E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 15°C

Der Krieg aus der Vogelperspektive

Von Friedrich Kehrer galt weit über Königstein hinaus als Institution in Sachen Fotografie. Er überlebte den Ersten Weltkrieg nicht, starb an einer Lungenentzündung. Die meisten seiner Aufnahmen fielen dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Gemeinsam mit Kehrers Enkel Fritz zeichnen wir sein Leben nach.
Königstein. 

Was teilt man seinem Sohn zu dessen 15. Geburtstag aus der Kurstadt mit, wenn er zwecks Ausbildung im fernen Berlin weilt und wenige Tage zuvor ein Krieg ausgebrochen ist? Friedrich Kehrer, der ein renommiertes Fotoatelier in Königstein führte, entschied sich für eine nüchterne Beschreibung der Situation und lebensnahe Ratschläge: „Schone Deine Kleider besonders gut, eben und nach dem Krieg hat man kein Geld für größere Anschaffungen.“

Der Adressat, Sohn Karl Kehrer, musste seine Fotografenlehre später abbrechen und hat das Geschäft des Vaters 1915, noch während des Ersten Weltkriegs, im Alter von 16 Jahren übernommen. Friedrich Kehrer starb ein Jahr später, am 4. Dezember 1916, mit 41 Jahren in einem Lazarett im damals elsässischen Mülhausen an den Folgen einer Lungenentzündung, die er sich an der Front zugezogen hatte.

Die Kur in Königstein kam innerhalb kürzester Zeit nach Kriegsausbruch zum Erliegen, schildert Friedrich Kehrer in dem Brief an seinen Sohn vom 19. August 1914: „Königstein ist natürlich wie ausgestorben!“ Binnen weniger Tage seien nur noch wenige Kurgäste in Königstein gewesen. Der Hoffotograf stellte sich auf schwere Zeiten ein: Als die Mobilmachung befohlen wurde, habe er sofort seinen Gehilfen entlassen müssen, und: „Frau Knutschick kommt nicht mehr zum Putzen, es muss gespart werden wo man nur kann, und hoffentlich werden wir durch unsere Umsicht die Kraft besitzen, nicht in die Klemme zu kommen.“

 

Vom Lehrling zum Meister

 

Friedrich Kehrer war 1897 nach Königstein gekommen und hatte seine berufliche Laufbahn als Gehilfe von Franz Schilling begonnen. Dieser war ein hochangesehener Meister seines Fachs und baute zur damaligen Zeit gerade ein neues Haus und Fotoatelier in der Herzog-Adolph-Straße auf. Mit 23 Jahren machte sich Friedrich Kehrer zunächst in einem sehr einfachen Atelier in der Limburger Straße selbstständig, später verlegte er seine Arbeitsstätte in die Kirchstraße. 1909 erwarb er ein eigenes Haus, wiederum in der Limburger Straße, wo ein Atelier und ein Ladengeschäft angebaut wurden.

Bereits 1905 war er per Dekret zum Hoffotografen des Großherzogs von Baden ernannt worden. „Ein reiner Ehrentitel, aber zu dieser Zeit die beste Reklame“, erinnert sich Enkel Fritz Kehrer, der heute in der Schweiz lebt und die Ernennungsurkunde noch besitzt. Im Taunus hätten damals zahlreiche gekrönte Häupter verkehrt, die zu seinem Kundenstamm zählten, so auch der Zar von Russland, der deutsche Kaiser Wilhelm II. sowie der Großherzog von Luxemburg.

Als Fotograf habe er eine große Bandbreite abgedeckt: Unter anderem fertigte er Landschafts- und Werbeaufnahmen, Porträts, Sport- und Pressefotos sowie Aufnahmen zu wichtigen Anlässen an, so beispielsweise auch beim Gordon-Bennett-Cup, dem legendären Autorennen, das Anfang des 20. Jahrhunderts im Taunus veranstaltet wurde. Außerdem führte er einen eigenen Landschaftsverlag.

Im Krieg wurde Friedrich Kehrer zunächst als Landsturmmann an der Front im Westen eingesetzt, wenig später bildete man ihn zum Fliegerfotografen aus. „Diese Umschulung entsprach seinem Können und war nur logisch dank seines Wissens als Fotograf“, berichtet Fritz Kehrer. Sein Einsatzgebiet war die Vogesenfront. Nach Einschätzung seines Enkels dürfte er damit einer der ersten Luftbildfotografen in der jungen deutschen Luftwaffe gewesen sein.

Im Brief an seinen Sohn kurz nach Kriegsbeginn dominierte bei Friedrich Kehrer noch ein wenig Hoffnung und Pragmatik: „Kurz und gut, es heißt die Ohren steif gehalten wenn man das bisschen Erworbene erhalten will.“ Karl solle seine Wäsche dort, in Berlin, waschen lassen, solange der Krieg dauert, „meint Mutter“. Im Übrigen solle er jeden Pfennig dreimal umdrehen, ehe er ihn ausgebe. Friedrich Kehrers Leichnam wurde noch im Krieg nach Königstein überführt, bis heute erinnert auf dem Friedhof ein Grabstein an ihn. Sohn Karl führte das Geschäft fort und passte es ständig der weiteren Entwicklung in der Fotografie an.

Von seiner Passion für die Fotografie konnte auch der Zweite Weltkrieg Karl Kehrer nicht abbringen. Am 2. Februar 1945 wurden sowohl das Atelier als auch das Archiv von ihm und Vater Friedrich bei einem Luftangriff der Royal Airforce (RAF) vernichtet. Das Geschäftshaus wurde beschädigt und der Verkaufsladen am 29. März 1945 von den einziehenden amerikanischen Besatzungstruppen geplündert, erinnert sich Fritz Kehrer, der das Geschehen als Kind mitverfolgen musste. Karl Kehrer baute das Geschäft nach dem Krieg zusammen mit Ehefrau Margarete wieder auf und führte es bis zu seinem Ruhestand im Oktober 1968. Das Anwesen in der Limburger Straße wurde verkauft.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen