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Hessen im Ersten Weltkrieg: Zeugnisse vom Hoffen und Bangen

Von Wenn Soldaten aus dem Schützengraben ihre Sehnsucht und die Trostlosigkeit ihrer Situation in Schüttelreime verpackten, war das oft purer Galgenhumor. Anders konnten die Soldaten den Horror des Ersten Weltkriegs wohl kaum aushalten.
Unter der Überschrift „Kleiderloser Tag an der Front“ entstand dieses Foto. In einem dazu gehörigen Gedicht vergleichen sich die Soldaten mit Adam im Paradies. Beides zeigt: Ohne Humor war das Soldatenleben kaum zu ertragen. Bilder > Unter der Überschrift „Kleiderloser Tag an der Front“ entstand dieses Foto. In einem dazu gehörigen Gedicht vergleichen sich die Soldaten mit Adam im Paradies. Beides zeigt: Ohne Humor war das Soldatenleben kaum zu ertragen.
Wehrheim. 

Otto Volz kennt den Ersten Weltkrieg aus Nachrichten von Soldaten, Feldpostbriefen und anderen Unterlagen, im Zweiten hat er als Jugendlicher selbst so manche Bombennacht miterlebt. Er kann sich die Schrecken gut vorstellen und möchte, dass sie nicht vergessen gehen. Ihn faszinieren die Feldpostkarten und -briefe mit beeindruckenden Fotos, die wohl millionenfach von den Fronten in Ost und West in die Heimat gingen und umgekehrt.

Seit Jahrzehnten ist der gebürtige Offenbacher, der seit 40 Jahren in Wehrheim lebt, auf der Suche nach Feldpost und Fotos auf Flohmärkten in der Region unterwegs. Was er findet, stammt meist aus Wohnungsauflösungen und ist sehr aufschlussreich. Es entstand eine Sammlung, die Einblick in die körperliche und seelische Verfassung der Soldaten gibt, aber auch die Hoffnungen widerspiegeln, die Wünsche und Sehnsüchte der Kriegsteilnehmer nach Heimat und Liebe, auch in Gefangenschaft, erklärt Volz.

Er hat eine Ausstellung mit seinen Exponaten zusammengestellt, und die hat nur eine Botschaft: „Nie wieder Krieg“. Den Inhalt beschreibt er so: „Wir erfahren wie sinnlos, irrsinnig und brutal Kriege sind, wenn Menschen sich gegenseitig umbringen, die sich noch nie im Leben gesehen haben, und welche Verzweiflung in der Heimat entsteht, wenn der geliebte Sohn, Bruder, Ehemann oder Vater nie mehr heimkehrt. Sinnlos gestorben für Gott, Kaiser und Vaterland.“

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In einer Todesnachricht an die Angehörigen, die Fritz Erasmus von einem Kameraden seines Sohnes Paul erhielt, hieß es: „Er starb im Schützengraben von einer Granate getroffen, auf seinem Posten tapfer sofort und schmerzlos, und er ruht friedlich im Wald.“ Otto Volz sagt dazu: „Was sollten sie auch anderes schreiben? Die grausame Wahrheit über die Todesursache war in den meisten Fällen nicht mitteilbar.“

Etwa wenn die Angriffe beiderseits der Fronten ins Stocken gerieten und die Soldaten Schützengräben aushoben. Bei starkem Regen und bei dem im Ersten Weltkrieg üblichen Artilleriebeschuss mit Giftgas sei dies eine tödliche Falle gewesen. Weil das Giftgas schwerer ist als Luft und sich in Erdvertiefungen, Gräben und Granattrichtern festsetzte, die als Deckung dienten.

