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100 Jahre Erster Weltkrieg: Stromstöße für "Kriegszitterer"

Von Schwer traumatisierte Frontsoldaten wurden früher im heutigen Waldkrankenhaus behandelt. Ein Teil der damaligen "Nervenheilanstalt Köppern" wurde im Ersten Weltkrieg zum Lazarett.
Die Heil- und Pflegeanstalt Köppern auf einer Feldpostkarte von 1915. Bilder > Die Heil- und Pflegeanstalt Köppern auf einer Feldpostkarte von 1915.
Köppern. 

Weihnachten 1914 in der Nervenheilanstalt Köppern – dem späteren Waldkrankenhaus: „Am Abend des 1. Weihnachtsfeiertags führten die Soldaten vor dem versammelten Anstaltspersonal lebende Bilder aus dem Kriegsleben auf. Die (...) Feierlichkeiten (...) dienten zur Freude und Erquickung der Patienten und Soldaten. Man sah allenthalben fröhliche und dankbare Gesichter.“ Das meldet der Taunus Anzeiger am 2. Januar 1915. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war in Köppern das „Reserve-Lazarett IV – Vereinslazarett 100“ eingerichtet worden, und zwar in den Landhäusern 5 und 6. Dort war Platz für 54 Soldaten. In den anderen vier Landhäusern wurden weiterhin zivile Patienten behandelt. Um die „gemüts- und geisteskranken Militärpersonen“ aufnehmen zu können, war die Bettenzahl erhöht worden. Als nervenkrank aus dem Militärdienst entlassen wurde auch der Köpperner Bernhard Druleib: Am 14. März 1918. Er hatte einen Handschuss und eine Verwundung am Oberschenkel erlitten. Vermutlich war er einer der schwer traumatisierten „Kriegszitterer“, die so schockiert waren, dass sie unkontrolliert zittern mussten. Später starb er an Magenkrebs. 1914 hatte die Köpperner Heilanstalt insgesamt 83 Patienten, 1915 waren es 147 Personen, 1916 betrug ihre Zahl 174, 1917 lag sie bei 159 und 1918 bei 142.

Schon im Jahr 1901 hatte die Stadt Frankfurt beschlossen, für 151 000 Mark die Hüttenmühle in Köppern zu kaufen und dort eine „Agricole Kolonie“ als Filiale der „Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt zu gründen. Die ersten Patienten kamen am 1. April 1901. Es waren weniger als 10. 1904 und 1906 wurde die Anlage erweitert. Von 1911 an folgten der Bau von sechs Landhäusern und des Oberarzthauses.

Professor Emil Sioli, damals Direktor der „Anstalt für Irre und Epileptische“, hatte den Bau der Einrichtung, die für die einfache Bevölkerung gedacht war, vorangetrieben. Und zwar nach dem Konzept, das der Neurologe Paul Julius Möbius entwickelt hatte. Ein künstlich hergestelltes „verklärtes Landleben“ sollte die Kranken heilen. Dann als Hauptursache ihrer „geistigen Erschöpfungszustände, Neurasthenie, Hysterie und allerlei Neurosen“ galt die Großstadtatmosphäre. 1896 hatte Möbius geschrieben: „Als Vorbild ist ein großes Landgut gedacht, das eine kleine Welt für sich ist und für den größeren Teil seiner Bedürfnisse selbst sorgt.“ Das steht in Karen Noltes Aufsatz „Ich glaubte, die Nerven seien nicht ganz richtig. Nervosität und Nervenkrankheiten. Die Köpperner Nervenheilanstalt in der Zeit der Ersten Weltkrieges.“ (In Band 7 der Historischen Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen.)

 

Pferde verkauft

 

Zu Beginn der Mobilmachung jedoch musste die „Agricole Kolonie“ in Köppern ihre Pferde verkaufen, was die landwirtschaftliche Arbeit erschwerte, schreibt Brigitte Leuchtweis-Gerlach in: „Das Waldkrankenhaus 1901 bis 1945.“ Die Versorgungslage verschlechterte sich während des Krieges immer mehr, deshalb wurde der Anstalt der Ankauf von zusätzlichen 15 Kühen genehmigt, so dass nun 45 bis 50 Rinder auf dem Köpperner Gelände gehalten wurden. 1917 wurde noch die Schülermühle hinzugepachtet, damit die Weidewirtschaft vergrößert werden konnte.

