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Keine Seite kann gewinnen

Von Der Nahostexperte Michael Mertes sieht viele Parallelen zwischen dem Nahostkonflikt und dem Dreißigjährigen Krieg. Und wenn es nach einmal 30 Jahre dauert, eine Lösung müsse von innen kommen.
Bad Homburg. 
Michael Mertes Bild-Zoom
Michael Mertes

An Krisenregionen in der Welt fehlt es wahrlich nicht, und der Nahe Osten ist, so scheint es, die für Europa bedrohlichste Krisenregion. Michael Mertes, ehemaliger Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem, beleuchtete die gesamte Krisenregion Naher Osten um den israelisch-palästinensischen Kernkonflikt. „Ein neuer Dreißigjähriger Krieg? Religiöse und machtpolitische Konfliktlagen im Nahen Osten“, lautete der Titel seines Vortrags im Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität am Bad Homburger Wingertsberg.

Wie könnte ein „Westfälischer Friede“ für die Region aussehen? Dazu hatte der Referent kein Patentrezept, aber die vielsagende Pointe eines jüdischen Witzes, von denen er einige in seine Analysen einstreute, könnte die Situation treffend wiedergeben: „Wenn jemand Israel konfuser verlässt, als er gekommen ist, dann hat der eine Menge gelernt“, lautet sie.

Aber wer den gordischen Knoten nicht zerschlagen, sondern entknoten will, braucht eine Menge Geduld, vor allem Zeit – und da brauchen 30 Jahre nicht unbedingt ein Maßstab zu sein. „Im Nahen Osten ticken die Uhren anders“, sagte Mertes, und Zeit hätten nach eigenem Gutdünken vor allem die Palästinenser.

Viele Aspekte zur Entknotung lieferte Mertes und stellte so manches Vorurteil auf den Prüfstand: Den israelisch-palästinensichen Konflikt als „Mutter aller Konflikte“ zu betrachten, sei eine zu enge Perspektive, meinte er. Vielmehr zählte der Nahostexperte den Zerfall staatlicher Ordnung im gesamten Krisenbogen, den er von Nigeria über den Nahen Osten bis nach Pakistan spannte, zu den Bedingungen, welche die Sicherheit bedrohten und zerstörten.

 

Gewaltmonopol verloren

 

In den Krisengebieten haben – vielfach im Rahmen des „arabischen Frühlings“ – Staaten das Gewaltmonopol verloren. Das gelte für den Irak und Syrien, aber auch für afrikanische Länder. Ägypten sei noch eine Ausnahme, auch in Jordanien sei das staatliche Gewaltmonopol noch intakt und beide Nachbarländer deshalb wichtige Faktoren in der Sicherheitspolitik Israels. Dort wo der Staat schwach ist, breiteten sich die nichtstaatlichen Milizen und extreme Gruppen aus, unterstützt von Staaten wie Katar und Saudi Arabien.

„Den Aufstieg des IS hat meines Erachtens niemand vorhersehen können“, sagte Mertes. Es sei ein Quasi-Staat, der sich deshalb von dem dezentralisierten Netzwerk der Al-Qaida unterscheide. Eine zunehmende Bedrohung für Europa hält Mertes nicht für ausgeschlossen, dann nämlich, wenn es dem IS gelänge, in Nordafrika, beispielsweise Libyen, ein Sprungbrett nach Europa, namentlich nach Italien und Griechenland, aufzubauen.

Wie unvorhersehbar und unübersichtlich die Gemengelage ist, zeigte der Referent anhand einer Karte, welche die Fragmentierung der zum Teil rivalisierenden ethnischen und religiösen Gruppen zeigte. Es fehle eine nationalstaatliche Identität, so Mertes. Auch die unterschiedlichen Interessen der großen Staaten zählt Mertes zu den Ursachen der instabilen Lage. Während in der Türkei Visionen von einem neoosmanischen Reich gehegt würden, sei die Dominanz in der Region Ziel für den Iran, und Saudi Arabien sei an der Verteidigung seiner Position gelegen.

Als treibende Kraft wollte Mertes deshalb nicht, wie es verbreitete Ansicht sei, die Religionen gelten lassen. Daneben hält er vor allem säkulare Machtinteressen für ausschlaggebend. Im Falle des IS seien die Führer aber Überzeugungstäter mit dem Ziel eines Kalifats und dem Feindbild aller Ungläubigen, nicht nur im Westen. Denn mit Hinrichtungen wie der des Jordanischen Piloten ziehe der IS die Wut der sunnitischen Welt auf sich. Zur Frage, was die Religion zum Frieden beitragen könne, sagte Mertes, dass es an entsprechenden Autoritäten fehle.

 

Tiefes Tal der Tränen

 

Für den israelisch-palästinensischen Konflikt spielte Mertes von der Zwei-Staaten-Lösung über die Ein-Staaten-Lösung bis dem Status Quo einige Optionen durch. In jedem Falle, so sein Fazit, müsse die Lösung von innen kommen, auch wenn man vielleicht noch durch ein tiefes Tal der Tränen und des Blutes gehen müsse, und das bezog er auf die gesamte Region. Auch im Dreißjährigen Krieg, der sich seiner Meinung nach auch nicht auf einen Krieg zwischen Protestanten und Katholiken reduzieren lasse, sei man – nach 30 Jahren – zur Einsicht gekommen, dass keine Seite gewinnen könne.

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