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Zurück in der Mitte der Stadt

Von Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung hat der Aktionskünstler Gunter Demnig gestern in der Kurstadt die ersten 18 Stolpersteine verlegt. Jeder einzelne erinnert an ein Opfer des NS-Terrors, das in Königstein zu Hause war.
Routinierte Handgriffe: Gunter Demnig beim Verlegen der Stolpersteine in der Neugasse. Routinierte Handgriffe: Gunter Demnig beim Verlegen der Stolpersteine in der Neugasse.
Königstein. 

Der Weg zum Ort des stillen Gedenkens führt über den lautstarken Einsatz des Schlagbohrers. Einige gezielte Schläge in die Fugen, dann hat Gunter Demnig sein Ziel auch schon erreicht. Das Kopfsteinplaster vor dem Haus Neugasse 1 ist auf einer wenige Quadratzentimeter großen Fläche aufgebrochen, sechs kleine Basaltbrocken liegen frei, warten darauf, durch die ersten „Stolpersteine“ in Königstein ersetzt zu werden.

Der Mann hat Erfahrung, das sieht man sofort, wenn man Demnig bei der Arbeit zuschaut. Jeder Handgriff sitzt, binnen Minuten hat der Künstler die nur wenig mehr als Faust großen und doch so symbolträchtigen Mahnmale im Boden versenkt, verfugt und so wieder zu einem festen Bestandteil der Stadt gemacht.

Genau das waren im übertragenen Sinne auch die Menschen, deren Namen Demnig mit der Hand in jede einzelne Messing-Platte geschlagen hat: Sally Cahn, Fanny Steinberg, Hugo Steinberg, Mayer-Hellmuth Steinberg, Moses Heinz Steinberg, Heymann Herbert Steinberg. Sie alle lebten in den 1930er-Jahren im heute nicht mehr existierenden Haus Neugasse 1, sie alle waren Königsteiner jüdischen Glaubens und das reichte aus, um sie alle zu entrechten, ihnen das Menschsein abzusprechen, ihnen sogar das Leben zu nehmen.

Während Gunter Demnig gestern Vormittag die ersten 18 Gedenk-Steine vor vier Häusern in der Kurstadt setzte, war es an den Mitgliedern und Unterstützern der „Initiative Stolpersteine“, die Schicksale und Lebensgeschichten jener Opfer des Nazi-Terrors in Erinnerung zu rufen, derer mit Hilfe der Steine gedacht werden soll.

 

Überlebt und alles verloren

 

Von Angelika Rieber erfuhren die zahlreich versammelten Bürger der Kurstadt von Hugo Steinberg, einem Mann, hinter dessen Namen Demnig das Wort „überlebt“ setzen konnte. Eine der ganz wenigen Ausnahmen. Steinberg konnte nach England fliehen.

Doch was für ein „Überleben“ war das? Ein Weiterleben in der schrecklichen Gewissheit, Ehefrau Fanny und die drei kleinen Söhnen für immer verloren zu haben. Die ganze Familie ausgelöscht, nach der Deportation am 25. November 1941 erschossen im litauischen Kowno.

 

Ende der Anonymität

 

„Wir wollen die anonymen Opfer des Nazi-Terrors mit der Verlegung der Stolpersteine aus den Massengräbern zurück in unsere Mitte, in unsere Stadt holen“, unterstrich Stadtverordnetenvorsteher Robert Rohr (ALK) und knüpfte damit direkt an das an, was auch Bürgermeister Leonhard Helm (CDU) bereits am Sonntagabend bei einer Vortragsveranstaltung mit Gunter Demnig in der Lounge des Kids-Camps hervorgehoben hatte.

Die Juden, so Helm, seien keine Fremdkörper in Königstein gewesen, sondern Nachbarn, Freunde, geachtete und integrierte Männer und Frauen, die sich in Vereinen ebenso engagiert hätten wie in der Stadtpolitik. Umso unfassbarer sei es bis heute, wie diese Menschen aus der Mitte der Gesellschaft gerissen wurden.
 

Vom Konzept für den Ordner zum europaweiten Fanal

Wenn Gunter Demnig mit Hut, Knieschonern und Weste auf dem Kopfsteinpflaster kauert, um seine „Stolpersteine“ zu verlegen, mag er so gar nicht in das Bild passen, das man sich klischeehaft von einem Aktionskünstler macht, der im Dunstkreis der Kasseler „documenta“ sein Können erprobt und verfeinert hat.

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So wie Rosa Cahn. Die junge Frau, an die ein Stolperstein vor dem Haus Thewaltstraße 11 erinnert, dürfte vieles mit jenen Schülerinnen der St. Angela-Schule gemein gehabt haben, die sich gestern dem Zug zu den Orten der Verlegung angeschlossen hatten.

Auch Rosa Cahn hatte die Königsteiner Mädchenschule besucht, die damals noch St. Anna-Lyceum hieß, auch sie hatte vermutlich große Pläne für die Zukunft, träumte vielleicht von der großen Liebe. Allein, sie wurde ihrer Hoffnungen und ihres Lebens beraubt - gemeinsam mit ihrer Mutter Lina wurde sie ebenfalls am 25. November in Kowno ermordet.

 

Hinterbliebener dankt

 

Wie sehr die Gräuel von damals bis heute nachwirken und wie viel noch an Aufarbeitung wartet, unterstrich die Wortmeldung von Wolfgang Seligmann. Er war gestern eigens aus Gau-Algesheim nach Königstein gekommen, um hier mehr über das Schicksal seines Großonkels Moritz zu erfahren.

Der war 1925 nach Königstein gekommen, hatte dort zur Untermiete im Haus Thewaltstraße 9 gelebt. Er war ein einfacher Mann, berichtete Stadtarchivarin Beate Großmann-Hofmann, der stets darauf gehofft habe, dass ihn die Anerkennung seines Einsatzes als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg vor dem brutalen Zugriff der Nazis schützen würde. Als er seinen fatalen Irrtum erkannte, war es zu spät. Davon zeugt „sein“ Stolperstein, der zwar kein Sterbedatum und keinen Ort ausweist, aber den Hinweis darauf, dass Moritz Seligmann am 10. Juni 1942 „nach dem Osten abtransportiert“ wurde. Es ist sein auf einer Königsteiner Meldekartei vermerktes Todesurteil.

Er sei froh, dass er jetzt sehr viel mehr über seinen Großonkel wisse, unterstrich Wolfgang Seligmann gestern und ergänzte an Petra Geis und die Mitglieder der „Initiative Stolpersteine“ gewandt: „Ich bin dankbar, dass Sie mir hier die Gelegenheit gegeben haben, eines Mitglieds meiner Familie zu gedenken.“

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