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Rollendes Klassenzimmer: Die Schule kommt zu den Zirkus-Kindern – Sitzenbleiben gibt es hier nicht

Die Schule für Kinder beruflich Reisender kümmert sich auch um den Nachwuchs vom Zirkus Krämani. In Westerfeld heißt es jetzt für Kevin und Diego Krämer: Büffeln für den Deutsch-Test.
Auch „Zirkuskinder“ unterliegen der Schulpflicht. Und so unterrichtet Lehrerin Stephanie Mai Diego (vorne) und seinen Cousin Kevin in einem ungewöhnlichen Klassenraum in Westerfeld. Auch „Zirkuskinder“ unterliegen der Schulpflicht. Und so unterrichtet Lehrerin Stephanie Mai Diego (vorne) und seinen Cousin Kevin in einem ungewöhnlichen Klassenraum in Westerfeld.
Westerfeld. 

Es ist kurz vor 13 Uhr, ein Dienstagmittag mit lauer Septemberluft. Der Schultag am Rande des Taunusdorfes Westerfeld neigt sich dem Ende zu. Zwei Schüler notieren Fragen in ihre Hausaufgabenhefte, packen Stifte und Bücher zusammen. Fünf Stunden sind vergangen, seit Stephanie Mai ihr „Lernmobil“ vor das Areal des Zirkus’ Krämani gelenkt hat.

Die Lehrerin gehört zum zwölfköpfigen Team der „Schule für Kinder beruflich Reisender“ und betreut mit ihrem rollenden Klassenraum die Gebiete Wetterau, Taunus und Fulda. Zwei Mal pro Woche folgt sie den Spuren des in Frankfurt beheimateten Krämani-Betriebs, der sich in regelmäßigem Rhythmus durch das gesamte Umland arbeitet, von Vorstellung zu Vorstellung. Ihr Augenmerk gilt derzeit den Cousins Kevin und Diego Krämer, die heute zu dem geschichtlichen Themenbereich „Muslimische Reiche“ büffeln mussten. „Die Fächer Mathematik, Deutsch und Gesellschaftslehre“, sagt Mai, „sind Schwerpunkte, der Rest wird in Projektform vermittelt.“ Dass der 13-jährige Diego auch in Englisch kundig gemacht wird, basiert auf individueller Entscheidung.

Individuell und flexibel

Acht Plätze bietet das als Mercedes Sprinter mit Kastenaufbau daherkommende „Schulmobil“. Vor den Schiebefenstern angeordnet die typischen Tische nebst typischen Stühlen, die Tafel verweist auf Seitenzahlen zum aktuellen Lernstoff. An den Wänden reiht sich, was sich deutschlandweit in Schulzimmern erblicken lässt: Zeichnungen von Schülerhand, Hinweise auf Hilfsverben, Vergessenes und Frisches. Und doch ist alles anders. Obwohl sich an vorgeschriebenen Bildungszielen orientiert wird, kann das Lehren nur außerhalb der üblichen Regelbeschulungsformen erfolgen. „Wir müssen immer sehen, auf welchem Stand die Kinder sind.“ Die Herangehensweise sei stets individuell, ohne Flexibilität nichts zu erreichen.

Stephanie Mai rollt mit dem Lernobil an: Der umgebaute Mercedes Sprinter bietet Platz für bis zu acht Schüler. Bild-Zoom
Stephanie Mai rollt mit dem Lernobil an: Der umgebaute Mercedes Sprinter bietet Platz für bis zu acht Schüler.

Stephanie Mai unterrichtet derzeit sieben Schüler aus zwei Zirkusunternehmen, die altersmäßige Bandbreite reicht von 5 bis 17 Jahren. Angewiesen ist sie auf die motivierende Unterstützung der jeweiligen Eltern – immerhin muss vieles im heimischen Wohnwagen vertieft werden. Am kommenden Dienstag – die beiden Krämer-Cousins hören es mit Murren – ist ein Deutsch-Test anberaumt. Sitzenbleiben jedenfalls gibt es hier nicht, Wiederholungen sind die Alternative.

