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Vom Konzept für den Ordner zum europaweiten Fanal

Wenn Gunter Demnig mit Hut, Knieschonern und Weste auf dem Kopfsteinpflaster kauert, um seine „Stolpersteine“ zu verlegen, mag er so gar nicht in das Bild passen, das man sich klischeehaft von einem Aktionskünstler macht, der im Dunstkreis der Kasseler „documenta“ sein Können erprobt und verfeinert hat.
Königstein.  Irgendwie, das ließ auch Demnigs Einführungsvortrag am Sonntagabend erkennen, ist er auf für den Laien wohltuende Weise ein Gegenentwurf zu einem manchmal doch zu verkopften Verständnis von Zeitgenössischer Kunst.

Zwar versteht auch Demnig sich auf die Kunst des Abstrahierens, des um die Ecke Denkens. Und so erschließen sich auch seine Arbeiten dem Betrachter erst dann in ihrer vollen Sinnhaftigkeit, wenn der Künstler einige Worte der Erklärung beisteuert. Allerdings muss sich der Zuhörer beim Nach- und Hinterher-Denken nicht eine immer schmaler werdende Wendeltreppe mit brüchigen und fehlenden Stufen hinaufkämpfen, um zur Spitze des Elfenbeinturms zu gelangen, in dessen einziger Kammer am Ende nicht selten nur der Künstler Platz hat.

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Demnigs Botschaften wie auch seine Erklärungen sind klarer, verständlicher. Da kommt der studierte Kunstpädagoge durch. Und da kommt der Mann durch, der über weite Teile seines Lebens als Künstler mit seinen Werken im öffentlichen Raum für alle erkennbare Spuren legen wollte. Beginnend bei einem Projekt namens „Duftmarken“, die er 1980 als wissenschaftlicher Assistent an der Kunstakademie zwischen Kassel und Paris mit Kreidefarbe setzte, führte ihn der Weg über eine Erinnerung an 1000 Kölner Sinti und Roma, die am 6. Mai 1940, von den Nazis deportiert wurden, hin zu den „Stolpersteinen“.

Eine Konzept, so Demnig am Sonntagabend lächelnd, das eigentlich nur als Studie für den Aktenordner gedacht war. Viel zu groß und unbeherrschbar sei ihm das Ganze erschienen, ob der unvorstellbaren Zahl an Opfern des Nazi-Terrors.

Dass er sich 1996 dann doch an die Umsetzung des Mammut-Projekts heranwagte, habe er nicht zuletzt dem streitbaren Kölner Pfarrer Kurt-Werner Pick zu verdanken. Der habe ihn damals dazu ermuntert, erst einmal im Kleinen anzufangen - beide konnten damals nicht ahnen, dass sich die Stolpersteine zum mittlerweile größten dezentralen Mahnmal der Welt entwickeln würden.

Über 40 000 Stolpersteine hat Demnig zwischenzeitlich in über tausend Orten in Deutschland und neun weiteren europäischen Ländern verlegt. Von der französischen Atlantikküste bis nach Südrussland und von Oslo bis nach Rom erinnern „seine“ Steine an das Leid, das Menschen in der Zeit des Nazi-Terrors zugefügt wurde. Hatte Demnig in den ersten Jahren noch mit bürokratischen Windmühlen und einigem an Widerstand zu kämpfen, ist seine Aktion heute in weiten Teilen dort angekommen, wo sie hingehört: in der Mitte der Gesellschaft.

Im kommenden Jahr werden Stolpersteine erstmals auch in Rumänien verlegt. Und 2014 wird auch in Königstein die Aktion fortgesetzt, wie Petra Geis, die Sprecherin der „Initiative Stolpersteine“, am Sonntag bereits ankündigte.

Dankenswerterweise, so Geis, hätten sich schon über 30 Paten für Steine gefunden, was die Initiative als Motivation verstehe, die Forschungsarbeit in Archiven fortzusetzen, um weitere Schicksale Königsteiner NS-Opfer bekannt und über die Stolpersteine sichtbar zu machen.
 

Routinierte Handgriffe: Gunter Demnig beim Verlegen der Stolpersteine in der Neugasse.
Zurück in der Mitte der Stadt

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung hat der Aktionskünstler Gunter Demnig gestern in der Kurstadt die ersten 18 Stolpersteine verlegt. Jeder einzelne erinnert an ein Opfer des NS-Terrors, das in Königstein zu Hause war.

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(Stefan Jung)
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