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Erinnerung an unfassbares Verbrechen

Von Der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig wurde am Freitagabend im Haus der Begegnung mit dem Eugen-Kogon-Preis der Stadt Königstein ausgezeichnet. Das Stolperstein-Projekt zum Gedenken an die Opfer der NS-Diktatur hat sich längst zu seinem Lebenswerk entwickelt, das Menschen im In- und Ausland tief beeindruckt und bewegt.
Leonhard Helm (links) überreicht Gunter Demnig die Urkunde zur Verleihung des Eugen-Kogon-Preises. Professor Dr. Manfred Schneckenburger (Zweiter von rechts) hielt die Laudatio. Robert Rohr ist Stadtverordnetenvorsteher und Vorsitzender des Eugen-Kogon-Preis-Kuratoriums.	Foto: jr Foto: Jochen Reichwein Leonhard Helm (links) überreicht Gunter Demnig die Urkunde zur Verleihung des Eugen-Kogon-Preises. Professor Dr. Manfred Schneckenburger (Zweiter von rechts) hielt die Laudatio. Robert Rohr ist Stadtverordnetenvorsteher und Vorsitzender des Eugen-Kogon-Preis-Kuratoriums. Foto: jr
Königstein. 

„Es gibt kaum einen Preisträger, zu dem der Preis besser passen würde“, sagte der Stadtverordnetenvorsteher und Vorsitzende des Eugen-Kogon-Preis-Kuratoriums, Robert Rohr (ALK). Mit seinem bereits 1946 erschienenen Werk „Der SS-Staat“ habe Kogon vielen Menschen das System der deutschen Konzentrationslager vor Augen geführt. Gunter Demnig halte die Erinnerung daran bis zum heutigen Tag wach, so Rohr. Mit den Stolpersteinen hole er die Opfer aus der Masse heraus.

Wie groß die Wertschätzung für den zurückhaltend auftretenden Demnig und sein Projekt ist, zeigte sich nicht nur an der Anzahl von rund 200 Zuschauern, unter ihnen zahlreiche Amts- und Würdenträger sowie Vertreter von Stolperstein-Initiativen aus anderen Städten. Demnig ist darüber hinaus der zehnte Preisträger, aber der erste Künstler, der geehrt wurde. Königstein würdige seinen „beeindruckenden Einsatz für die Umsetzung der Idee“, die mittlerweile zum größten dezentralen Mahnmal der Welt geworden sei. „Wir sind alle ergriffen von ihrem Werk“, so Bürgermeister Leonhard Helm (CDU).

Keine leichte Aufgabe hatte Laudator Professor Dr. Manfred Schneckenburger. Wie soll man angemessene Worte für ein derart ungewöhnliches Projekt finden, dem wiederum ein schier unfassbares Verbrechen zugrunde liegt? Dem Kunsthistoriker und ehemaligen Leiter der documenta in Kassel gelang es, sowohl Denkanstöße zu geben als auch die Wichtigkeit der Stolpersteine, der „kleinen Störenfriede“, herauszustellen.

Erinnerung, so der Laudator, sei einer der ältesten Beweggründe für Kunst. Demnig habe eine künstlerische Strategie entwickelt, die neue Wege im Umgang mit dem „ungeheuerlichsten Kultur- und Zivilisationsbruch seit Menschengedenken“ aufzeige. Schneckenburger sprach das Spannungsfeld an, in dem sich Kunst, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzt, bewegt – und die Frage, ob sie überhaupt ein geeignetes Ausdrucksmittel dafür sein kann. Künstler wie Jochen Gerz oder Horst Hoheisel gäben seit den späten 1980er Jahren eine neue Richtung vor, die eine Brücke von der Gegenwart in die Vergangenheit schlüge.

 

Sühne-Ritual

 

Unter diesen „Avantgardisten einer historisch-politischen Gedenkkunst“ nehme Demnig mit seinem radikal dezentralen Projekt eine Sonderstellung ein. Die mehr als 50 000 Stolpersteine im In- und Ausland verdichteten sich zu einem „imaginären Netz, das den Eintritt in die Endphase einer millionenfachen Leidensgeschichte dingfest“ mache. Der Umstand, dass der Künstler jeden einzelnen Stein auf dem Boden knieend und eigenhändig setze, verleihe dem Vorgang zudem etwas von einem Sühne-Ritual.

Demnig verlegt die Stolpersteine jeweils am letzten frei gewählten Wohnort von Opfern des Nazi-Regimes. „Im Moment der Deportation stoßen ,bisher‘ und ,nachher‘ in extremer Härte aufeinander“, führte Schneckenburger weiter aus. Mit den Steinen verankere der Künstler ihr Andenken vor der ehemals eigenen Haustür: „Den endgültigen Verlust von Hoffnung und Zukunft hämmert Demnig Namen für Namen, Datum für Datum ins Metall.“ Der Genozid habe eben nicht in der Gaskammer oder auf einer Laderampe begonnen, „sondern in den Köpfen derer, die über Jahre nicht sehen wollten, was in Schüben abwärtsging“. Jeder weitere Stolperstein bekräftige einen unermesslichen Verlust.

Das könne man symbolisch auch aus der Musik der Klezmer-Band Roman Kuperschmidt Ensemble, die an dem Abend spielte, heraushören, ergänzte Helm. „Sie zeigt uns, was wir verloren haben: einen großen Teil unserer Kultur.“ Gleichzeitig drücke sie nicht nur Melancholie, sondern auch Freude aus – „eben alles, was das menschliche Leben ausmacht“.

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