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Frauenfrühstück: Angelika Rieber erinnert an tragische Schicksale: Verfolgt, deportiert und ermordet

Von Angelika Rieber forscht seit Jahrzehnten über die Lebenswege der jüdischen Taunusbürger während der NS-Zeit. Beim Frauenfrühstück der evangelischen Gemeinde stellte sie einige erschütternde Biografien vor.
Anna Schönemann (links) mit Mann Julius und Schwester Emmy. Zusammen mit ihrer Mutter wurde sie von den Nazis 1941 in den Tod getrieben. Anna Schönemann (links) mit Mann Julius und Schwester Emmy. Zusammen mit ihrer Mutter wurde sie von den Nazis 1941 in den Tod getrieben.
Friedrichsdorf. 

Es war alles andere als leichte Kost, was die Zuhörerinnen beim Frauenfrühstück präsentiert bekamen. Zu der Veranstaltung, die Petra Gwosdz, Elke Krey und Elke Peterle von der evangelischen Gemeinde Friedrichsdorf im Haus der lebendigen Steine organisieren, sprach diesmal Angelika Rieber über Lebensläufe ehemaliger Oberurseler und Bad Homburger Bürger jüdischer Herkunft. „Viele sind während der Nazi-Herrschaft vertrieben, ermordet, oder in den Tod getrieben worden“, erläuterte Rieber.

Die Historikerin ist Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Hochtaunus. Während der NS-Zeit, führte sie aus, habe es drei Phasen der Judenverfolgung gegeben. „Die erste Phase, die von 1933 bis 1938 ging, war geprägt von der zunehmenden Diskriminierung und des Ausschlusses aus dem öffentlichen Leben“, führte Rieber aus. Die zweite Phase beginne mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938. „Den Menschen jüdischer Herkunft wurden die Lebensgrundlagen entzogen. Die Deportationen begannen“, sagte sie. Phase drei ging sei von 1941 an die Phase der systematischen Deportation und Ermordung der Juden gewesen.

„In gutem Gedenken“

Die ehemalige Gymnasiallehrerin, die in Oberursel lebt, hat für ihre Forschungen Zeitzeugen interviewt und unzählige Dokumente gesichtet und mit den Nachfahren gesprochen. Der Fokus ihres Vortrags lag auf den Schicksalen von Menschen jüdischer Herkunft, die zum christlichen Glauben konvertiert waren oder die in sogenannten Mischehen verheiratet waren. „Im Mai 1943 wurden die jüdischen Partner aus den ,Mischehen‘ verhaftet, inhaftiert und später deportiert“, berichtete Rieber. „So wie die Oberurselerin Bertha Röder, die in einem Brief an ihre Kinder, kurz vor der Verschleppung in den Tod, schrieb: ,Haltet mich in gutem Gedenken‘ “, berichtete Rieber.

Bertha Röder wurde ebenso Opfer des Holocausts wie Mitglieder der Familie Kahn. „Die drei Töchter der Familie kamen 1933 als Teenager nach Oberursel und lebten dort bei ihrer Tante“, so Rieber.

Die Historikerin hat den späteren Briefwechsel der Schwestern veröffentlicht. „Die Korrespondenz zeigt die Verzweiflung der Familie, die noch versuchte zu emigrieren“, so Rieber. Zunächst gelang es einer der Schwestern, Irene, in die Schweiz zu gehen, um dort ihren Uni-Abschluss zu machen, erläuterte die Referentin. „Irene kehrte nach Deutschland zurück, wurde verhaftet und ist später im Konzentrationslager Ravensbrück gestorben. Auch die Tante wurde deportiert und ermordet.“ Den anderen Schwestern, Leonie und Helga, gelang dagegen die Flucht nach England, führte Rieber aus.

Tragisch auch das Schicksal von Anna Schönemann. „Sie war jüdischer Herkunft und hatte den damaligen Leiter des Kaiserin-Friedrich-Gymnasiums im Bad Homburg, Julius Schönemann, geheiratet.“ Als die Nazis an die Macht kamen, wollten die beiden zu Annas Schwester Emmy emigrieren, die in England lebte. Doch 1938 starb Julius Schönemann. Der Zweite Weltkrieg begann und machte Anna und ihrer Mutter Sophie die Emigration unmöglich. „Anna und ihre Mutter begingen im November 1941 Selbstmord“, berichtete Rieber. „Herzzerreißend ist Annas Abschiedsbrief an die Schwester Emmy, in dem sie schreibt, dass sie es als Trost empfinde, dass sie diese unwürdigen Geschehnisse nicht mehr erdulden müsse.“

Noch viel zu recherchieren

An all diese Schicksale erinnert auch die Wanderausstellung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Hochtaunus. Rieber ermunterte die Friedrichsdorferinnen, diese Ausstellung auch in die Hugenottenstadt zu holen, die bereits in Oberursel und Bad Homburg zu sehen war. „In Friedrichsdorf bietet sich das Rathaus dafür an“, meinte Rieber. Und nicht nur das: Sie animierte zu weiteren Forschungen, denn „in Friedrichsdorf gibt es noch vieles über die Schicksale der Nachbarn jüdischer Herkunft zu recherchieren“.

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