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Arbeitskreis Asyl: Flüchtlinge ausgenutzt?

Neun Stunden Arbeit am Stück, ohne eine Pause machen zu dürfen. Und das für eine spärliche Bezahlung: Asylbewerber beklagen sich bitter.
Foto: Kay Nietfeld Foto: Kay Nietfeld
Friedrichsdorf. 

Sie sind vor Krieg und Verfolgung aus ihrer Heimat geflohen, haben es nach monatelanger gefährlicher Flucht nach Deutschland geschafft, wollen arbeiten – und werden offenbar schamlos ausgenutzt. Acht Asylbewerber aus Friedrichsdorf und Bad Homburg, die bei einem Frankfurter Reinigungsunternehmen beschäftigt waren, haben sich bitter beklagt und ihre Arbeit abgebrochen. Der Friedrichsdorfer Arbeitskreis Asyl prüft rechtliche Schritte und hat die Arbeitsagentur, das Sozialamt sowie die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt informiert, berichtet Arbeitskreis-Vorsitzende Regine Trenkle-Freund.

„Die Welt ist aus den Fugen geraten“

Seit 25 Jahren gibt es den Arbeitskreis Asyl in Friedrichsdorf. Genauso lang ist dessen Vorsitzende Regine Trenkle-Freund schon dabei. Wir haben die 59 Jahre alte Lehrerin nach ihrer Einschätzung der aktuellen Lage gefragt. Und nach konkreten Problemen der Flüchtlinge, die bereits hier leben. Das Gespräch führte Redakteurin Christiane Paiement-Gensrich.

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„Am schlimmsten ist es einem 20 Jahre alten Mann aus Somalia ergangen“, sagt sie. „Er musste an 15 aufeinanderfolgenden Tagen je neun Stunden ohne Pause durcharbeiten. Zeit, etwas zu essen oder zu trinken, hatte er nicht.“ Das allein sei schon gesetzeswidrig. Trenkle-Freund weiter: „Statt der 135 Stunden, die er, wie er uns sagte, gearbeitet hat, wurden nur 60 Stunden auf seinem Lohnzettel vermerkt. Dafür sollte er dann – inklusive Sonntagszuschlag – 581 Euro netto erhalten und bekam schließlich nur einen Scheck über 357 Euro.“ Da werde ausgenutzt, dass Flüchtlinge oft nur schlecht Deutsch sprächen und sich deshalb nur schwer wehren könnten. Ähnliches wie ihr Landsmann haben Ahmed M. und Samatar A. (Namen von der Redaktion geändert) erlebt. Die 29 und 30 Jahre alten Somalier zeigen ein Formular vor, auf dem ganz korrekt 9,55 Euro pro Stunde gemäß Tarifvertrag Gebäudereiniger vermerkt sind. Aber als sie zum Arbeitsplatz gekommen seien – „es war ein Hotel, in dem wir die Zimmer säubern mussten“ – sei plötzlich alles ganz anders gewesen. „Wir mussten täglich von 8 bis 17 Uhr ohne Pause durcharbeiten“, sagt Ahmed M. Bezahlt worden seien sie nicht nach Stunden. „Uns wurde erklärt, wir bekämen pro Zimmer 2,75 Euro. Aber um ein großes Hotelzimmer zu reinigen, brauchen wir, inklusive Badezimmer säubern, Bett machen, Staub wischen sowie im und vor dem Zimmer staubsaugen, eine halbe Stunde.“ Das passt nicht zum Mindestlohn.

Mindestlohn ist Pflicht

Auf Nachfrage erklärte Anna Morales, Pressesprecherin der Frankfurter Agentur für Arbeit, derzeit seien ihr noch keine Beschwerden bekannt. Aber eine Firma, die von ihren Beschäftigten verlange, dass sie zu Dumping-Löhnen Arbeiten erledigten, die in der vorgegeben Zeit nicht zu schaffen seien, bekomme keine Leute mehr vermittelt. „Der gesetzliche Mindestlohn muss eingehalten werden. Und eine Einarbeitungszeit muss man den Leuten zugestehen.“ Ob ein Hotelzimmer in rund 20 Minuten gereinigt werden könne, könne sie nicht pauschal sagen. „Das kommt auf den Einzelfall an.“ Also auf Größe und Art des Zimmers. Auch der Leiter der Arbeitsagentur in Bad Homburg, Matthias Oppel, hat derzeit weder aus dem Hochtaunuskreis noch aus dem Main-Taunus-Kreis von Beschwerden von Asylbewerbern gehört. Allerdings gebe es derzeit auch noch nicht sehr viele Flüchtlinge, die einen Job hätten. Aber: „Unter den Firmen gibt es ab und zu schwarze Schafe, Das ist aber ein sehr kleiner Teil und hat nicht unbedingt mit Flüchtlingen zu tun.“ Beschwerden über andere Firmen liegen auch dem Arbeitskreis Asyl derzeit nicht vor, so Trenkle-Freund.

Warum Ahmed M. nach Deutschland gekommen ist? „Mein Vater wurde von Mitgliedern der radikalislamischen Al-Schabab-Miliz ermordet. Dann nahmen sie mich ins Visier. Ich musste fliehen, dabei hatte ich gerade drei Monate zuvor geheiratet“, berichtet er. Jemand habe ihm Papiere und ein Flugticket für die Türkei beschafft. Vor dort sei er zu Fuß über Bulgarien und Serbien nach Ungarn gekommen. Dann habe ihn jemand per Pkw nach Österreich gebracht. Von dort sei er mit dem Zug nach München gefahren. Sieben Monate war er unterwegs, im Oktober 2013 kam er in Deutschland an. Seine Frau frage ihn immer, warum er nicht zu ihr zurückkomme. „Ich möchte so schnell wie möglich einen guten Job finden, damit ich meinen Lebensunterhalt bezahlen und meine Familie unterstützen kann“, sagt er. In seiner Heimat hatte er als Fahrer und als Verkäufer gearbeitet. „Eine Berufsausbildung gibt es bei uns nicht“, sagt er. „Man arbeitet einfach.“

Aus Schlauchboot gerettet

Samatar A. war zwei Jahre nach Deutschland unterwegs, von Juni 2011 bis Juni 2013. „Ich bin aus Somalia geflohen, weil mich eine Miliz zwangsrekrutieren wollte.“ Über Äthiopien, den Sudan und durch die Sahara ist er nach Libyen gekommen. Dort haben ihn Schlepper in ein Schlauchboot steigen lassen, das dann in Richtung Italien fuhr. „Wir waren 108 Personen. In der Nähe von Lampedusa verlor das Boot plötzlich Luft. Zum Glück entdeckte uns ein Hubschrauber der italienischen Küstenwache.“ Samatar A. wurde gerettet, kam per Zug nach München und dann nach Hessen. Seine Frau und seine acht und neun Jahre alten Töchter sind noch in Somalia. Dort hat er als Bauer, Viehhändler und Soldat gearbeitet. Natürlich wolle auch er schnellstmöglich einen guten Job finden „Am meisten wünsche ich mir, dass meine Familie zu mir kommen kann“, sagt er. Das ist verständlich. Wer auf der Internet-Seite des Auswärtigen Amtes unter „Somalia“ nachschaut, der findet unter anderem folgende Warnung, die zwar vor allem für Ausländer gilt, aber auch über die Lage der einheimischen Bevölkerung kaum Zweifel aufkommen lässt: „Wer sich in Somalia aufhält, muss sich der Gefährdung durch Kampfhandlungen, Piraterie sowie terroristisch oder kriminell motivierte Gewaltakte bewusst sein.“

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