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Bürgergespräch: Flucht und Neuanfang

Von Streit um Griechenland, Abschottung in der Flüchtlingskrise – Europa gibt derzeit wahrlich kein gutes Bild ab. Dass es sich dennoch lohnt, die blaue Fahne mit den goldenen Sternen hochzuhalten, davon ist man bei der Königsteiner Europa-Initiative absolut überzeugt. Gründe dafür und gegen Ängste vor Überfremdung sollte das jüngste Bürgergespräch liefern.
Um Flüchtlinge als aktuelle Herausforderung für die Kommunen ging es beim Bürgergespräch (Symbolbild) Um Flüchtlinge als aktuelle Herausforderung für die Kommunen ging es beim Bürgergespräch (Symbolbild)
Königstein. 

Schwester, Tante, Freundin, Mutter – Daniela Wohlfahrth sieht sich in ihrer täglichen Arbeit als Leiterin einer Flüchtlingsunterkunft in Friedrichsdorf in vielen Rollen gefordert. Und sie versucht sie alle im Sinne ihrer Schützlinge wahrzunehmen.

Vorausgesetzt, die gut 60 Asylsuchenden aus zwölf Nationen akzeptieren eine weitere Rolle, die für Wohlfahrth unabdingbar ist: „Ich bin der Boss.“ Ohne diese klare Rollenverteilung geht es nicht, weiß die Sozialarbeiterin, die am Donnerstagabend im Rahmen des jüngsten Bürgergesprächs der Königsteiner Europa-Initiative in der Villa Borgnis einen Einblick in ihren Alltag gab.

Ein Alltag, bei dem sie oft nicht wisse, so Wohlfahrth, was sie in den nächsten fünf Minuten erwarte, in dem sie nicht selten versuchen müsse, viele noch dazu ganz unterschiedliche Bälle in der Luft zu halten.

Dass sie dabei ganz offensichtlich noch nicht ihren Humor und ihre Gelassenheit verloren hat, dürfte darauf zurückzuführen sein, dass sie seit den 1980er Jahren in der hauptamtlichen Flüchtlingshilfe beschäftigt ist – lange Jahre davon in der Transitzone am Frankfurter Flughafen.

Nicht „betüddeln“

Sie hat die großen Flüchtlingsbewegungen der 1980er und -90er Jahre kommen und auch wieder gehen gesehen („Die meisten sind heute wieder weg.“) und sich – unüberhörbar – ihren Sinn für Notwendigkeiten und Realitäten bewahrt.

„Flüchtlinge brauchen Unterstützung und Führung“, lautet ein Credo der Sozialarbeiterin, dass sich auf der Erfahrung von vielen Jahren gründe. Dazu gehöre auch die Schaffung von Strukturen im Alltag der Asylsuchenden bis hin zur Vermittlung von Pünktlichkeit und Verlässlichkeit.

So löblich und wichtig die große Hilfsbereitschaft sei, die viele Bundesbürger an den Tag legten, so wenig dürfe man den Fehler machen, die Flüchtlinge zu „betüddeln“. Wohlfahrth: „Das sind erwachsene Menschen, denen wir ihre Eigenständigkeit lassen müssen.“

Kritisch steht die Fachfrau auch der „Welle des Willkommens“ gegenüber, mit denen die Flüchtlinge zeitweise an den Bahnhöfen in Empfang „überschwemmt“ worden seien. Wohlfahrt: „Das ist nicht real.“ So wie man den Hilfesuchenden Leitlinien an die Hand geben müsse, so dürfe auch das Helfen nicht aus dem Ruder laufen.

Für Anna Breuninger, Schülerin der Bad Homburger Humboldt-Schule, steht außer Frage, dass Europa den Asylsuchenden helfen muss. Letztlich auch aus dem eigenen Selbstverständnis heraus, das unterstrich die 17-Jährige auf dem Podium in Königstein. Wenn man sich hinterfrage, was es bedeute, Europäer zu sein, dann gehöre für sie neben dem Leben in Frieden, Freiheit und Wohlstand zwingend auch die Hilfe für jene dazu, denen es schlechter gehe.

Diesen und weitere Gedanken zur Flüchtlingskrise hat die 17-Jährige – inspiriert durch die Geschehnisse in und um Lampedusa – in einer Photoshop-Collage verarbeitet und damit einen der ersten Preise beim bundesweiten Europäischen Wettbewerb gewonnen.

Dass die Deutschen auf Zuwanderung angewiesen sind, wenn sie ihren hohen Lebensstandard halten und die Rentenkassen füllen wollen, davon ist Natascha Ramadanovic, die Europabeauftragte des Hochtaunuskreises und Moderatorin des Abends, überzeugt.

Eine Win-win-Situation

Wie wertvoll für beide Seiten die Freizügigkeit ist, die die Europäische Union bei der Jobsuche allen Arbeitnehmern aus ihren Mitgliedsländern einräumt, dafür ist Marta Almenara ein gutes Beispiel.

Die 26-jährige Spanierin hat vor wenigen Wochen ihre Zelte im heimischen Granada abgebrochen und eine Stelle als Erzieherin beim Verein zur Förderung der Integration Behinderter (VzF) in Oberursel angetreten. Neudeutsch eine „Win-win-Situation“. Die studierte Erzieherin, die über einen Aushang an der Uni von Granada auf die Stelle in Oberursel aufmerksam wurde, hat einen Job, den sie so ob der hohen Jugendarbeitslosigkeit in ihrer Heimat vermutlich nicht gefunden hätte. Und Karin Birk-Lemper, stellvertretende Geschäftsführerin des VzF, hat eine Fachkraft gewonnen, die sie lange vergeblich auf dem in diesem Sektor nahezu leergefegten Arbeitsmarkt in Deutschland gesucht hat.

„Mit Menschen angemessen umzugehen, ist überall auf der Welt ziemlich gleich“, weiß Birk-Lemper. Da, wo es bei Marta Almenara noch etwas an Sprachkenntnissen fehle, bediene man sich eben der nonverbalen Kommunikation – das funktioniere durchaus. Nachdem die junge Spanierin – nach einigen wenig erfreulichen Erfahrungen mit deutschen Vermietern – eine Wohnung in Oberursel gefunden hat, geht es jetzt ans „Einleben“.

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