Das Abgangszeugnis

Der 17 Jahre alte Kevin befindet sich in seinem letzten Schuljahr, wird bald mit einem Abgangszeugnis entlassen. Seine berufliche Zukunft steht ihm klar vor Augen: „Ich bleibe im Betrieb.“ Viele von Stephanie Mais Schützlingen, sagt Mai, teilen diese Einstellung. Dem Bekenntnis zum Wirtschaften im familiären Umfeld steht jedoch eine Realität entgegen, in der immer mehr kleine und mittlere Zirkusse von der Bildfläche verschwinden. Auch dies ist regelmäßig Thema während der Unterrichtseinheiten. Während draußen das auffallende Krämani-Rot-Gelb leuchtet und die Manegen-Tiere sich grasend über die Westerfelder Weide bewegen, wird im Lernmobil über jene „Mega-Auflagen der Behörden“ gesprochen, die das Überleben immer schwerer machen. „Viele Gemeinden wollen keinen Zirkus mehr in ihrer Gemarkung“, sagt Kevin Krämer.

Manege frei

Der Zirkus Krämani ist in Frankfurt gemeldet und gilt als „der älteste Familienzirkus der Stadt“. 13 Menschen aus drei Familien bilden das Krämani-Stammpersonal.

clearing

Seit zweieinhalb Jahren ist Stephanie Mai nun dabei, hat zuvor an der Gesamtschule Klarenthal in Wiesbaden unterrichtet. Mit den Schwerpunkten Biologie und Geschichte ist sie in den Beruf eingestiegen – mittlerweile gehört eine ganze Fächer-Palette zum Repertoire der 46-Jährigen.

„Das hat mich bereichert“

Den Umstieg ins rollende Klassenzimmer bereut sie nicht: „Superinteressant.“ Und: „Das reisende Metier hat mich bereichert.“ Mit der Zirkus-Lebenswelt müsse man sich befassen, es herrschten eigene Strukturen. „Da gibt es klare Rollenverteilungen.“ Die Krämers seien fleißige und tierliebe Leute, sehr familiär. Als Lehrerin sieht sie sich mit Problemen konfrontiert, die es in der Regelschule kaum geben dürfte: „Wenn die Tiere ausgebüxt sind, muss der Unterricht ausfallen.“ Dass der Aufenthalt im Klassenkasten während der sommerlichen Hitze 2018 unerträglich gewesen ist, bedarf keiner weiteren Erläuterung.

Zum Aufgabenbereich der im Winterhalbjahr wöchentlich bis zu 700 Kilometer absolvierenden Lehrerin ist auch „Dream of Zirkus“ aus Fulda zu zählen. Weil dessen Kinder – „der Vater ist einer der weltbesten Zauberer“ – zur Stunde mit einem finnischen Unternehmen in Skandinavien auf Tour sind, kommt die digitale Plattform „Open Distance Learning“ zur Anwendung. Via Skype und Bildschirm lasse sich ebenfalls effektiv unterrichten. „Viele der Engagements führen die Leute über die Landesgrenzen“, verdeutlicht Mai.

Von Ende Oktober an, wenn die Zirkusse ins Winterquartier fahren und „Stützpunktschulen“ für den Nachwuchs zuständig werden, bevölkern „Durchreisende“ die hessischen Gefilde. Weihnachtsmärkte und mobile Eisbahnen locken Schausteller und artverwandtes Gewerbe.

Genug Anlässe, um sich wieder hinters Steuer zu setzen, den Schul-Sprinter in Fahrt zu bringen. Vom Wohnort Butzbach aus zieht Stephanie Mai ihre Runden, lässt sich vom ausgekühlten Klassenraum oder gerissenen Keilriemen nicht aufhalten.

Noch aber ist es nicht so weit, noch sind wir in Westerfeld, wo sich die Cousins längst schon den alltäglichen Arbeiten bei Lama und Kamel gewidmet haben. Ihre Lehrerin macht sich abfahrbereit, wirft noch einen Blick übers Gelände. Und beantwortet eine letzte Frage zum eigenen Tun: „Ja, das muss man wollen.“

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