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Homburger Fabrikant: Heute vor 100 Jahren starb Jean Emil Leonhardt

Von Jean Emil Leonhardt war ein tiefgläubiger Mensch, der das Wirtschaftsleben der Stadt prägte. Der Homburger Fabrikant starb heute vor 100 Jahren. Stadthistorikerin Gerta Walsh berichtet in einer zweiteiligen Serie über sein Leben und Wirken.
Während des Ersten Weltkrieg organisierte Jean Emil Leonhardt (5. von links) verschiedene wohltätige Sammlungen, um die schlimmste Not der Bevölkerung zu lindern. Foto: Privat Während des Ersten Weltkrieg organisierte Jean Emil Leonhardt (5. von links) verschiedene wohltätige Sammlungen, um die schlimmste Not der Bevölkerung zu lindern.
Bad Homburg. 

Jean Emil Leonhardt kam am 25. Oktober 1853 als Sohn eines erfolgreichen Kaufmanns zur Welt und wuchs mit einigen Brüdern und Schwestern in einer betont christlichen Familie in Homburg auf, die damals 6 000 Einwohner bei 9 000 Kurgästen zählte. Nach Beendigung der Schulzeit ging er 1870 nach England, um dort eine kaufmännische Ausbildung zu erwerben und dann bis 1900 in der Seidenbranche zu wirken; zugleich lebte er immer wieder in Homburg. 1883 erwarb er die britische Staatsbürgerschaft, die nach damaligem Gesetz nur dort Gültigkeit hatte, während er in der Heimat nur deutscher Bürger war.

Starker Glaube an Gott

Sein starker Glaube und die Suche nach einem Christentum der aktiven Nächstenliebe brachte ihn in England zur Gemeinschaft der „Offenen Brüder“, was sein zukünftiges Leben beeinflusste. 1887 gründete er in Homburg unter Zusammenschluss mit den Baptisten die „Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde“. In einem Raum Am Mühlberg 11 a begann man, zog dann in die Louisenstraße 74 um. Von 1899 bis 1967 war man in der Elisabethenstraße 19 a beheimatet. Später entstand von 1962 bis 1967 das jetzige Gemeindezentrum in der Sodener Straße. Solange er lebte blieb sein Gründer dieser Gemeinde treu und unterstützte sie auf vielfache Weise.

Firmengründung 1905

Sein unternehmerisches Können bewies Leonhardt bei der 1905 erfolgten Gründung der Rex-Conservenglas-Gesellschaft in seinem Wohnhaus in der Ferdinandstraße 20, der „Villa Else“, ab 1914 Louisenstraße 121. Diese Form der Haltbarmachung von Obst, Gemüse, Fleisch und Milch für Babys, war in einer Zeit ohne Kühlschrank eine Erleichterung für die Hausfrau. Die rasche Verbreitung der Rex-Gläser lag an ihrer besonderen Qualität und am dazugehörenden Einkochapparat mit verstellbarem Stangeneinsatz.

Im Laufe der Jahre entwickelte die Firma eine komplette Ausrüstung von Gläsern verschiedener Größen. Um sich die kommende Generation als Käuferinnen heranzuziehen, vertrieb Rex einen Einmachapparat für Kinder mit entsprechend kleinem Zubehör. Die Herausgabe von Kochbüchern tat ein Übriges, um die Hausfrau an Rex zu binden. Zahlreiche Auszeichnungen und Preise auf Gartenbau-, Hauswirtschaft- und Kochkunst-Ausstellungen konnte Leonhardt für seine Arbeit sammeln. Der Verkauf von gefüllten Rex-Gläsern sorgte für die Erweiterung des Unternehmens, zumal das hierfür benötigte Obst und Gemüse vom Anbau auf dem eigenen Gelände der heutigen Kleingartenanlage im Mariannenweg neben dem Kleinen Tannenwald stammte.

Jean Emil Leonhardt starb heute vor 100 Jahren. Bild-Zoom
Jean Emil Leonhardt starb heute vor 100 Jahren.

Homburger Frauen und Mädchen waren zum Füllen der Gläser angestellt. Der Preis für ein Ein-Liter- Glas mit Kirschen, Mirabellen oder Gurkensalat betrug 1,35 Mark, für Spargel 2,95. Man war besonders stolz auf einen Auftrag von Kaiserin Auguste Viktoria, die eine Sendung für das ferne kaiserliche Gut Cadinen in Ostpreußen bestellte.

Weltweiter Export

Die Gläser wurden im schlesischen Oppeln geblasen und danach mit der Bahn nach Homburg geschickt. Von Homburg gingen im Jahr 1910 rund fünf Millionen Gläser in deutsche Haushalte oder sogar bis nach Afrika, Nordamerika, China und Japan. Die große Popularität des Rex-Glases führte dazu, dass sich in Homburg das Wort „einrexen“ verbreitete.

Zwei Jahre nach der Gründung der Firma hatte Leonhardt einen Teilhaber aufgenommen, den er durch die Freikirchliche Gemeinde kannte und der dort den Chor leitete. Nach Leonhardts frühem Tod übernahm dieser Friedrich Kleemann 1918 vertragsgemäß die Firma, veräußerte sie aber am 1. Januar 1926 und gründete zusammen mit seinem Sohn eine Motorrad-Fabrik. Als Firmenname wählten sie HO (für Homburg) und REX (Name der Einmachgläser). Die Kultmarke Horex war entstanden. Das Konstruktionsbüro befand sich im ehemaligen Leonhardt’schen Haus in der Louisenstraße 121.

Bereits 1907 erwarb Leonhardt die Schweizer „Greyerzer Condens-Milch-Werke“ in Epagny im Kanton Fribourg, was sich in sein Konzept der Vorratshaltung einfügte. Im Weltkrieg bot dies die Möglichkeit, nach Deutschland über die Zentrale Einkaufsgesellschaft Berlin Büchsenmilch zu liefern.

In Homburg konnte Leonhardt dieses damals kostbare Gut an Bedürftige verteilen. Sein Lebensmittelpunkt blieb Homburg. Hier wuchsen seine fünf Söhne und drei Töchter auf, von denen einige in England geboren wurden und wo er 1897 Ida Schneider geheiratet hatte.

Die „Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde“ in der Sodener Straße wird am kommenden Sonntag, 10 Uhr, im Gottesdienst ihres Gründers gedenken.

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