E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 24°C

Der Siegeszug von Beige

Kritisch, witzig, humorvoll, Perspektivwechsel – das Kurzfilmfestival des Oberurseler Sommers im Rushmoor-Park bot am Samstagabend alles. Und das vor traumhafter Kulisse.
Oberursel. 

Abenddämmerung im Rushmoor-Park. Die Sitzreihen vor der großen Leinwand des Filmfestivals sind eine halbe Stunde vor Beginn bereits gut gefüllt. Die Wartezeit verkürzen einige mit Zeitunglesen, Auf-dem-Handy-Spielen sowie Beschaffen von Essen und Trinken. In der kommenden Stunde treffen immer mehr Menschen ein, Klappstühle und Decken unter dem Arm. Man rutscht zusammen. Aus den Lautsprechern klingt lateinamerikanische Musik und verbreitet Sommerparty-Atmosphäre.

Das Publikum wartet zusammen, sinniert kurz über das Programm des sechsten Filmfestivals, das der Verein Kunstgriff zum Orscheler Sommer zeigt. „Wir waren noch nie hier“, räumt ein Paar ein, andere hingegen seien schon zum wiederholten Mal im sommerlichen Park. „Das war eigentlich immer ganz gut.“

Auf der großen Leinwand ist nichts als ein Standbild zu sehen, das sich noch schwach vom Abendhimmel abhebt. Die Sonne geht unter, der Vollmond erleuchtet die Szenerie, die Kulisse ist wunderschön. „Jetzt ist es doch eigentlich dunkel genug, jetzt könnte es losgehen“, raunen sich einige Zuschauer nach einer Stunde Wartezeit zu. Und dann geht es endlich los. Grund für die Verzögerung war ein defektes Kabel, erklärt Kunstgriff-Vorsitzender Dirk Müller-Kästner, der die Gelegenheit nutzt, um fürs Festival um Unterstützung zu werben. Ja, dann aber wirklich: Film ab.

Sofort wird es still, nicht einmal ein Murmeln ist mehr zu hören. Ein grüner Zweig erscheint auf der Leinwand. Ein Detail in einer malerischen Landschaft, im Hintergrund ist unscharf das Wasser eines Baches zu erkennen. Vom Detail geht’s ins große Ganze. Ein Rundumblick. „Das ist doch der Feldberg“, raunt jemand aus den hinteren Reihen. In der Tat waren die beiden Oberurseler Filmemacher Christian Metzler und Stefan Hauswald aus Oberursel im Naturpark Taunus unterwegs (TZ berichtete) und haben „nette Perspektiven“ eingefangen, wie es einige der Zuschauer wohlwollend formulieren.

 

Vom Baum zum Bach

 

Die Szenen und Aufnahmen wechseln zügig. Von Details wie Moos und Baumnadeln über sagenhafte Rundumblicke in die Täler des Taunus hin zu Momenten an Bächen und Perspektiven, in denen Bäume wie Riesen wirken, durch die die Sonne scheint. Dazu der Wechsel von Sonnenaufgang bis Untergang, ein Tag im Zeitraffer. Das Publikum applaudiert, doch zu großen Diskussionen führt der Film nicht.

„Der war schön, der Film, hätte aber auch überall sein können“, bemerkt eine Zuschauerin im Anschluss. „Das Reh hat mir gut gefallen, das da stand. Außerdem finde ich Natur sowieso schön“, kommentiert ihre Nachbarin das eben Gesehene.

Viel Zeit, den Taunus-Film nachwirken zu lassen, bleibt nicht. Denn an den Film reihen sich noch 15 weitere internationale Kurzfilme an. Mal kritisch, mal witzig, mal in Kombination, aber immer mit einer Botschaft, die sich entweder durch Machart oder Perspektive vermittelt.

Zu den wohl gelungensten Beiträgen gehört der Film „Ich schweife ab“ von Erik Schmitt aus Berlin. In wenigen Minuten wird der Zuschauer Zeuge der abschweifenden Gedankengänge von Mann und Frau bei einem Wiedersehen und den daraus resultierenden Folgen. Herzhaft lachen darf das Publikum bei den Nachforschungen der Frankfurterin Sylvia Hohlbaum und „Tamtam Film“ über die Frage, warum ältere Menschen die Farbe Beige tragen und „ab wann man eigentlich ,verbeigt‘?“

Der Frage, was eigentlich geschehen wäre, wenn die Nazis Charlie Chaplins „Der große Diktator“ gesehen hätten, geht der eindrucksvolle Film „Great“ von Andreas Henn nach, während der Beitrag „Uwe fliest“ einen humorvollen Kontrapunkt im Anschluss setzt. Acht Stunden Fliesen schneiden, fugen und sanieren; am Ende ist ein Wohnzimmer zu sehen.

Die Pubertät aus Sicht der Alienschüler, witzig und unterhaltsam, zeigt „Alienation“ von Laura Lehmus, während Alicia Rost mit ihrem Film „Abschied von f“ die Abhängigkeit junger Menschen von Facebook kritisch beleuchtet.

Pressekonferenzen neu vertont, Bürohengste auf die Schippe genommen, Comic und Zeichentrick – das Kurzfilmfestival bietet alles und für so ziemlich jeden Geschmack. Da ist es für das Publikum schade, nur zwei Stimmen für den beliebtesten Film vergeben zu können. Denn weitaus mehr hätten es verdient gehabt. Am Ende gewinnt der Film „Beige“ vor „Alienation“.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen