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Mehrgenerationenhaus: Die Vergangenheit ist noch ganz nah

Von Überleben heißt nicht, alles zu vergessen. Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, aber auch deren Kinder und Enkelkinder kommen in einer neuen Gesprächsreihe im Mehrgenerationenhaus einmal im Monat zusammen. Der Auftakt war vielversprechend.
Aufbauarbeiten galt es nach dem Krieg auch in Wehrheim zu leisten, wie diese Aufnahme vom alten Rathaus des Geschichtsvereins Wehrheim aus den 50er Jahren zeigt. Repro: Seibt Aufbauarbeiten galt es nach dem Krieg auch in Wehrheim zu leisten, wie diese Aufnahme vom alten Rathaus des Geschichtsvereins Wehrheim aus den 50er Jahren zeigt. Repro: Seibt
Wehrheim. 

Der Zweite Weltkrieg ist lange vorbei, doch der Redebedarf ist immer noch groß – sowohl bei Menschen, die zur dieser Zeit Kinder waren, die sogenannten Kriegskinder als auch bei der nächsten Generation (Kriegsenkeln). Diese beiden Gruppen sind bei einer Gesprächsreihe im Mehrgenerationenhaus in Wehrheim aufeinandergetroffen und der Andrang war vergleichsweise groß. Geleitet wurde die Veranstaltung von Anja Mahne und Silke Stager.

Nichts ist vergessen, das wurde in den rund zwei Stunden mehr als deutlich. Auch wenn sich die Generation derer, die den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt hat, oft in Schweigen hüllte, wollen die Kinder und Enkelkinder nicht mehr schweigen. Der geschützte Raum im Mehrgenerationenhaus (MGH) gab ihnen eine erste Gelegenheit, das Thema Kriegskinder und Kindeskinder sowie deren Traumata zur Sprache zu bringen. Überwiegend waren es Frauen, aber auch zwei Männer sprachen über ihre Erlebnisse.

Teilnehmerin aus Mainz

Kriegstraumata und ihre Auswirkungen sind vielschichtig und überdauern Generationen. Während wenigstens zwei der Teilnehmer noch Jahrgang 1933 und 1935 sind, waren einige auch zwischen Ende 1950 bis fast Anfang der 70er Jahre geboren worden.

Nicht nur Wehrheimer waren zum Treffen im MGH gekommen, sondern auch Menschen aus der näheren Umgebung. Eine Frau kam sogar aus Mainz angereist. Was sie als Kind, Jahrgang 1935, erlebte, werde ihr jetzt mit zunehmendem Alter immer präsenter: Fliegerangriffe und die damit verbundenen Fluchten in Bunker habe sie unzählige Male überstehen müssen. „Das ist ein Grund, warum ich mit engen, geschlossenen Räumen heute noch Schwierigkeiten habe“, sagte die 83-Jährige ganz offen – denn untereinander kannten sich die Teilnehmer ja nicht. Mittlerweile sei sie auf einen Rollator angewiesen. Um damit in eine nächsthöhere Etage zu gelangen, muss sie häufig einen Fahrstuhl nutzen. Das bereite ihr großen psychischen Stress, denn immer wieder kommen die Erinnerungen an das Eingesperrtsein in Luftschutzbunkern hoch. Damit ist sie kein Einzelfall.

Andere Teilnehmer des Gesprächskreises berichteten von Leichen, die sie als Kinder auf der Straße gesehen hätten, die durch die Eltern identifiziert werden mussten. Die Bilder haben sich eingeprägt. Schrecken, Schmerzen, Leid und Hungersnot, dazu die sozialen Regeln, die in den Familien nicht in Frage gestellt wurden. „Warum nicht?“, fragte eine Teilnehmerin.

Die Versuche, Antworten zu finden, berichteten einige, seien am eisernen Mantel des Schweigens gescheitert. Zementierte Weltbilder beherrschten die Zeit während und nach dem Krieg. Klassische Rollenverteilung und Erziehung, „so etwas gab auch Sicherheit“, erklärte Mahne.

Doch die Auswirkung der psychologischen Sicherheit waren Erfahrungen der Kriegskinder, die sie durchaus auch an ihre Kinder weitergaben. „Wir wurden zu Hause geschlagen, die Schule war kein Ort des Vertrauens, sondern nur der Leistung“, schilderte eine Frau aus Wehrheim.

Keine Worte

Ein anderer konnte zwar diese Form der Gewalt nicht bestätigen, wohl aber die Art, das System nicht infrage zu stellen. Das Erlebte prägt. Nicht allen sei es gelungen, sich aus den Fesseln der Erziehung zu befreien, wie es eine 59-Jährige Frau berichtete.

„Meine Generation neigt dazu, das Entsetzen nicht zu beschreiben“, schilderte eine der älteren Teilnehmerinnen. Vielmehr werde sich auf historisch belegbare Ereignisse kapriziert, die inneren Erlebnisse und Qualen verschwiegen. Dabei sei es doch wichtig für die nachfolgenden Generationen zu verstehen, was sich abgespielt habe.

In der Tat zeigte sich, dass Kriegserlebnisse innerhalb der Familien offenbar nach dem Prinzip Schweigen und Vergessen behandelt wurden, damit aber Verhaltensweisen der Eltern für Kinder und auch Enkelkinder unerklärlich blieben. Die Gesprächsreihe sei eine Chance auf Menschen mit ähnlichen Erlebnissen zu treffen und sich auszutauschen.

Nächstes Treffen

Innerhalb der Gesprächsreihe wollen sich die Teilnehmer immer wieder verschiedenen Aspekten wie zum Beispiel Gewalt, Erziehung und das Überleben widmen. Wer Interesse hat beim kommenden Abend dabei zu sein, ist am Mittwoch, 6. Juni, um 18 Uhr im Mehrgenerationenhaus herzlich willkommen.

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