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Schreckliche Erinnerungen

Von Briefe von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg sind viele erhalten. Bernhard Brockötter hat auf dem Speicher die gesamte Korrespondenz – auch die Antworten der Familie – seines Großvaters und seines Großonkels gefunden. Und daraus hat er ein Buch gemacht.
Lorenz (links) und Bernhard Brockötter in den 50er Jahren am Wohnzimmertisch beim Austausch von Kriegserinnerungen. Lorenz (links) und Bernhard Brockötter in den 50er Jahren am Wohnzimmertisch beim Austausch von Kriegserinnerungen.
Wehrheim. 

Als Lorenz Brockötter im Frühjahr 1915 von seinen Kindern und seiner Frau Clara Abschied nahm, war er sicher, dass der Krieg in zwei bis drei Monaten zu Ende sein würde. Zwei Jahre später ist davon noch lange nicht die Rede, aber es ist viel passiert. Seine Clara lebt nicht mehr. Neben den entsetzlichen Bilder von zerfetzten Soldatenleichen, brennenden, zerstörten Dörfern und toten Kameraden musste er sich, damals 37 Jahre alt, an der Front in Frankreich Sorgen um seine beiden Kinder machen, auch wenn sie von der Familie versorgt wurden.

Das alles steht im Buch „Leben und Leid im Ersten Weltkrieg“. In ihm hat Bernhard Brockötter die Briefe von Großonkel Lorenz und Großvater Bernhard von der Front und die Antworten der Familie festgehalten. Beide wuchsen auf einem Bauernhof in Greven-Schmedehausen im Münsterland auf, den Bernhard als Ältester übernehmen sollte. Lorenz war im Polizeidienst Münster beschäftigt und der jüngste Bruder Franz kam erst ganz am Ende zur Front. Der junge Bernhard, geboren 1964 ebenfalls in Greven, ist der Bruder von Markus Brockötter. Der wiederum wohnt seit zehn Jahren in Wehrheim, engagiert sich bei den Geflügelzüchtern und ist dankbar dafür, dass der Bruder einen wichtigen Teil Familiengeschichte für die Nachkommen erhalten hat.

Auch sein Sohn Paul ist stolz auf das Buch, von dem sein Patenonkel Bernhard ihm ein Exemplar geschenkt hat. Seitdem ist in der Familie Brockötter in Wehrheim der Erste Weltkrieg Thema, denn die 550 Briefe, die Bernhard verwendet hat, zeigen, was die Vorfahren Schreckliches erlebt haben.

Alles kam ins Rollen, als Bernhard Brockötter auf dem Speicher eine alte Truhe mit 700 Feldpostbriefen fand. Um sie zu lesen, musste er erst die Sütterlin-Schrift lernen. Die Idee, ein Buch zu schreiben, kam erst später, berichtet Bruder Markus.

Der 47-Jährige kann kaum fassen, was die beiden Vorfahren im Ersten Weltkrieg alles erlebt hatten. Dabei hatte alles mit viel Euphorie begonnen. „Die Begeisterung der Bevölkerung ist großartig. Auf den Bahnhöfen ist alles frei, was man haben will“, schrieb Bernhard im Frühjahr 1915 aus Osnabrück.

Von dort aus ging es über Spandau und Königsberg nach Russland an die Front. Die Idee, die Erlebnisse für später in Briefen festzuhalten, stammte von Lorenz. Von ihm und seinem Einsatz in Frankreich und Belgien kommen die meisten Kriegsschilderungen. Bernhard schreibt eher über Regen, Schnee, Kälte und Matsch, über erhofften Urlaub, Kartoffeln, Äpfel, Butter, Zucker, Handschuhe, dicke Socken oder Zigarren, die hin- oder hergeschickt wurden.

Lorenz hat blutige Schlachten erlebt. Am 7. Oktober 1915 schreibt er: „Der Regen hat aufgehört. Heute lacht die Sonne über das blutgetränkte Schlachtfeld.“ Zwei Tage später wurde er in der Schlacht von Loos-en-Gohelle bei einer Offensive britischer Truppen selbst schwer verwundet. „Die Engländer hatten die Hölle gegen uns losgelassen, wir lagen tagelang im mörderischen Artilleriefeuer.“

Aus hunderten Feuerschlünden seien Unmengen Munition auf seine Stellung geschleudert worden. Ein Drittel der Soldaten, die den Sturm angeführt hatten, sei tot. Aus der ersten Unterkunft berichtet er, die Verwundeten seien wie die Heringe im engen Keller zusammengepfercht. Immer neue Verwundete ohne Arme, mit Brustschüssen oder schweren Verletzungen durch Granatsplitter wurden gebracht. Eigentlich sollten die Verletzten bald ins Lazarett verlegt werden, aber die Chaussee sei beschädigt, die Autos kämen nicht durch, schrieb Lorenz. Gestützt auf eine fremde Schulter, machte er sich zu Fuß auf den Weg und kam in ein Reservelazarett – einer Turnhalle in der es im Winter so kalt war, dass er es selbst unter zwei Decken kaum aushielt. Ende November war er gesund – im Januar 1916 berichtete Lorenz erneut von schwerem Infanteriefeuer bei La Bassée.

Im Dezember 1917 wurde er entlassen, während Bernhard noch im September 1918 an die Front nach Charleville in Belgien kam. Er kam unverletzt zurück, heiratete 1921, hatte sieben Kinder und starb 1963 mit 86 Jahren. Lorenz heiratete 1918 seine zweite Frau. Beide und ihr jüngerer Bruder Franz erlebten auch den Zweiten Weltkrieg, standen ihm aufgrund der Erlebnisse aber mehr als kritisch gegenüber, schreibt Bernhard Brockötter der Jüngere am Ende des Buches.

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