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Ackerbau: Landwirt Stefan Wagner setzt auf High-Tech

Von Messstationen der Bad Homburger Firma LI-COR sammeln Daten über das Weizenfeld von Kronenhof-Landwirt Stefan Wagner. Das soll dabei helfen, das Feld individuell auszusäen, zu wässern und zu düngen. Die Tage der Bauernregeln scheinen endgültig gezählt.
Dr. Frank Grießbaum (l.) von LI-COR und Landwirt Stefan Wagner stehen an den Hightech-Geräten. Foto: Jochen Reichwein Dr. Frank Grießbaum (l.) von LI-COR und Landwirt Stefan Wagner stehen an den Hightech-Geräten.
Bad Homburg. 

„Wie die sieben Brüder das Wetter gestalten, so soll es noch sieben Wochen halten.“ Was genau uns diese Bauernregel sagen will, lesen Sie in der Box unen rechts. Agrarbetriebswirt Stefan Wagner, der seit zehn Jahren die landwirtschaftlichen Flächen des Kronenhofs bewirtschaftet, weiß es wahrscheinlich. Vor allem aber weiß er, dass die Zeiten, da sich ein Landwirt allein auf die goldenen Bauernregeln verlassen konnte, längst vorbei sind. Das hat viel mit der Erderwärmung, den damit verbundenen Veränderungen und weiteren Umwelteinflüssen zu tun. Ausbleibender und starker Niederschlag sowie sich verschiebende Vegetationsperioden stellen die Landwirtschaft vor immer neue Herausforderungen.

Vorbei sind daher auch die Zeiten, da sich der Bauer auf einen simplen Traktor gesetzt hat und über seine Felder gefahren ist. Heute ist vielerorts Hightech am Start. Wenn Landwirt Wagner, selbst ernannter Technik-Fetischist, seinen Mähdrescher anwirft, springt auch ein GPS-System an und sendet quasi sekündlich Daten. Eine neue Kooperation soll künftig die Bauernregeln endgültig ersetzen. Wagner hat sich mit den Wissenschaftlern des Bad Homburger Unternehmens LI-COR Biosciences zusammengetan. Über das rund zwölf Hektar große Weizenfeld zwischen Kronenhof und Autobahn wacht künftig die Ökosystem-Messstation Agroflux. Und was dieses rein optisch unscheinbare Gestänge alles kann, ist enorm.

Turbulenzen messen

„Wir sehen den Pflanzen sprichwörtlich beim Atmen zu“, erklärt Dr. Frank Grießbaum von LI-COR. Das funktioniert, in dem die Turbulenzen über dem Feld gemessen werden. Dabei geht es um die Aufnahme von Kohlendioxid und die Wasserverdunstung. Grießbaum vergleicht das mit kleinen Luftpaketen, die sich bewegen. Die voll automatisierte Messtechnik setzt dabei auf Ultraschall. Zusätzlich zur Messung der Kohlendioxidaufnahme und der Wasserverdunstung werden an einer zweiten Messstation noch Parameter einer typischen meteorologischen Station sowie weitere Ökosystem-relevante Parameter wie die fotosyntheseaktive Strahlung oder die Strahlungs- und Energiebilanz sowie physikalische Bodenparameter erfasst.

Über Sensoren werden beispielsweise Bodenfeuchtigkeit und -temperatur gemessen. Demnächst soll auch noch eine Kamera angebracht werden, die das sich verändernde Erscheinungsbild der Ackerfläche festhält. Zudem wird die Fläche mit Satellitentechnik über einen Drittanbieter vermessen, der Aussagen über den jeweils aktuellen Biomassebestand treffen kann.

„Früher ist man den Acker hoch und runter gefahren und hat geglaubt, der Ertrag wäre überall annähernd gleich“, erklärt Wagner. Mit dem Einzug hochmoderner Technik in der Landwirtschaft lassen sich mittlerweile per Bodenanalyse Ertragsunterschiede exakt bemessen – und auch die Gründe dafür analysieren. Die Messdaten sollen helfen, zu erklären, warum ein Jahr besser oder schlechter war als das vorherige. Wagner: „Dabei ist der Niederschlag nur ein Thema.“ Die Messungen sollen auch dazu führen, dass die Ressourcen des Landwirts geschont werden: „Nährstoffe sind teuer und sollten auch wegen der Umwelt schonend eingesetzt werden“, sagt Wagner. Gleiches gelte natürlich auch für die Bewässerung. Je nach Zustand der Böden wählt der Landwirt sogar die Bereifung seiner Traktoren aus. Nur am Feldrand setzt der Herr vom Kronenhof auf Tradition: Dort sollen Blühstreifen Insekten eine Heimat geben.

Punktgenau ausbringen

Schon jetzt betreibt Wagner mit seinem satellitengestützten Maschinenpark das, was man „Precision Farming“ nennt: „Präzisionsackerbau“. Und so ist der Computer für den Landwirt längst so wichtig wie der Traktor. Sämtliche Daten, die er sammelt, werden am Schreibtisch ausgewertet. Anschließend wird der jeweilige Bordcomputer damit gefüttert. Über die GPS-Daten können dann die teuren Nährstoffe punktgenau auf dem Feld ausgebracht werden. „Der Schieber geht alle paar Sekunden ein Stück mehr auf oder zu“, erklärt Wagner wie akkurat und effizient heutige landwirtschaftliche Maschinen arbeiten.

LI-COR, Weltmarktführer in der Entwicklung von Ökosystemmesstechnik, verfolgt die Arbeit auf dem Feld von der Aussaat bis zur Ernte. Das Weizenfeld von Landwirt Wagner – die Kooperation ist auf Jahre angelegt – ist für das Unternehmen ein Testfeld, das Demonstrationszwecken und zur Weiterentwicklung in der agrartechnischen Anwendung dient. Die Zusammenarbeit mit Wagner fußt auf eine zufälligen Begegnung am Feldesrand. Vor längerer Zeit hatten LI-COR-Wissenschaftler dort Lichtsensoren kalibriert. Das war „Technik-Freak“ aufgefallen, man kam ins Gespräch.

Doch trotz Vorsprung durch Technik – eines können die Messstationen Wagner nicht liefern und das ist dringend benötigter Niederschlag. „2018 war bislang extrem trocken“, sagt der Landwirt. Daher befürchtet er „10 bis 20 Prozent Ertragsrückgang“.

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