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Was süchtig macht

Von Zwei Tage lang gastierte das Improvisationstheater RequiSiT an der Kronberger Altkönigschule. Die ehemals abhängigen Mimen näherten sich dem Thema Sucht von einer ungewöhnlichen Seite – und gemeinsam mit den Schülern.
Die Theatergruppe RequiSiT trat vor Neuntklässlern in der Altkönigschule auf.	Foto: Jochen Reichwein Die Theatergruppe RequiSiT trat vor Neuntklässlern in der Altkönigschule auf. Foto: Jochen Reichwein
Kronberg. 

Suchtprävention. Ein theoretischer Begriff, mit dem viele Menschen trockene Vorträge oder den erhobenen Zeigefinger verbinden werden. Umso erstaunter dürften die Neuntklässler aus allen drei Schulzweigen der AKS gewesen sein, als sie beim Betreten der Aula mit fetziger Keyboard-Musik begrüßt wurden. Auch in den folgenden rund 70 Minuten spielte das Thema Sucht, zumindest oberflächlich betrachtet, keine Rolle.

Dabei haben Siggi, Maik, Sascha und Heinz eine Menge dazu zu sagen. Sie sind Mitglieder des Theaterensembles RequiSiT, in dem ausnahmslos ehemals Suchtmittelabhängige spielen.

Ihr Mittel der Wahl ist das unverkrampfte Gespräch und die eigene individuelle Geschichte. Um das Eis zu brechen und Hemmungen abzubauen, steht zunächst Improvisationstheater auf dem Programm. Die Schüler sollen sich einbringen, und das ließen sie sich nicht zweimal sagen.

"Worüber kann man streiten?", fragte Siggi, und holte sich Inspirationen beim Gang durch die Schülerreihen. "Eifersucht", "Geld", "Jungs" – alles wahr, aber am meisten Applaus gab es für die "Jungs". Nun war es an Heinz und Maik, aus dem Stegreif einen Sketch um diese Vorgabe zu spinnen.

Ob sprechende Blumen, Erdbeerkäse oder ein Spaziergang mit einem imaginären Hund, mit ihren teilweise bis zu 16 Jahren Bühnenerfahrung wussten die vier Schauspieler aus jedem noch so abwegigen Thema ulkige Einakter zu entwickeln, die bei den knapp 100 Schülern mal mit leisem Gekicher, oftmals aber auch mit lautem Lachen belohnt wurden.

Der Name des Ensembles RequiSiT führt dabei auf die falsche Fährte. Die Bühne ist nahezu leer, die Ausstattungsgegenstände werden miterfunden und pantomimisch einbezogen. RequiSit wurde 1995 als kleines EU-Projekt des Vereins SiT (Selbsthilfe im Taunus) gegründet.

Vertrauliche Gespräche

Die Verbindung zu den Süchten und Abhängigkeiten wird erst nach dem Theater hergestellt. Nach einer kurzen Pause werden die Schüler in Gruppen mit maximal 25 Personen aufgeteilt, die sich dann gemeinsam mit jeweils einem der Mimen in die Klassenräume zurückziehen – der vertraulichen Atmosphäre wegen sind Lehrer und Presse dabei unerwünscht. Wer genau aufpasste, konnte jedoch schon während der Improvisationen wichtige Eindrücke gewinnen. Nach einem Alltagsgegenstand gefragt, lautete die erste Antwort: "Handy". Abhängigkeit und Suchtprävention betreffe eben bei weitem nicht nur die sogenannten harten Drogen. Ein Begriff, den Siggi überhaupt nicht gerne hört. "Alkohol und Nikotin sind erlaubt, aber deswegen nicht ungefährlicher." Außerdem gebe es viele stoffunabhängige Süchte wie beispielsweise Arbeit oder Sport. Siggi erklärt: "Sein Suchtmittel sucht sich jeder selbst aus, und jede Sucht hat Konsequenzen."

Sich dieses Suchtverständnis klarzumachen, es über das Theater und die Gespräche spürbar werden zu lassen, das seien wichtige Schritte. Auch bei einem Alltagsgegenstand wie dem Handy? Die 51 Jahre alte Schauspielerin berichtet: "Wir merken, dass das immer mehr zum Thema wird." Die ständige Erreichbarkeit spiele nicht nur bei Jugendlichen eine große Rolle. "Ich sage immer: Das Leben findet offline statt. Aber die Realität geht zunehmend verloren."

Das Theater hat sich einen guten Ruf erarbeitet und tritt pro Jahre rund 150 Mal auf. Trotzdem bleibt die Finanzierung schwierig, für die beiden Gast-Tage an der AKS hat die Barmer GEK einen guten Teil der Kosten übernommen.

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