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Unvorstellbare Qualen

Dagmar Scherf hat das Thema Hexenverfolgung literarisch neu verarbeitet. So, dass es keinen Leser unberührt lässt.
Bad Homburg. 

Die Zeit war reif, dieses Buch noch einmal neu erscheinen zu lassen. Vor zwölf Jahren hatte Dagmar Scherf ihr Buch "Homburger Hexenjagd oder Wann ist morgen?" veröffentlicht. Das Werk ist vergriffen, doch durch die Resolution des Homburger Stadtparlaments vom März 2012 (TZ berichtete) zur Rehabilitierung der über 70 Menschen, die dem Hexen- und Zauberer-Wahn in der Landgrafschaft Hessen-Homburg im 16. und 17. Jahrhundert zum Opfer fielen, bekam das Thema Aktualität.

Scherf hat ihr Buch in einer zweiten, erweiterten Auflage vorgelegt, die nicht nur die genannte Resolution der Stadtverordnetenversammlung enthält, sondern auch ein neues literarisches Werk der Autorin zum Thema.

In dieser Publikation wagte sich die Friedrichsdorfer Autorin im Jahr 2000 auf unbekanntes Terrain vor. Dabei wurden die aus langen Quellenstudien in den Archiven gewonnenen Erkenntnisse mit literarischer Fantasie verknüpft. Daraus resultiert zweifelsohne keine historische Wahrheit, dies ist auch nicht beabsichtigt. Es entsteht aber eine emotionale Beziehung zu den Opfern jenes Wahns, die den Leser angesichts der Monstrosität und Absurdität der Vorwürfe schaudernd zurücklässt.

Drei Frauenschicksale haben Scherf besonders berührt. Sie stehen exemplarisch für alle anderen Opfer – Männer und Frauen –, die damals unvorstellbare Qualen durchleiden mussten. So das der Becker Anna, der es gelang, zweimal vor ihren Häschern zu fliehen. In den Verdacht, eine Hexe zu sein, kam sie durch das Gerede von Kindern, die nach Befragung des Seulberger Pfarrers behauptet hatten, dass die Anna sie habe im Namen des Teufels taufen wollen.

Ihre Flucht endete in Rodheim, wo sie festgenommen und nach Homburg in den Rathausturm gebracht wurde. Dort schlug sie das Schloss ihrer Zelle mit einem Stein auf und seilte sich mit ihrer Kleidung aus einem Fenster ab. Doch die Sehnsucht nach ihren Kindern trieb die Seulbergerin zurück in die Heimat. Sie wurde gefasst, ihre Flucht als Zeichen dafür gewertet, dass sie mit dem Teufel im Bunde sei. 1653 wurde sie auf dem Platzenberg in Homburg hingerichtet.

Das Buch will auch als zeitloses politisches Dokument verstanden werden, als flammender Appell gegen Juden-und Fremdenhass oder rechtsextremistischen Terror. Scherf analysiert am Beispiel der Hexenverfolgung, wie es dazu kommen kann, dass eine Bevölkerungsgruppe zum Sündenbock für Missliebiges gemacht wird. Die Vergangenheit wird zur Mahnung für Gegenwart und Zukunft, die nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf. aw

Dagmar Scherf, "Homburger Hexenjagd oder Wann ist morgen?", VAS-Verlag, 14,80 Euro.

(Alexander Wächtershäuser)
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