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Nationalsozialismus: Wehrheimer Familien: Als die Juden ihre Heimat verlassen mussten

Sie gehörten zu Wehrheim über viele Jahrzehnte, waren Bürger des heutigen Apfeldorfes. Vor 80 Jahren mussten jüdische Familien emigrieren, um zu überleben. Spuren haben sie auch nach der langen Zeit hinterlassen.
Die damalige „Untergasse“, heute „Zum Stadttor“, in der die Familie Steinberger wohnte. Die damalige „Untergasse“, heute „Zum Stadttor“, in der die Familie Steinberger wohnte.
Wehrheim. 

Seit dem Jahre 1682 sind jüdische Einwohner in Wehrheim bekannt, zunächst nur als „Beisassen“, nicht als vollwertige Bürger. Sie durften nur bestimmte Berufe ausüben, wie zum Beispiel Seifensieder und Händler. Das änderte sich erst mit ihrer staatsbürgerlichen Gleichstellung 1869. Durch die preußischen Landesherren wurden sie geachtete und beliebte Mitbürger.

Die Wehrheimer gewöhnten sich an die Synagoge und eigene Religion und den Umstand, dass sie niemals eine Mischehe eingingen. Der erste namentlich genannte Jude in Wehrheim ist Abraham Hirz, von Beruf Händler und Schlächter, der in einem Hexenprozess im Jahre 1682 die der Brandstiftung angeklagte Cathrin Hayner und ihre Tochter Barbara schwer belastete. Juden waren zu dieser Zeit in den Steuerlisten „Beisassen“, keine Vollbürger, die aber eine jährliche, pauschale Abgabe zahlen mussten.

Hintergrund Was heute noch an die ehemaligen Wehrheimer erinnert

Viele Geschäftsinhaber aus Wehrheim, wie David und Fanny Flörsheimer (geb. Rosenberg), Vieh- und Futtermittelkaufmann mit Metzgerei, verließen ihr Anwesen am Stadttor.

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Außerdem mussten die Juden einen Schutzbrief bei der Landesregierung (Nassau-Dillenburg oder Kurtrier) beantragen, allerdings wurde nur immer ein Sohn aus jeder Familie in den „Schutz des Herzogtums“ aufgenommen. Alle anderen brauchten einen neuen Wohnort. Das führte zu einer verstreuten Verwandtschaft. Im Jahr 1754 war die Anzahl der Juden im Amt Wehrheim (mit Anspach) auf 50 angewachsen und die Einwohner der beiden Gemeinden wehrten sich erbittert gegen eine weitere Aufnahme des „betrügerischen Gesindels“. Viele Juden waren daher zwangsläufig auf Wanderschaft.

Namenswechsel

Um 1830 gab es in Wehrheim bis etwa 1938 die Familien Jessel Manche nebst Sohn Samuel Jesse, der aber 1841 den Namen Jäger annahm. Auch Elias Sander, Feydel oder Veitel Isaak, hießen ab 1841 Rosenberg und der Kaufmann Hirsch machte seinen Namen 1841 zum Familiennamen. Heium Jacob und sein Sohn Jacob Kaufmann nannten sich ab 1841 Strauß.

In Vergessenheit geriet Samuel Hirsch, der 1845 Vorsteher der Kultusgemeinde war. Er war der Großvater des Fräulein Hirsch, die in der ehemaligen Synagoge ihr Hutgeschäft hatte und 1930 verstarb. Als Vorsteher der jüdischen Kultusgemeinde in Wehrheim von 1845 bis 1923 sind Samuel, Alexander, Nathan Hirsch und zuletzt Adolf Steinberger bekannt.

Seit dem Simultanedikt von 1817, mit dem die Konfessionsschulen aufgehoben wurden, besuchten die jüdischen Kinder die öffentliche Elementarschule. Die Kultusgemeinden durften aber einen Religionslehrer wählen, der die Kinder in Glaubens- und Sittenlehre, speziell Religionsgeschichte, Geschichte des jüdischen Volkes, Geographie Palästinas, Synagogengesang und hebräischer Sprache unterrichten sollte. Gustav Blum war 1923 der letzte bekannte Lehrer.

Nur die ältesten Wehrheimer erinnern sich noch an die Zeit vor 75 Jahren, als ihre jüdischen Mitbürger am 12. Oktober 1938 Wehrheim verließen und in die USA zogen. Damals lebten noch drei Familien – Steinberger-Leopold, Flörsheimer-Rosenberg und Katz – mit 13 Erwachsenen und drei Kindern in Wehrheim. Freunde und Verwandtschaft in den USA erleichterten die Einbürgerung der Wehrheimer.

Im Winterhalbjahr 1936 hatten die jüdischen Metzger Katz und Flörsheimer auf Druck der Partei ihre Geschäfte bereits schließen müssen. Ihr Fleischkontingent, das sie bis dahin verkauften, wurde auf die einheimischen Metzger Sommer und Diehl übertragen, um die Fleischversorgung im Ort auch weiterhin zu sichern.

Einkaufen verboten

Seit 1936 war es generell verboten bei Juden einzukaufen oder mit ihnen Geschäfte zu machen. Die jüdischen Bürger wohnten vornehmlich in der Untergasse und der Dorfborngasse bis auf Nathan Hirsch, der sein Geschäft am Rathausplatz begründet hatte.

Als ihnen ihre Erwerbsgrundlage entzogen worden war, entschlossen sich die jüdischen Einwohner zur Auswanderung und verließen 1938 ihr Heimatdorf. Diese Entscheidung wurden ihnen nicht auch zuletzt dank einer Warnung des damaligen Bürgermeisters Wilhelm erleichtert. Dieser wusste, dass er sie nicht weiter vor Verfolgungen schützen konnte.

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