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Die Bürokratie des Terrors kannte kein Erbarmen

Mit einem Rundgang vorbei an den Stolpersteinen erinnerten Bürger der Kurstadt an die NS-Opfer.	Foto: jp Mit einem Rundgang vorbei an den Stolpersteinen erinnerten Bürger der Kurstadt an die NS-Opfer. Foto: jp
Königstein. 

Mit einem Rundgang vorbei an den bereits in Königstein verlegten „Stolpersteinen“ haben Mitglieder und Freunde der gleichnamigen Initiative der Opfer des NS-Terrors gedacht. Den Anlass bildete der 70. Jahrestag Befreiung von Auschwitz. In diesem Konzentrationslager kam vermutlich auch der Königsteiner Albert Cahn ums Leben.

Noch fehlt ein Stolperstein vor dem Haus Hauptstraße 24, wo Cahn zuletzt gemeldet war. Am 13. März wird Aktionskünstler Gunter Demnig diese Lücke schließen und einen Gedenkstein für den Mann setzen, der aus einer alten Königsteiner Familie stammte.

Cahn, das geht aus einer Mitteilung der Initiative „Stolpersteine“ hervor, war einer jener vielen Deutschen jüdischen Glaubens, die 1914 noch für Kaiser, Volk und Vaterland ins Feld gezogen waren. Ein Veteran des Ersten Weltkriegs, der seinen Dienst als Soldat in Russland mit einem Schenkelschuss sowie langer Gefangenschaft in einem sibirischen Lager teuer bezahlt hat. Ein Veteran, der wegen seiner Kriegsverletzung bis 1942 eine Kriegsbeschädigtenrente und sich wohl nicht vorstellen wollte oder konnte, dass sein Land ihm diesen Einsatz nur wenige Jahre später auf so brutale wie verachtenswerte Weise vergelten würde.

Zwar hatte es Cahn – im Unterschied zu den anderen jüdischen Männern aus Königstein – seiner Verletzung zu verdanken, dass ihn die Schergen des NS-Regimes im November 1938 nicht in Schutzhaft nahmen und nach Buchenwald deportierten. Der Druck wuchs in der Folge aber auch auf ihn.

Verwundung kein Schutz

1940 wickelte Cahn seinen Lederwarenhandel zwangsweise ab. Die damit verbundenen Einnahmen mussten von den Handelspartnern auf ein Sicherungskonto eingezahlt werden, über das Cahn nicht frei verfügen durfte. Wie viele andere hatte er sich um eine Auswanderung bemüht. In einem Schreiben an die Königsteiner Ortspolizeibehörde teilte er am 24. Mai 1940 mit, diese sei jedoch bisher an seiner Kriegsbeschädigung gescheitert.

Die Bürokratie des Terrors jedoch kannte kein Erbarmen. Am 1. September 1942 wurde Albert Cahn nach Theresienstadt deportiert und am 23. Januar 1943 nach Auschwitz gebracht. Dort verliert sich seine Spur. Sein Schicksal aber scheint klar, wenn man bedenkt, dass in diesem größten Vernichtungslager der Nazis mindestens 900 000 Menschen nach ihrer Ankunft nicht registriert, sondern unmittelbar zu den Gaskammern gebracht wurden.

Vor dem Haus Hauptstraße 24 wird Gunter Demnig am 13. März auch einen Stolperstein für Alberts Onkel Maier Cahn verlegt, der 1851 in Königstein geboren wurde. Seine Frau Emilie starb 1910 im Alter von 54 Jahren und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Falkenstein beerdigt.

Maier Cahn war von 1903 bis 1921 Kultusvorsteher der jüdischen Gemeinde. Er war Kaufmann, besaß Aktien und Grundstücke in Königstein, Schneidhain und anderen Orten. Ab Dezember 1938 konnte er gemäß der „Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens“ nicht mehr frei über seinen Besitz verfügen.

Im November 1939 musste Maier Cahn im Alter von 88 Jahren nach Frankfurt ziehen. Für ihn, der sein ganzes Leben in Königstein im eigenen Haus gewohnt hatte, war dies ein großer Bruch.Ohne die Judenverfolgung der Nazis hätte er bis zu seinem Tode zu Hause leben können. Laut Mitteilung seiner Schwester Elise Heymann starb Maier Cahn am 2. Oktober 1940 im Alter von 89 Jahren in Frankfurt.

(tz)
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