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Kapitalismuskritik: Für Bruno Leipold ist Karl Marx noch aktuell

Karl Marx? Das war doch der mit dem Bart, der mit dem Kapitalismus abgerechnet hat. Ist das nicht längst überholt? Nein, sagt dazu Dr. Bruno Leipold, der sich seit Oktober als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg aufhält. Für seine Doktorarbeit hat er sich intensiv mit Marx beschäftigt. Der wäre mit den Arbeitsverhältnissen auch bei uns immer noch nicht einverstanden.
Für Dr. Bruno Leipold ist die Lektüre der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels auch heute noch lohnend. Foto: Jochen Reichwein Für Dr. Bruno Leipold ist die Lektüre der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels auch heute noch lohnend.
Bad Homburg. 

Marx ist noch längst nicht tot – auch wenn er vor 200 Jahren am 5. Mai 1818 in Trier geboren wurde und 1883 in London starb. Für Dr. Bruno Leipold sind die Überlegungen des bekannten und chronisch in Geldnot steckenden Bartträgers nach wie vor hochaktuell. „Marx ist oft falsch verstanden worden, so als er würde er uns eine geschlossene Theorie anbieten. Dabei hat er vielmehr einen Werkzeugkasten entwickelt, mit dem eine Gesellschaft auch heute noch untersucht und verstanden werden kann.“

Dabei weiß er, dass die Analysen von Marx immer wieder missbraucht wurden. Deshalb ist es für den 28-jährigen Politikwissenschaftler, der in Oxford über Marx promoviert hat und zurzeit als „Postdoctoral Fellow“ wissenschaftlich an der Frankfurter Goethe-Universität und am Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg arbeitet, ein Glück, „dass wir nach dem Zusammenbruch des Ostblocks heute in der Lage sind, einen weniger dogmatischen Blick auf Marx und seine Theorie zu werfen.“ Auch um sie auf unsere Zeit anzuwenden.

Kein freies Verhältnis

Stichwort Lohnarbeit: Durch den Einfluss der Gewerkschaften, moderne Arbeitsschutzbestimmungen und die soziale Absicherung in unserer westlichen Welt, wird Lohnarbeit heute als ein weitestgehend freies Vertragsverhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern bewertet. „Für Marx aber ist das immer noch kein wirklich freies Verhältnis“, konstatiert der Forscher und erklärt: „Die Arbeitnehmer müssen weiterhin ihre Arbeitskraft verkaufen, um überleben zu können, ohne dass ihnen die Produktionsmittel gehören.“ Zu diesen Mitteln gehören längst nicht nur der Besitz von Maschinen und Produktionsanlagen. Auch die Infrastruktur von Büros, der Zugang zu weltweiten Netzwerken und die technische Ausstattung mit PCs bei den nicht-industriellen Arbeitsplätzen können dazu gerechnet werden.

Karl Marx Bild-Zoom Foto: AdsD/Friedrich-Ebert-Stiftung (AdsD/Friedrich-Ebert-Stiftung)
Karl Marx

„Marx würde sagen, dass wir zwar viel bei der Verteilung getan haben. An der Produktionsweise hat es aber nicht viel geändert.“ Das wiederum gebe den Arbeitgebern einen nach wie vor großen Einfluss auf die Höhe der Entlohnung und der Arbeitszeiten. Dazu komme, so Leipold, die am Arbeitsplatz selbst herrschenden (Macht-)Verhältnisse. Aktuell sehe man das an der „#Metoo“-Debatte, bei der sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz breit diskutiert werden.

Für den in England geborenen und in Kenia aufgewachsenen Leipold, ist Marx auch im Internetzeitalter aktuell: „Als in den 1990er Jahren das Internet immer mehr an Bedeutung gewann, sind etliche kleine Firmen und Start Ups entstanden. Heute sehen wir, dass sich Internetgiganten wie Amazon, Google und Facebook durchsetzen und vieles einverleiben.“ Marx hat das Akkumulation genannt. Kleine selbständige Anbieter bleiben auf der Strecke. Die, die mitmachen, sehen sich großem Druck ausgesetzt und können selbst auf Geschäftsgebaren und Arbeitsbedingungen kaum noch Einfluss nehmen, wenn sie im Spiel bleiben wollen.

Das Forschungskolleg Humanwissenschaften

Das Forschungskolleg Humanwissenschaften ist ein „Institute for Advanced Studies“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Es wurde 2009 in Kooperation mit der Werner Reimers-Stiftung am Rande des

clearing

Deshalb lohne es sich, so Leipold, immer wieder bei Marx und seiner Kapitalismuskritik nachzusehen. Ihn könne man zu seinem Geburtstag durchaus feiern, sagt er und zitiert den deutschen Sozialdemokraten und ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt (1913–1992): „Was immer man aus Marx gemacht hat: Das Streben nach Freiheit, nach Befreiung der Menschen aus Knechtschaft und unwürdiger Abhängigkeit war Motiv seines Handelns.“

Radikale Demokratie

Bei seinen aktuellen Forschungen in Frankfurt und Bad Homburg beschäftigt sich Dr. Bruno Leipold schwerpunktmäßig mit Theorien zur radikalen Demokratie im 19. Jahrhundert. Dabei untersucht er auch das imperative Mandat, das die Inhaber „gesetzlich verpflichtet, die Anweisungen ihrer Wähler zu befolgen“. In vielen liberalen, repräsentativen Demokratien ist dieses Mandat zugunsten des freien, nur dem Gewissen verpflichteten Mandat verboten. Leipold will mit seinen Forschungen zeigen, dass aber gerade das imperative Mandat modernen Demokratien durchaus gut tun könnte.

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