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Schulgeschichte: Als der Lehrer im Ort noch die Glocken läutete

Von In Pfaffenwiesbach war der Lehrer im 17. Jahrhundert zugleich Gerichtsschreiber und Advokat der vom Landesherrn Regierten. Seine Amtsgeschäfte und der zusätzliche Dienst in der Kirche nahmen mehr Zeit in Anspruch als der Unterricht.
Die erste Schule in Pfaffenwiesbach wurde im Jahr 1772 erbaut. Das Fotos ist im Museum des Heimat- und Verkehrsvereins zu sehen. Repro: Corina Appel Foto: Corina Appel Die erste Schule in Pfaffenwiesbach wurde im Jahr 1772 erbaut. Das Fotos ist im Museum des Heimat- und Verkehrsvereins zu sehen. Repro: Corina Appel
Pfaffenwiesbach. 

Die Schulgeschichte von Pfaffenwiesbach lässt sich weit zurückverfolgen. In einer Schrift des Heimat- und Verkehrsvereins ist festgehalten, dass sie im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts beginnt und unter der Verwaltung von Amtmann Burghardt Engelbrecht von Hattstein stand. Dieser gründete für die Gemeinden Pfaffenwiesbach, Cransberg und Wernborn eine sogenannte Freischule. Als Kapital standen 1200 Gulden zur Verfügung, aus denen die Gehälter der Schulmeister gezahlt wurden. Da die Einkünfte der Lehrer dennoch recht gering waren, mussten sie zusätzliche Aufgaben beim Pfarramt und bei Gericht übernehmen. Der Schulmeister beurkundete demnach Dokumente und übersetzte zudem Schriften aus dem Lateinischen und ins Lateinische.

Diese Alte Schule ist schon die neuere Version. Die ursprüngliche Alte Schule stand an einer anderen Stelle. Bild-Zoom Foto: Corina Appel
Diese Alte Schule ist schon die neuere Version. Die ursprüngliche Alte Schule stand an einer anderen Stelle.

1670 gingen etwa 62 Kinder in die Schule und zwar höchstens bis zum 12. Lebensjahr. Schulzwang bestand allerdings nicht. Generell war das Bildungsbedürfnis zu dieser Zeit viel geringer als heute. Daher ist es außergewöhnlich, dass Pfaffenwiesbach bereits im Jahr 1696 eine eigene Schule und einen eigenen Schulmeister bekam. Es gab einen kleinen Raum von etwa 20 Quadratmetern, der als Klassenraum diente und in dem die Jugend der drei Gemeinden unterrichtet wurde. Das alte Schulhaus gibt es noch heute. Es befindet sich unterhalb der Kirche und wird als Wohnhaus genutzt.

Der Unterricht fand grundsätzlich nur im Winter statt, und gelehrt wurden die gewöhnlichen Gebete, der Katechismus, Lesen und Schreiben. Besonderes Gewicht bei der Einstellung von Schulmeistern legte die Herrschaft damals auf eine saubere Handschrift, auf ein klares Konzept und lateinische Sprachkenntnisse. Der erste, der in Pfaffenwiesbach unterrichtete, hieß Jacob Sommer und versah seinen Dienst über 50 Jahre lang (1696–1749). Ihm folgte Johann Josef Lippert, der 36 Jahre (1749–1785) Schulmeister war.

Die zusätzlichen Amtsgeschäfte wie die Gerichtsschreiberei nahmen eine Menge Zeit in Anspruch. Sie häuften sich zeitweise so stark, dass ein zusätzlicher Schulgehilfe, ein Präzeptor, eingestellt werden musste. Wenn wichtige Dokumente an den Grafen gehen sollten, hatte der Lehrer als Gerichtsschreiber einiges zu tun. Er musste Testamente, Verträge, Kaufbriefe, Teilungen oder Pfandschaften besorgen und erstellte zudem die Steuerverzeichnisse. Im Prinzip war er die einzige Mittelbehörde zwischen Untertanen und regierender Stelle. Eine Art Advokat der Regierten, aber doch der Herrschaft verpflichtet und dahin gebunden.

Bei der Rechtspflege war an einen geordneten Gang im heutigen Sinne kaum zu denken, heißt es in der Schrift des Heimat- und Verkehrsvereins. „Die Parteien zerrten sich bei Zivilstreitigkeiten so lange hin und her, bis sie endlich durch einen Machtspruch auseinandergescheucht wurden.“ Das Rechtsgefühl sei so schwach gewesen, dass der Gedanke der Anrufung einer höheren Instanz nicht aufkam. Eine Gratwanderung für den Lehrer war es, wenn er Bittschriften oder Gnadengesuche an die Landesherrschaft schrieb. Dabei musste er das Anliegen in einem Übermaß an Schmeicheleien verpacken, um die landesväterliche Huld und Gnade zu erlangen.

Auch die kirchlichen Dienste waren anstrengend. Der Schulmeister hatte von 1696 an nicht nur die Bedienung der Geistlichen und das Läuten der Glocken zu besorgen. Alle 14 Tage musste er sonntags diese Arbeiten zusätzlich in Wernborn übernehmen.

Ein Pfaffenwiesbacher Lehrer erlangte besonderen Ruhm. Anton Flettner, der von 1906 bis 1908 in dem kleinen Ort unterrichtete, studierte anschließend Ingenieurwissenschaften und erfand das Prinzip der Rotoren. Ihm zu Ehren wurde in Pfaffenwiesbach ein Denkmal errichtet.

1841 bekam das Dorf eine neue Schule, die mehr Platz für die Kinder hatte. Es ist die heutige Alte Schule, in der der Heimat- und Verkehrsverein sein Domizil eingerichtet hat.

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