die Windströmungen in den einzelnen Luftschichten. Drei bis vier Stunden lang steigt der mit fast reinem Helium gefüllte Ballon empor und sendet Daten.

"Die Hülle dehnt sich mit zunehmender Höhe aus, bis der Ballon platzt", erläutert Florian Berkes vom Institut für Physik der Atmosphäre an der Uni Mainz. Dann haben die jeweils 150 Euro teuren Sonden ausgedient und stürzen zu Boden. Passieren kann nach den Worten des Wissenschaftlers an der Absturzstelle aber nichts. Zu leicht sind die in Styropor verpackten Sonden. "Für den Flugverkehr sind die Versuchsballons nicht gefährlich. Erst ab einem Gewicht von 200 Gramm müssten die Starts bei der Flugsicherung angemeldet werden", meint Berkes. Aber was passiert mit den gesendeten Daten?

"Je nach vorherrschender Windrichtung verändert sich die Zusammensetzung der Luftpartikel", erläutert John Crowley. "Da wir die Partikel und die Radikalen in der Luft nicht einfach sammeln und nachher im Labor am Max-Planck-Institut messen können, mussten wir die Forschungseinrichtungen im Observatorium deutlich aufrüsten." Statt bislang vier stehen nun sieben Container auf dem Kleinen Feldberg. Alle sind vollgestopft mit eigens für das Forschungsprojekt namens "Parade" entwickelten technischen Apparaturen und hochempfindlichen Messgeräten. Mehr als 50 Instrumente sind – zum Teil auch auf dem Dach des Container-Dorfes – aufgestellt worden.

"Wir haben aktuell die 20-fache Menge an Experimenten und Versuchsanlagen hier laufen wie während unserer regelmäßigen, über das Jahr verteilten Datenerhebung", erläutert Heinz Bingemer von der Universität Frankfurt. Der 59 Jahre alte Meteorologe betreut das der Uni Frankfurt gehörende Taunus-Observatorium über das Jahr hinweg.

Zweijährige Auswertung

Umfassende Aussagen über Forschungsergebnisse kann John Crowley noch nicht formulieren. Das ist erst nach der zweijährigen Auswertung aller gesammelten Daten möglich. Dennoch gab es für die versammelte Forscherschar eine große Überraschung: "In vielen Nächten haben wir Spuren von reaktiven, chlorhaltigen Verbindungen in der Luft gemessen, was sehr ungewöhnlich ist. Normalerweise sind solche Spurengase nur am Meer wegen der dort anzutreffenden Chlorsalze zu finden", verrät Crowley. "Über die Herkunft können wir noch überhaupt nichts sagen."

Ebenfalls überraschend ist für ihn der verhältnismäßig hohe Stickstoffdioxid-Gehalt, den sein Team stets bei südlichen Luftströmungen gemessen hat. "Die Luft ist dann dreckiger, als wir es erwartet hätten", so der Doktor der Chemie. "Bei Luftströmungen aus dem Norden ist die Luft deutlich sauberer."

Doch wirklich dreckig ist die Luft im Taunus freilich nicht. Wie Gavin Phillips genießen viele Forscher ihre Arbeit auf den Höhen des Taunus mit Blick auf Frankfurt und die Rhein-Main-Ebene. Der Wissenschaftler aus Großbritannien war zwar bereits an Projekten in der Arktis und in Malaysia beteiligt, doch die Freiheit und die Natur im Taunus sind für ihn "einfach großartig".

Die Wissenschaftler und Studenten, die derzeit auf dem Kleinen Feldberg arbeiten, kommen aus Deutschland, China, Frankreich, Großbritannien, Griechenland, Kanada, Pakistan, Russland, Spanien und den USA. "Die Atmosphäre kennt ja auch keine Grenzen", sagt Dr. John Crowley zur Internationalität seines Forschungsteams.

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Wie setzt sich die Luft über dem Taunus zusammen? Dieser Frage gehen derzeit Wissenschaftler auf dem Kleinen Feldberg nach. Dabei handelt es sich um das größte Forschungsprojekt, das jemals im Taunus-Observatorium durchgeführt wurde.
http://www.fnp.de/lokales/hochtaunus/Sie-erforschen-die-Taunus-Luft;art690,105276
07.09.2011
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Hochtaunus

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