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Soldaten und ihr Wunsch nach Normalität

Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, so wird der Erste Weltkrieg von Historikern oft bezeichnet. Am 1. August vor 100 Jahren begann dieser Krieg, der das Gesicht Europas und der Welt von Grund auf verändern sollte. Obwohl es keine kriegerischen Auseinandersetzungen im Taunus gab, war auch hier das Leben vom Krieg maßgeblich beeinflusst. Die TZ widmet sich in einer großen Serie diesem Thema. Heute geht es um das Fotoalbum Otto Kosters, das sein Enkel Dietmar Koster wie einen Schatz hütet. Hat sein Opa doch darin seine Arbeit als Kompanie-Schreiber dokumentiert.
Dietmar Koster hat für die TZ im Fotoalbum seines Großvaters geblättert, der Soldat im Ersten Weltkrieg war.	Foto: Reichwein Bilder > Dietmar Koster hat für die TZ im Fotoalbum seines Großvaters geblättert, der Soldat im Ersten Weltkrieg war. Foto: Reichwein
Steinbach. 

Ab und zu nimmt Dietmar Koster das beigefarbene Fotoalbum mit dem braunen Lederrücken zur Hand, um darin zu blättern. Zwischen die Buchdeckel gepresst befindet sich ein wichtiger Lebensabschnitt seines Großvaters Otto Koster.

Der Wahl-Steinbacher kennt seinen Opa nur als älteren Herrn, den nichts und niemand aus der Ruhe bringen konnte. „Mein Opa war ein gemütlicher, familiärer Mensch, den einfach nichts erschüttert hat“, erinnert sich Dietmar Koster zurück an seine Kindertage, als er als kleiner Junge an Otto Kosters Hand durch seine Heimatstadt Hamburg streifte. Doch dieser scheinbar immer ausgeglichene Mensch, als den ihn sein Enkel erlebte, hat viel durchlebt. Er war Überlebender eines schrecklichen Krieges, der viele Menschenleben gekostet hat.

Otto Koster wurde am 26. August 1914 zur zweiten Kompanie des Reserve-Bataillons Nummer 18 in Hamburg-Bergedorf einberufen. Zu diesem Zeitpunkt war Otto Jean Paul Koster, so sein vollständiger Taufname, 26 Jahre alt. Er war noch nicht mal ein Jahr mit seiner Ehefrau Bertha verheiratet. Den ersten Hochzeitstag verbrachten sie getrennt voneinander. Otto im Feld, Bertha zu Hause in Hamburg. Wahrscheinlich etwa gleichzeitig wurde auch Otto Kosters drei Jahre jüngerer Bruder Hellmuth eingezogen. Während Otto den I. Weltkrieg ohne einen Kratzer überlebte, fiel Hellmuth am 23. Oktober 1915 bei Dünaburg in Lettland.

Das erste Foto von Otto Kosters Album zeigt ein fast idyllisches Bild. Es ist die Stadtkaserne in Ratzeburg, dem Standort des Jägerbataillons Nummer 18 in Hamburg. Das große Eingangstor flankieren zwei schattenspendende Laubbäume.

Die zweite Seite hat er mit „Erinnerungen aus dem Feldzug 1914 bis 1918“ überschrieben. Neben seinem Namen und Dienstgrad, Otto Koster, Oberjäger der Reserve, hat er ein Bild von sich selbst in Uniform, am Schreibtisch sitzend eingeklebt. Es zeigt einen Mann mit langem dunklen Vollbart, der sich eifrig Notizen macht.

Das Foto klebt nicht zufällig an dieser Stelle, denn Otto Koster ist der Kompanie-Schreiber des Bataillons. Außerdem hat er viele Fotos während des Feldzuges geschossen, die das Leben im Lager und an der Front dokumentieren.

Auffällig ist, dass die Soldaten so oft es ging versuchten, Normalität in ihren Alltag zu bringen. Sei es, dass das Lagerleben organisiert werden musste und Otto Koster die Lagerköche vor der großen Gulaschkanone ablichtete, oder beim Wäsche waschen und rasieren. Auch seine Kameraden hat der gebürtige Hamburger, der nach der Volksschule eine Lehre als Kaufmann bei einer Textilfirma begonnen hatte, im Foto festgehalten. Allen voran den Kompanie-Führer. In sein Erinnerungs-Album hat Otto Koster unter das Bild des Offiziers mit braunem Schnauzbart geschrieben: Hauptmann Hans-Jürgen Fiebelkorn, unser Papa. Gleich daneben klebt ein weiteres Bild von einem Soldatengrab auf dem Friedhof Wervicq in West-Flandern mit der Unterschrift „ . . . und sein Grab“.

Ruhestätten gefallener Soldaten hat Otto Koster einige fotografiert. Sei es das Gemeinschaftsgrab der ersten Gefallenen seiner Einheit, Gefreiter Kähler und Gefreiter Köster. Der Tod war allgegenwärtig. Das einzige, was man für die Kameraden noch tun konnte, sie angemessen zu bestatten. Otto Koster hat viele Schnappschüsse von Friedhöfen gemacht, die ordentliche Gräber zeigen, die von Holzzäunen umgeben sind. Auch im Schützengraben hat er fotografiert und Bilder von feindlichen Blindgängern gemacht, die die Soldaten gesammelt und in ihrem Lager aufgereiht hatten.

Nachdem Otto Koster zunächst an die Westfront in Flandern berufen worden war, musste er anschließend an die Ostfront in die Karpaten, um gleich danach an die Südfront nach Isonzo (Italien) berufen zu werden.

Am 15. Januar 1919 wurde Otto Koster aus dem Militärdienst entlassen. Er ging zurück nach Hamburg und nahm dort eine Stelle bei der Hamburger Sparkasse an. Etwa Mitte der 1920er Jahre bekam er die Leitung einer neuen Filiale in Geesthacht übertragen.

Auch im Zweiten Weltkrieg wurde Otto Koster einberufen, den er ebenfalls überlebte. Er starb am 13. April 1969 nach kurzer Krankheit im Bergedorfer Krankenhaus in Hamburg.

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