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"Sie war am Rand der Verwahrlosung": Rührender Fall: Wenn sogar der Geschädigte Freispruch fordert

Von Nicht immer ist das, was rechtens ist, auch richtig. Bisweilen müssen Gerichte schon mal über ihren Schatten springen, wenn es der Wahrheitsfindung dient, wie jetzt in einem Fall um eine anrührende Geschichte zwischen Mann und Frau...
Symbolbild Symbolbild
Wehrheim. 

Für gewerbsmäßigen Betrug zur Sicherung des Lebensunterhalts sieht das Gesetz Haft, von sechs Monaten an aufwärts, vor. Der Fall lag für das Amtsgericht eigentlich klar: Die Hattersheimerin (29) war 26 Mal mit der Kreditkarte eines 60-jährigen Wehrheimers losgezogen und hatte laut Anklage durch Barabhebungen nicht nur Lebensmittel, sondern auch Geld „eingekauft“ und einen Schaden von 1590 Euro angerichtet.

Begonnen hat alles 2015, so richtig aufgefallen ist es dem Mann, der wegen der Umstellung seines Kontos auf Online-Banking monatelang keine Auszüge mehr bekommen und die Zugangsdaten verlegt hatte, aber erst im Juni 2016. Auffallend war, dass sie mit 20-Euro-Abhebungen angefangen, sich dann aber auf 250 Euro hochgearbeitet hat. Eigentlich hätte das Gericht, das von missbräuchlicher Kartennutzung ausging, auf gewerbsmäßigen Betrug erkennen und eine Haftstrafe verhängen müssen. Stattdessen aber wurde der Prozess im Hinblick auf Strafen aus anderen Verfahren eingestellt.

Der Fall ging Staatsanwältin und Richter unter die Haut – auch wenn die Angeklagte stumm blieb. Die Frau, die eine längere Ersatzfreiheitsstrafe absitzt, weil sie Geldstrafen nicht bezahlt hat, kann zwar sprechen, ist aus Gründen, die sich dem Gericht nicht im Detail offenbarten, aber so traumatisiert, dass sie im wahrsten Sinne keinen Ton herausbrachte. Kopfnicken, Kopfschütteln, ein paar Notizen zwischen ihr und der Verteidigerin – das musste reichen.

Der Wehrheimer und die Angeklagte hatten sich im Frankfurter Bahnhofsviertel kennen und mögen gelernt. Die Frau, die unter anderem wegen Diebstahls, aber auch verbotener Prostitution jenseits des Sperrbezirks vorbestraft ist, war mehr oder weniger bei dem Mann eingezogen.

Viel Zeit wurde miteinander verbracht, man ging gemeinsam einkaufen oder baden, „wir waren sehr eng befreundet“, so der Mann. Die Frage der Verteidigerin, wie eng die Freundschaft war, beantwortete er kryptisch: „Mit allem drum und dran . . .“ Ein „Paar“ seien beide aber nicht gewesen, „wie soll das gehen, wenn der eine Partner anschaffen geht?“, beschrieb er die Liaison eher unverblümt.

Bezahlt habe er die Frau aber nicht – abgesehen von Taschengeld, Kost und Logis sowie anderen Zuwendungen in Form von Kleidung. Dass die Frau dem ältesten Gewerbe der Welt nicht aus Spaß nachging, sondern damit ihren Kokain- und Heroinkonsum finanziert hat, sei ihm klar gewesen. Er habe sich um sie gekümmert, „sie war am Rand der Verwahrlosung“. Unklar blieb, was er damit gemeint hatte, dass sie den Schaden „abarbeiten“ solle. Die Frage an die Frau, ob sie auch zu anderen Diensten als Hausarbeit herangezogen worden sei, blieb unbeantwortet.

Die Verteidigerin wunderte sich über die Hilfsbereitschaft des Mannes und hielt ihm vor, sich als „der große Helfer“ zu gerieren. So will er leider vergeblich versucht haben, die Frau zum Entzug zu überreden, der sogar mit den Ersatzfreiheitsstrafen hätte verrechnet werden können. Auch das Gericht wunderte sich darüber, dass der Geschädigte sich plötzlich nicht mehr geschädigt fühlte und sogar einen Freispruch für die Frau, die eine schlimme Episode durchgemacht habe, erbat.

Er habe ihr verziehen und entschuldigte sich fast dafür, dass er sie angezeigt hatte. Das sei aber nötig gewesen, da sonst seine Portemonnaie-Versicherung nicht gezahlt hätte. Auch sei er mit seiner Blauäugigkeit, ihr die Kreditkarte, zu der sie von gemeinsamen Einkaufstouren auch die PIN-Nummer kannte, zu überlassen, selbst mit schuld. Sie habe ihm die Taten gestanden, auch dass sie Geld aus der unterm Kopfkissen des schlafenden Gönners gelagerten Börse entnommen und sein Handy für ein paar Euro verscherbelt hat.

Das alles sehe er ihr nach und hoffe, dass sie von den Drogen loskomme. Eigentlich sei sie eine ehrliche Haut, die beim Betrügen suchtbedingt wohl eingeschränkt schuldfähig gewesen sei.

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