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Wie 1917 die Propaganda arbeitete: Doppeldeutige Feldpostkarte

Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, so wird der Erste Weltkrieg von Historikern oft bezeichnet. Vor 100 Jahren begann dieser Krieg, der das Gesicht der Welt von Grund auf verändern sollte. Obwohl es keine kriegerischen Auseinandersetzungen im Taunus gab, war auch hier das Leben vom Krieg beeinflusst. Die TZ widmet sich in einer großen Serie diesem Thema. Lesen Sie heute über eine außergewöhnliche Feldpost.
Bad Homburg. 

Beim Kramen in vergilbten Familiendokumenten entdeckte der Verfasser eine Feldpostkarte vom 4. März 1917. Sie richtete sich an einen Onkel mütterlicherseits, „Grenadier Wilhelm Summa, Grenadier-Regiment 119, 8. Kompanie, II. Bataillon, zur Zeit im Feld“. In gut lesbarer Sütterlinschrift und mit einem Tintenbleistift geschrieben heißt es: „Lieber Freund Wilhelm, da ich gestern Deine Karte in der Kaserne geholt habe, will ich Dir gleich schreiben. Ich werde noch 14 Tage hier im Lazarett bleiben. Bist Du immer gesund und munter? Es grüßt Dich Dein Freund Betz, Leonhard. Absender: Füsilier L. Betz, Lazarett 1, Zimmer 2, 1. Stock bei Ludwigsburg“.

Bemerkenswerter als der Inhalt ist aber die Vorderseite der kolorierten Feldpostkarte. Diese passt so gar nicht zu den Durchhalteparolen des Jahres 1917. Damals trat die USA in den Krieg ein und verschiffte bis 1918 rund eine Million gut ausgebildete und vor allem gut bewaffnete Soldaten ins Kriegsgebiet, während die Briten verstärkt neuartige Stahlkolosse einsetzten. Die Panzer mit ihrer acht Mann starken Besatzung überwanden dank ihres Kettenlaufwerks die Schützengräben und Granattrichter und walzten erbarmungslos alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte.

Auch mit solchen Feldpostkarten sollten unterschwellige Botschaften an die Angehörigen in der Heimat transportiert werden. Bild-Zoom
Auch mit solchen Feldpostkarten sollten unterschwellige Botschaften an die Angehörigen in der Heimat transportiert werden.

Das Bild auf der Vorderseite zeigt einen vom Pferd gestürzten, verwundeten oder tödlich getroffenen Reiter in den Armen eines Sanitäters. Der Text lautet:

Morgenrot.

Ach wie bald, ach wie bald,

Schwindet Schönheit und Gestalt!

Prahlst du noch mit deinen Wangen,

Die wie Milch und Purpur prangen,

Ach die Rosen welken all’.

Die Feldpostkarte mit einem sterbenden Soldaten könnte auf den ersten Blick darauf schließen lassen, dass die Zensur im 1. Weltkrieg weniger streng gehandhabt wurde als später im 2. Weltkrieg. Doch dem war durchaus nicht so. Hinter diesen Postkarten steckte durchaus politisches und propagandistisches Kalkül.

Sie sollten für die Bevölkerung auch ein Ventil sein, um über ihre Trauer um den Tod eines geliebten Menschen oder eines Soldatenkameraden hinwegzuhelfen. Denn die Verluste waren enorm. Kaum eine Familie, in deren Umfeld es nicht mindestens einen Toten zu beklagen gab.

Doch durchaus subtil ist auch hier die Propaganda am Werk. Gezeigt wird ein Sanitäter, der den gefallenen Kameraden in einer nahezu idyllischen Landschaft fast behutsam birgt. Das passt so gar nicht zu den mit Bombenkratern übersäten Kriegsschauplätzen im Osten und Westen. Die Karte sollte für die Menschen der Heimat die Botschaft transportieren: Wir kümmern uns fürsorglich um unsere Gefallenen und bewahren auch im Tod ihre Würde. Aus dem gleichen Grund gab es übrigens auch Feldpostkarten von Soldatenfriedhöfen, die in Bereitschaftsräumen und Lagern der verschiedenen Truppeneinheiten angelegt worden waren.

Wilhelm Summa übrigens, an den sich die Karte richtete, war 1914 als Kriegsfreiwilliger mit Begeisterung in den Krieg gezogen, um für Kaiser, Volk und Vaterland zu kämpfen. Er überlebte die Hölle von Verdun, kehrte 1920 aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück und war überzeugt, dass es nie wieder einen Krieg geben dürfe.

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