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"Tag-für-nacht-Dreh": Vor der Kamera muss jede Strähne sitzen

Von 70 Komparsen sorgen im Film „Größer als im Fernsehen“ für Stimmung im Saal. Der Film wird vom Hessischen Rundfunk produziert und läuft nächstes Jahr auf arte und an einem Mittwoch im Ersten. Wir waren bei den Dreharbeiten dabei.
Maskenbildnerin Sabine Dittenseger bringt Birgt Gärtner noch ein wenig in Kamera-Form. Foto: Corina Appel Maskenbildnerin Sabine Dittenseger bringt Birgt Gärtner noch ein wenig in Kamera-Form.
Weilrod. 

Zwei große Herausforderungen sind zu meistern. Die eine: Der Saal im Kühlen Grund ist recht klein. Die zweite: Jedes Flüstern wird gehört. Regie-Assistentin Ela Kluge hat die Aufgabe übernommen, die Komparsen auf den Innen-Dreh im Gasthaus vorzubereiten. Etwa 70 Frauen und Männer sitzen vor dem Gasthaus in der Sonne und folgen ihren Anweisungen aufmerksam. Ihr oberstes Gebot klingt so schlicht wie logisch – absolute Ruhe und volle Konzentration! Will heißen: Sobald die Statisten den Drehort betreten, sind die Privatgespräche einzustellen und die Handys auszuschalten.

Drinnen bereiten sich die Profis auf ihren Part ohne Komparsen vor. Mit schwarzen Moltontüchern sind die Türen und Fenster abgehängt. Im Film ist es Abend, wenn der Sänger hier auf der Bühne steht. „Alles für die perfekte Illusion“, sagt Pressesprecher Christian Bender. „Tag-für-Nacht-Dreh“ nennt sich das im Fach-Jargon. Funktioniert nur, wenn man in einem geschlossenen Raum drehen kann, und dient auch dazu, die Komparsen zu schonen.

Einen tatsächlichen Nachtdreh gibt es auch – draußen und sehr aufwendig. Die Komparsen werden da allerdings nicht mehr gebraucht. Ihre Szenen sind dann längst im Kasten. Und die Schauspieler? „Die sind das gewohnt“, weiß Bender.

Auch das Team drumherum ist routiniert. Es besteht aus rund 55 Leuten. Allein vier sind für die Komparsen abgestellt. Sie kümmern sich darum, dass sich die 70 Frauen und Männer wohlfühlen und wissen, was sie zu tun haben.

Bereits Tage vor dem Dreh erging an alle Statisten die Bitte, sich möglichst im 60er-Jahre-Look zu kleiden. Die Herren kommen zum Drehtag teils mit alten, längst ausrangierten Anzügen, die Hosen mit Hosenträgern befestigt, auf dem Kopf eine Schiebermütze. Einige Frauen tragen Kleider, andere Jeans-Jacke über der Bluse. Es soll „dörflich“ aussehen. Elmer Goerke aus Usingen hat sich für ein knallig-buntes Hawaii-Hemd entschieden. „Ich hätte auch noch eine schön-schlimme Krawatte dazu“, bietet er an. Doch bei der Frau vom Fach, einfach „Kostüm“ genannt, geht beides nicht durch. Sie beäugt alle Komparsen noch einmal kritisch, bevor es zum Dreh geht. Goerke trägt später ein einfaches hellblaues Hemd.

An den vier Masken-Plätzen, die im Dorfgemeinschaftshaus aufgebaut sind, können sich die Damen und Herren von Maskenbildnerinnen noch ein wenig aufbrezeln lassen. Einige Statisten werden später im Film als eingefleischte Hardcore-Fans des Sängers zu sehen sein. Sie tragen extra dafür hergestellte T-Shirts. Maria Stähle hat sie ihnen mitgebracht.

Im Camper zum Dreh

Was für ein organisatorischer Aufwand hinter dem Film steckt, ist im Fernsehen nicht zu sehen. Es ist nur zu ahnen, wenn man beispielsweise sieht, dass die T-Shirts mit dem Konterfei des Sängers bedruckt sind. Heißt also, Schauspieler Dennis Schigiol hat bereits einige Zeit vorher vor der Kamera gestanden, um die Shirts pünktlich zum Drehtag fertig zu haben.

Schwierig ist es nicht, Komparsen – auch so viele, wie bei diesem Dreh – zu bekommen, sagt Christian Bender. Astrid Sic und Maria Stähle führen eine entsprechende Kartei und nehmen gerne auch neue Leute auf. Vor allem Männer zwischen 30 und 40 sind Mangelware – in der Kartei. Etliche Statisten sind bereits alte Hasen. Sie kommen aus Idstein, aus Oberursel oder Wiesbaden. Und man spürt, wie sicher sie sich am Drehort bereits bewegen.

Aus der Landeshauptstadt kommt beispielsweise eine Frau mit Humor. Sie zählt auf, bei welchen Produktionen sie schon überall dabei war. „Aber der Anruf aus Hollywood ist immer noch nicht gekommen“, schmunzelt sie. Vielleicht sollte sie sich mal ganz vorne vor der Kamera platzieren, ihren Namen und ihre Handynummer auf dem Kleid.

Doch die Komparserie soll gut durchmischt sein, deshalb suchen Sic und Stähle zusätzlich Leute aus der Umgebung der Drehorte. Nicht aus der näheren Umgebung ist ein Ehepaar aus Gelnhausen. Die beiden hatten auf der Webseite des Hessischen Rundfunks eigentlich nach Musikveranstaltungen gesucht und den Aufruf für Komparsen gefunden.

Sie bewarben sich, wurden genommen und kamen bereits am Sonntagabend nach Weilrod, wo sie im Campingbus übernachteten. Sicher ist sicher.

Die Pause ist um, und der Tross läuft wieder fast geschlossen zum Drehort. Hier gibt es Getränke zum Trinken und Getränke zum Spielen. „Von den Spiel-Getränken am besten nicht trinken“, rät die Regie-Assistentin.

Alles auf die Plätze!

Dann geht es hinein in die Location. Es ist dunkel, die Lampen im Saal brennen, und auf einer Bühne am Ende des Saals steht Dennis Schigiol mit der Gitarre. Nachdem alle Komparsen im Raum sind, beginnt Ela Kluge, die Leute wie Schachfiguren hin- und herzuschieben. Der Kameramann gibt Anweisungen, wen er wo am liebsten im Bild hätte. Zwei Leute in Karo nebeneinander geht nicht. Die Frau mit dem Kostüm weiter nach vorne, die mit der Jeansjacke nach hinten, und so weiter.

Im Hintergrund herrscht noch hektisches Treiben, bis die letzten technischen Einzelheiten stimmen. Es dauert, bis der Kameramann zufrieden ist und Regisseur Christian Schnee das Startzeichen gibt. Und dann jubeln die Statisten, ohne Musik. Die wird erst beim Schnitt unter die Bilder gelegt. „Ist einfacher“, erklärt Pressesprecher Christian Bender. Film ist eben perfekte Illusion.

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