So konnten die Frankfurter „Anstalt für Irre und Epileptische“ und das „Städtische Krankenhaus“ in Sachsenhausen, das seit 1914 Universitätsklinik war, ebenfalls mit Milch aus Köppern versorgt werden. Ein zusätzlicher „Kuhwärter“ wurde genehmigt und im Februar 1916 eine eigene Eis-Erzeugungs- und Kühlanlage, damit Milch und Fleisch besser konserviert werden konnten. Denn in der Köpperner Einrichtung wurden nun auch Hausschlachtungen durchgeführt.

Trotzdem litt man auch hier unter schlechter Versorgung: Heizmaterial, Mehl und Brot wurden knapp. Die Patienten erkrankten vermehrt an Typhus, Tuberkulose und Darminfektionen. Hautkrankheiten nahmen zu, weil die Abwehrkräfte geschwächt waren. Es gab nicht genug Seife. Bäder mussten immer mehr eingeschränkt werden. Und durch die Einberufungen war das Pflegepersonal reduziert. Ein Köpperner Krankenpfleger, der an die Front musste, war Heinrich Sack. Er wurde am 9. Juni 1918 in die Heimat entlassen. Unterdessen mussten rund 20 französische Kriegsgefangene in der Heilanstalt mitarbeiten. Sie waren, samt Wachpersonal, in der Walkmühle untergebracht.

Auch wenn die Lage immer schwieriger wurde, so war doch die Versorgung im Köpperner Krankenhaus noch verlgeichsweise gut. Die Sterberate war, im Vergleich zu anderen psychiatrischen Krankenhäusern, gering: 22 Patienten starben zwischen 1914 und 1918.

Bei der Behandlung der „Kriegszitterer“ und der anderen Soldaten, die an Kriegsneurosen litten ging es nun jedoch nicht mehr um meditative Ruhe und beschauliche körperliche Arbeit zur Heilung nervöser Beschwerden. Die kranken Soldaten, die an der Front Grauenhaftes gesehen und erlebt hatten, wurden häufig als Simulanten und willensschwache Neurotiker diskreditiert.

 

Sofortige Exerzierübungen

 

Sicher auch deshalb, weil die aus dem Frieden bekannten Therapie-Methoden (Zuspruch, Ermunterung, Überredung, Bettruhe, Bäder, Massagen, Übungen) nicht viel Erfolg hatten, wurde nun das „Kaufmann-Verfahren“ – mit Stromstößen und Exerzierübungen angewandt: Auf eine suggestiven Vorbereitung, die unter anderem dem Zweck diente, die Einwilligung des Patienten zu erhalten, folgten „kräftige, sehr schmerzhafte Wechselströme mit gleichzeitiger Verbalsuggestion“, woran sich sofort Exerzierübungen anschlossen, an denen der Arzt teilnahm. Das steht im Aufsatz „Kriegszitterer in Köppern während des Ersten Weltkriegs“ von Michael Putzke und Herwig Groß in Band 7 der Historischen Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes.

Das Ziel der Quälerei: Dem Patienten sollte die Lust auf die „Flucht in die Krankheit“ vergehen. stattdessen sollte er zur „Flucht in die Gesundheit“ gebracht werden. Die Soldaten sollten möglichst an die Front zurückgeschickt werden.

In Köppern orientierte sich der kriegsdienstverpflichtete Arzt Friedrich Emil Otto Schultze an dieser Methode, die er jedoch abmilderte. Er stellte aber auch fest, dass trotz einiger – offenbar kurzfristiger – Behandlungserfolge die Rückfallgefahr groß war. Und er war gegen den erneuten Einsatz dieser Soldaten an der Front. 1916 schrieb er: „Ohne übertriebene Verallgemeinerung kann man sagen, dass das Menschenmaterial, das nach der Kaufmann-Methode behandelt werden muss, durch die Krankheit zermürbt und militärisch minderwertig geworden ist.“ Die militaristisch geprägte Wortwahl wirkt aus heutiger Sicht menschenverachtend und schockierend.

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