In den ersten Kriegsmonaten hätten die meisten Soldaten den Ernst der Lage kaum erfasst. „Sie glaubten fast alle, der Krieg sei eine verschärfte Art von Sonntagsspaziergang, und dass sie das Weihnachtsfest wieder im Kreis ihrer Lieben feiern könnten.“ Stolz, das Vaterland verteidigen zu dürfen, sei wohl auch dabei gewesen. Angesichts der vielen Gefahren und Nöte, die im Laufe der Zeit deutlich wurden, sei die Feldpost oft sarkastisch oder ironisch und humorvoll abgefasst. Humor und Stolz seien aber verblasst, je länger der Krieg dauerte, und wandelte sich in Lethargie und ein Gefühl von Verlorenheit. Das hat der Wehrheimer in den vielen Stunden festgestellt, in denen er sich mit den schriftlichen Aussagen befasste, sie von Sütterlin in heutige Schrift übersetzte, Fotos bearbeitete und alles zusammenstellte.

Da gibt es gleich mehrere Fotos von der „Läusejagd“, denn diese wenig possierlichen Tierchen, aber auch Ratten und Mäuse, waren ein großes Problem. Ein „feldgrauer Schwabe“ schreibt in Gedichtform: „Wann man auch des Nachts erwacht, sitzt alles bei der Läusejagd. Die ist uns treu, wir ihr nicht gut, die saugt so gern Soldatenblut. Doch ist für uns dies keine Schand’, wir kämpfen hier fürs Vaterland.“

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In Erwartung weiterer Einsätze waren auch kampflose Tage von Sarkasmus und Humor geprägt, vermutlich, um nicht über das Morgen nachdenken zu müssen. So hatten sich Soldaten vom Ersten Bataillon 246 nur mit einem Feigenblatt bedeckt bei einem „Kleiderlosen Tag an der Front“ fotografieren lassen. Dazu gab es Gereimtes zu Adam und Eva und dem „braven Kriegersmann“, der selbst in der Kleiderfrage Herr der Lage sei. Wohl nur noch mit viel Ironie zu ertragen war für einen Soldaten die Situation, als er von Durchfall geplagt auf dem Balken saß, während direkt hinter ihm eine Granate und ein Schrapnell einschlugen. Er formulierte im Schüttelreim: „Denn ohne jeden Zweifel warsch, die Ludersch ziel’n auf meinen Arsch.“ Sein Fazit: „Zum Reisen braucht man Schuhe, zum Scheißen braucht man Ruhe.“ Und am 7. November 1914 schrieb Soldat Emil an Wilhelm zu Hause. „Das Haar wächst uns zur Mähne, die Seife wird uns fremd, wir putzen keine Zähne . . . Es quietscht in Schuh und Socken, der Dreck spritzt bis zum Ohr. Das einzige, was noch trocken, sind Kehle und Humor. Doch dieser Heroismus hat auch ’nen großen Reiz, so zieht der Rheumatismus fürs Vaterland ins Kreuz.“

Die übermächtige Sehnsucht nach Liebe kommt in einer ganzen Reihe von Briefen aus dem Jahr 1918 zum Ausdruck, die der verzweifelte Oberleutnant Julius an seine Frau schrieb. Er musste sie jahrelang allein lassen und träumte im Schützengraben von tollen Liebesnächten. Julius freute sich über ein Sträußchen Vergissmeinnicht, das sie ihm geschickt hatte, und denkt poetisch an ihre lieben Hände, die es zusammengestellt hatten: „Ich möchte die Blüten sein, die vor einigen Tagen das alles miterleben durften.“ In einem anderen Brief wünschte er sich eine Locke von ihrem „Struwwelkopf“ als Talisman. Sein geliebtes „Weiberl“ schien erst seit kurzem Ehefrau und Mutter zu sein und musste wohl als Kochmamsell und Schuhflickerin ihr Brot verdienen. Der letzte Brief trägt das Datum 14. August 1918, da war das Kriegsende bereits in Sicht. Julius kehrte mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet zu seiner Amelie zurück, viele andere Feldpostbriefe indes kamen mit dem Vermerk „Unzustellbar“ in die Heimat zurück.

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